Ein Ort zum Leben vermitteln

Der Verein Tipiti ermöglicht Kindern und Jugendlichen, die nicht in ihrer Herkunftsfamilie leben können, das Aufwachsen in einer Pflegefamilie. Die Platzierungsanfragen nehmen zu – auch im Werdenberg.

Interview: Doris Büchel
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Offenheit, Toleranz und Flexibilität seien Eigenschaften, die potenzielle Pflegefamilien unbedingt mitbringen müssen, sind sich Tina Garibaldi und Egon Walder, Leiter der Fachstelle Tipiti in Buchs, einig. (Bild: Doris Büchel)

Offenheit, Toleranz und Flexibilität seien Eigenschaften, die potenzielle Pflegefamilien unbedingt mitbringen müssen, sind sich Tina Garibaldi und Egon Walder, Leiter der Fachstelle Tipiti in Buchs, einig. (Bild: Doris Büchel)

Das Baby ist heute zehn Monate alt. Die Mutter wollte es zur Adoption freigeben, weshalb es nach der Geburt von einer Übergangs-Pflegefamilie in Empfang genommen wurde. Um die Adoption rechtlich abzusichern, wurden auch zwei Unterschriften der leiblichen Mutter benötigt. Doch nach der ersten Unterschrift tauchte diese ab, sie ist bis heute unauffindbar. Die rechtlichen Grundlagen für eine Adoption sind nicht mehr gegeben. Nun geht es darum, den Wechsel des Babys von der Übergangs- in eine Pflegefamilie zu vollziehen. Diese soll das Kind für einen längeren Zeitraum, allenfalls bis zur Volljährigkeit aufnehmen und begleiten. Es ist eine der komplexen Situationen, mit denen sich Egon Walder, Fachberater des Vereins Tipiti in Buchs derzeit befasst.

Auch Nachbetreuung ist wichtig

Die Werdenbergerin Tina Garibaldi leitet die Fachstelle zusammen mit Egon Walder. Sie begleitet unter anderem einen Jungen, der mit zwölf Jahren in eine Pflegefamilie kam und kürzlich die Volljährigkeit erreichte. Obwohl die Beistandschaft mit Erreichen des 18. Lebensjahres grundsätzlich aufgehoben wird, ist es für diesen jungen Menschen wesentlich, die Beziehung mit der Pflegefamilie weiterhin aufrecht zu erhalten. «Bei der Nachbetreuung geht es um den Einstieg ins selbständige Leben mit Themen wie Berufsbildung, Militär, Steuern, Behördengängen und Wohnungssuche sowie der psychosozialen Beratung», so Garibaldi.

Frau Garibaldi, Herr Walder, Sie haben zwei Situationen geschildert. Wie viele Kinder und Jugendliche betreuen Sie insgesamt?

Egon Walder: Derzeit betreuen wir rund 43 Kinder und Jugendliche von Buchs und Wil aus. Ungefähr wöchentlich gelangt eine neue Platzierungsanfrage an uns.

Tina Garibaldi: Wir stellen grundsätzlich eine steigende Anzahl der Nachfragen fest. Konkret: Die Nachfrage ist grösser als das Angebot. Wir suchen deshalb engagierte Familien, die sich vorstellen können, Kinder bei sich aufzunehmen und ihnen ein sicheres und entwicklungsförderndes Umfeld zu bieten.

Die Herausforderungen für Pflegefamilien sind enorm – gerade unter Berücksichtigung der besonderen Geschichte, welche jedes Kind mitbringt.

Egon Walder:In den meisten Situationen bringen die Kinder seelische Verletzungen mit. Es ist deshalb wichtig zu erkennen, warum sich das Kind so und so verhält. Hier leistet Tipiti einen wichtigen Anteil, indem wir beraten, begleiten, coachen, organisieren, intervenieren, fördern und fordern. Was sich relativ einfach anhört, ist in der Praxis ein komplexes Unterfangen. Es ist für alle Beteiligten eine Herausforderung und zugleich eine Chance.

Tina Garibaldi:In der Öffentlichkeit ist es noch wenig bekannt, dass Tipiti in Buchs und der Region Kinder und Jugendliche unterstützen und fördern sowie zukünftige Pflegefamilien auswählen und ausbilden und diese bei der Alltagsbewältigung ihrer Pflegekinder und deren Umfeld begleiten. Es geht letztlich um eine am Kindeswohl orientierte, gute und qualifizierte Zusammenarbeit.

Sehen Sie in diesem umfassenden Angebot auch Lücken?

Egon Walder: Die Kinder kommen von ihren Herkunftsfamilien weg, weil dort ihr Wohlergehen gefährdet war. Es ist deshalb sehr wichtig, dass auch die leiblichen Eltern Unterstützung erfahren. Sie müssen erkennen, welche Massnahmen sie treffen können, um eine mögliche Rückplatzierung zu ermöglichen. Dieser Bereich ist noch zu wenig gesichert. Viele Herkunftsfamilien sind mit der Situation überfordert.

Tina Garibaldi: Dass ein Kind wieder zurück kann zu seinen leiblichen Eltern kann nur gelingen, wenn auch dort Stabilität geschaffen wird, um gemeinsam in die Zukunft zu gehen. Um diese Voraussetzung zu schaffen, sind alle Beteiligten stark gefordert.

Was ist der Unterschied zur Adoption?

Tina Garibaldi: Bei einer Adoption wird man rechtlich zu Mutter und Vater. Wir hingegen sind auf Familien angewiesen, welche den Kindern ein Zuhause auf Zeit ermöglichen. Die leiblichen Eltern bleiben die Eltern. Sie haben in Teilbereichen weiterhin Mitsprache- und Bestimmungsrecht, bleiben präsent. Es gilt, sehr feinfühlig zu agieren, denn es prallen verschiedene Bedürfnisse und Systeme aufeinander. Auch die Kinder müssen lernen, in zwei Welten zu leben. Allen Schwierigkeiten zum Trotz – es gibt auch sehr schöne, handreichende Begegnungen. Unser Ziel ist es, dies zu erreichen im Sinne einer guten Entwicklung für die Kinder und Jugendlichen.

Und der Unterschied zur Erwachsenenschutzbehörde Kesb?

Egon Walder: Die Kesb ist einer unserer Auftraggeber. Ist ein Fall so gravierend, dass die Kesb handeln muss – hier möchte ich betonen, dass dies ein längerer Prozess ist und sehr gründlich gemacht wird – wird dieser an die Beistandschaft weitergegeben. Sie ist die ausführende Instanz und fragt uns für geeignete Pflegefamilien an. Erst dann beginnt bei uns der ganze Prozess der Übereinstimmung und Zusammenführung.

Welche Eigenschaften muss eine potenzielle Pflegefamilie unbedingt mitbringen?

Egon Walder: Offenheit! Man muss ein Mensch sein, der Vertrauen schenkt – dem Kind, aber auch den leiblichen Eltern gegenüber. Ein ganz wichtiger Teil ist die Fähigkeit, möglichst vorurteilsfrei zu sein im Umgang mit anderen Menschen.

Tina Garibaldi: Wichtig ist, dass den leiblichen Eltern trotz allem Wertschätzung entgegengebracht wird. Ausserdem eine grosse Portion Flexibilität und Toleranz, aber auch das Bewusstsein, dass man das Kind nur für eine gewisse Zeit auf seinem Lebensweg begleiten darf.

Wie geht es Ihnen persönlich dabei?

Tina Garibaldi: Es ist sehr bereichernd zu sehen, wie sich Kinder mit problematischen Bindungserfahrungen durch die Begleitung von sogenannten «Leuchttürmen», sprich Pflegeeltern, entwickeln und festigen können. Auch, dass wir zeitlich nicht eingeschränkt werden und eine Situation nicht innerhalb einer gewissen Frist erledigen müssen, macht sehr zufrieden.

Egon Walder:Ich erlebe sehr schöne Momente hier, besonders, wenn ich spüre, wie die Kinder wieder lernen Vertrauen zu fassen. Kindern eine zweite Chance zu geben, ist eine hohe Leistung der Gesellschaft, in der wir leben. Von vielen Instanzen wird sehr wertvolle Arbeit geleistet. Dazu darf ich meinen Teil beitragen. Ich empfinde dies als sehr erfüllend.