Interview

Eine positive Folge der Coronakrise: einheimische Nahrungsmittelproduktion läuft gut

Die Nachfrage nach in der Schweiz produzierten Nahrungsmitteln ist gestiegen, weil der Einkauf ennet der Landesgrenze wegfällt. Für die Erntearbeit auf den Feldern hofft der Geschäftsführer des St.Galler Bauernverbandes auf einheimische Helfer.

Adi Lippuner
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Sieht eine stark steigende Nachfrage nach Milchprodukten und Käse: Andreas Widmer, Geschäftsführer des kantonalen Bauernverbandes.

Sieht eine stark steigende Nachfrage nach Milchprodukten und Käse: Andreas Widmer, Geschäftsführer des kantonalen Bauernverbandes.

Bild: PD

Andreas Widmer aus Mühlrüti ist CVP-Kantonsrat und Geschäftsführer des St. Galler Bauernverbandes. In der Corona-Krise sieht er kurzfristig auch eine Chance.

Sind Kontrollen durch den Kontrolldienst oder durch den Kantonstierarzt ohne Voranmeldung auf Bauernhöfen aktuell noch möglich?

Andreas Widmer: Im Kanton St. Gallen sind die ordentlichen Betriebskontrollen bis am 31. März ausgesetzt. Landwirtschaftsamt und Veterinäramt werden in den nächsten Tagen über das Vorgehen ab 1. April entscheiden. Das Veterinäramt unternimmt aktuell keine Kontrollen. Mit Ausnahmen – bei Tierschutzvergehen wird das Veterinäramt einschreiten.

Haben Bauern das Recht bzw. die Pflicht, Besucher von ihren Betrieben fernzuhalten?

Es besteht keine Pflicht, Besucher wegzuweisen. Aber in Anwendung der vom BAG (Bundesamt für Gesundheit) verordneten Vorsichtsmassnahmen vermeiden die Bauern unnötige Personenkontakte. Und wenn Personenkontakte notwendig sind, unter Einhaltung von genügend Abstand. Es ist aber nicht so, dass beispielsweise die Betriebe, welche Stallvisite anbieten, diese den Besuchern nicht mehr zugänglich machen. Die Stallvisite ist Teil der Öffentlichkeitsarbeit, durch Betriebe, welche dauernd besucht werden können.

Der effektive Frischmilchverkauf ist angestiegen.

Der effektive Frischmilchverkauf ist angestiegen.

Bild: Dominik Wunderli

Wie schaut es mit der Milchlieferung aus? Gibt es genügend oder gar Überschüsse?

Der Milchlieferungen sind zur Zeit in normalem Rahmen. Die Nachfrage ist (noch) nicht sprunghaft angestiegen. Der Milchmarkt selber muss sich jedoch in der Coronakrise finden. Über die Gastrokanäle kann fast nichts mehr abgesetzt werden, dafür kaufen die Privathaushalte mehr Milchprodukte ein. Interessant ist, dass der effektive Frischmilchverbrauch angestiegen ist. Auf Grund des veränderten Gesamtkonsums werden aber alle einheimischen Milchprodukte und insbesondere der Käse in den nächsten Wochen auf mehr Nachfrage stossen. Entscheidend, ob die Milchproduktion in den Schweizer Ställen erhöht werden kann, ist die Dauer der Coronakrise. Wenn diese bis in den kommenden Herbst anhalten wird, dann ist mit einer deutlich höheren Nachfrage nach Schweizer Lebensmittel zu rechnen. Und dazu gehört natürlich auch die Milch.

Hat sich der Nahrungsmittelverbrauch vom Gastgewerbe zu den Privathaushalten verlagert?

In den letzten zwei Wochen haben sich die Nachfrage und das Konsumverhalten massiv geändert. Der Nahrungsmittelabsatz im Gastrobereich ist noch ein Bruchteil von vorher. Dafür kaufen die Privathaushalte bedeutend mehr ein. Ob über die Discounter, Dorfläden, Direktvermarktung oder online – der Markt beim Privatkonsum floriert.

Der Einkaufstourismus ist weg, ist das bei den landwirtschaftlichen Produkten bereits spürbar? Steigt die Nachfrage?

In den vergangenen Jahren wurden jeweils für mehrere hundert Millionen Franken Lebensmittel im Ausland gekauft. Mit den aktuellen Einschränkungen ist der Einkaufstourismus bei null. Davon profitieren nun alle inländischen Anbieter von Lebensmitteln. Dies ist vor allem in grenznahen Gebieten bereits jetzt deutlich zu spüren. Das freut nicht nur die einheimischen Detaillisten, sondern auch die Direktverkäufer und insbesondere die Hofläden. Für die Landwirtschaft und die Detaillisten bleibt die Hoffnung, dass die einheimischen Lebensmittel auch nach der Coronakrise wieder besser nachgefragt und wertgeschätzt sind.

Krise als Herausforderung und Chance

Aktuell wird davon ausgegangen, dass das Coronavirus tierischen Ursprungs ist, so das BLW. Es sei einem Virus sehr ähnlich, das in einer in Asien lebenden Fledermausart vorkomme. Es habe also eine Übertragung von einem tierischen Reservoir auf Menschen stattgefunden. Derzeit werde untersucht, welche Tierarten infiziert seien und es werden könnten. Gegenwärtig, so die Information des BLW weiter, verbreite sich das Virus hauptsächlich von Mensch zu Mensch. Es gebe keinerlei Hinweise darauf, dass Nutztiere bei der Verbreitung des Coronavirus eine Rolle spielen. Trotzdem gebe es für Landwirtschaftsbetriebe und Bauernfamilien einiges zu beachten. Insbesondere Fragen rund um die Sicherheit der auf den Höfen produzierten Lebensmittel sind auch Konsumentinnen und Konsumenten wichtig. Futter- und Produktionsmittel sind sicher Ganz klar betont das BLW, dass Produktions- und Futtermittel keine Kontaminationsquelle für den Betrieb bedeuten. Auch eine Übertragung des Virus über verpackte und unverpackte Lebensmittel tierischen oder pflanzlichen Ursprungs sei unwahrscheinlich. «Deshalb sind bis dato auch keine Massnahmen vorgesehen, welche zur Einschränkung der landwirtschaftlichen Produktion führen könnten,» schreibt das BLW. Geht es um den Umgang mit Nutztieren, wird die Anwendung der schon bisher üblichen hygienischen Massnahmen empfohlen. Wenn aber ein Betriebsleiter oder eine Betriebsleiterin unter Selbstquarantäne stehen sollte, wäre es wünschenswert, die Betreuung der Nutztiere jemand anderem zu übertragen. «Ist dies nicht möglich, soll der Kontakt auf ein Minimum beschränkt werden. Die Versorgung der Tiere muss aber gewährleistet sein,» so die klare Forderung. (adi)

Hofläden melden stark erhöhte Frequenzen.

Hofläden melden stark erhöhte Frequenzen.

Bild: Alessandro Della Valle / Keystone

Märkte sind verboten, was bedeutet dies für die Produzenten?

Die Durchführung von Märkten ist untersagt. Die Produzenten haben jedoch die Möglichkeit, mit Einzelständen oder einzelnen Verkaufswagen im öffentlichen Raum und mit Bewilligung der Gemeinden ihre Produkte absetzen zu können. Die einzelnen Verkaufsstände oder -wagen müssen jedoch den vorgeschriebenen, räumlichen Abstand untereinander einhalten. Die Bauern mit Hofläden melden stark erhöhte Frequenzen. Die Nachfrage steigt bei allen Produkten. Viele Leute scheuen den Gang in die grossen Verkaufsläden und weichen auf die Hofläden aus. Dies oft verbunden mit einem Spaziergang und einem «Abschalten» von der aktuellen Situation.

Ausländische Arbeitskräfte können nicht anreisen, sind da schon Lösungen in Sicht?

Ausnahmsweise können bis zum nächsten Donnerstag Erntehelfer aus dem Ausland mit einem Arbeitsvertrag noch ohne grosse Formalitäten ein­reisen. Ab Freitag gilt dann die Regelung, dass nur Personen mit L-/B-/C-Bewilligung oder mit Meldebescheinigung, Zusicherung der Aufenthalts- bewilligung und Arbeitsvertrag in die Schweiz einreisen dürfen. Die Frage wird aber vielmehr sein, ob die Leute aus dem Ausland überhaupt noch kommen wollen oder ausreisen dürfen. Wenn es zu wenig ausländisches Erntepersonal hat, müssen halt die Schweizer an die Arbeit. Die RAV und die ­Gemeinden vermitteln Kontakte. Der Bauernverband wird in den nächsten Tagen eine Vermittlungsplattform aufbauen. Dort können sich Arbeit­suchende und Betriebe mit Bedarf nach Personal austauschen. In Anbetracht der Unterbeschäftigung in den nächsten Wochen bei vielen Arbeitnehmenden wäre ein Erntehelfereinsatz in der St. Galler Landwirtschaft eine willkommene Erfahrung und sehr zu empfehlen.