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Ein Hamburger designt Messer im Toggenburg

Matthias Neumann kam 2017 von der Grossstadt ins Obertoggenburg. Mit der Herstellung von einzigartigen Messern verdient er seinen Lebensunterhalt.
Corinne Hanselmann
Matthias Neumann hat sein Hobby zum Beruf gemacht. In seiner Werkstatt stellt er einzigartige Messer her. (Bilder: Beat Belser)

Matthias Neumann hat sein Hobby zum Beruf gemacht. In seiner Werkstatt stellt er einzigartige Messer her. (Bilder: Beat Belser)

In Matthias Neumanns Messerwerkstatt unweit der Talstation Gamplüt in Wildhaus hängen Kreissägeblätter an der Wand. Aus ihnen fertigt der gelernte Zimmermann aus Deutschland Messer an. Küchenmesser, Pilzmesser, Kräutersicheln, Filetiermesser, Steakmesser, Jagdmesser. Nebst der Klinge mit besonderer Struktur und aussergewöhnlichem Muster fallen auch die Griffe auf. In Schubladen und Kisten stapeln sich verschiedenste Hölzer und Hornstücke, aus denen ­individuelle Messergriffe entstehen. «Ich verwende alles, was aussergewöhnlich aussieht», sagt der 33-Jährige, der im Jahr 2017 in die Schweiz kam.

Die Klingen haben je nach Zweck des Messers unterschiedliche Formen.

Die Klingen haben je nach Zweck des Messers unterschiedliche Formen.

Zuvor arbeitete er in der Grossstadt Hamburg selbstständig als Handwerker, bis er Konkurs anmelden musste, da Kunden nicht für Material und Arbeiten bezahlten. Ein Kollege arbeitete damals bereits seit zwei Jahren als Dachdecker in der Schweiz. Mit der Hoffnung, hier besser zu verdienen, nahm Matthias Neumann über ein Temporärbüro einen Job in Gams an. Doch die Gesundheit machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Wegen Rückenproblemen kann er seinen Beruf als Zimmermann heute nicht mehr ausüben.

Vom Hobby zum Beruf

Neumann begann, in der Freizeit für den Eigenbedarf Messer in Handarbeit herzustellen. Unter anderem weil er ein leidenschaftlicher Koch ist und dafür gerne gute Messer verwendet.

«Vernünftige Messer sind sehr teuer, ab 150 Franken aufwärts. Und dann sind erst noch fast alle Griffe gleich.»

Er wollte sein eigenes Messer mit einem Griff, der gut in der Hand liegt. «Ich hatte im Internet Messer gesehen, die mir gefielen», erzählt der 33-Jährige. Mit viel Ausdauer und mit Hilfe von Anleitungen im Internet erlernte er die Herstellung nach und nach selber. «Ich probierte es einfach aus. Die ersten Messer sahen natürlich nicht so gut aus. Doch mit mehr Übung wurden sie immer besser.»

Seine Messer fanden auch bei Kollegen Anklang. Er konnte erste Exemplare verkaufen und erhielt auch Bestellungen. So wagte Matthias Neumann vor einigen Monaten den Schritt in die Selbstständigkeit – auch weil er nicht mehr in seinem ursprünglichen Beruf arbeiten kann und nicht nichts tun möchte. In Wildhaus fand er eine Wohnung und ganz in der Nähe auch eine Werkstatt. Seine Messer verkauft Matthias Neumann seither unter dem Namen «Wildhaus-Messer» und mit einem auf der Klinge eingravierten Logo. Einige davon können in einer schön hergerichteten Ecke seiner Werkstatt begutachtet werden.

Kontakte dank sozialer Medien

Über Facebook entstanden unter anderem Kontakte zu Jägern, die dann Messer bei Matthias Neumann bestellten. «Eines meiner Messer nahm eine Jägerin mit nach Kanada und machte dort Fotos davon», erzählt der Deutsche stolz. Überhaupt ist er um Kontakte, die dank Facebook entstehen, immer wieder froh.

Viele Schritte sind nötig, bis ein Messer fertig ist.

Viele Schritte sind nötig, bis ein Messer fertig ist.

Eines Tages schrieb der Messerdesigner die Schweizer Profiköchin Meta Hildebrand an, ob sie eines seiner Messer testen würde. Hildebrand ist bekannt aus Kochsendungen im Fernsehen, hat Kochbücher geschrieben und betreibt das Restaurant «Le Chef» in Zürich. Daraus entstand eine Zusammenarbeit und ein exklusives «Meta-Messer», das Matthias Neumann herstellt, mit Meta Hildebrands Logo versehen ist und so bestellt werden kann. Auch dem Grillweltmeister Alex Kunert konnte Matthias Neumann eines seiner Messer zum Testen geben.

Neumanns Messer fallen von der Optik her auf. Die Klingen haben unterschiedliche Formen, die Griffe individuelle Muster. Sie werden auf Kundenwunsch gemacht – für Links- oder Rechtshänder oder universal. Aus einem besonderen Holz oder zusammengeklebt aus verschiedenfarbigen Hölzern. Dabei kommen einheimische Obsthölzer, Eiche, Buche, aber auch Olivenholz oder exotische Hölzer aus aller Welt zum Einsatz. «Man muss etwas Besonderes haben, das den Leuten gefällt.» Auch Hörner, etwa von Reh- oder Gamsböcken, hat Neumann schon verwendet. Nebst Messern stellt der Zimmermann auch Schneidebretter her und schnitzt Figuren.

Mehrfach hatte Matthias Neumann schon Besuch in der Werkstatt, etwa von Schülern, die als Projektarbeit ihr eigenes Messer herstellten. Gerne würde der Deutsche auch Kurse dafür anbieten. Noch fehlt ihm aber die professionell ausgerüstete Werkstatt dafür. Für diese Investition wiederum fehlt ihm das Geld. Doch die Kurse sind nur eines seiner angedachten Projekte. «Mein Kopf ist voll mit Ideen», so der kreative Naturlieb­haber.

Ein mehrtägiger Prozess

Zuerst wird die Form auf Papier gezeichnet.

Zuerst wird die Form auf Papier gezeichnet.

Soll ein neues Messer entstehen, zeichnet Neumann eine Schablone auf Papier. Die grobe Form arbeitet er aus einem Kreissägeblatt aus. Dann wird das Metall im Ofen erhitzt, damit das Design und die Struktur der Klinge herausgearbeitet werden können. Danach erhält das Messer einen Probeschliff, bevor es zum Härten wiederum erhitzt und zum Glühen gebracht wird. Nach einem Ölbad wird es im Ofen gehärtet. Dabei müsse man gewisse Temperaturen einhalten. Nach dem Feinschliff erhält das Messer noch den Griff aus Holz oder Horn. Je nach Wunsch des Kunden lässt Neumann dann noch eine lederne Messerscheide herstellen. Bis ein Messer fertig ist, dauert es in der Regel einen bis drei Tage.

Der Kontrast zwischen der 1,8-Millionen-Einwohner-Stadt und dem Obertoggenburg ist gross. Und dennoch: Das Leben im Obertoggenburg gefällt dem Messerdesigner.

«Alle Leute hier sind freundlich und grüssen – obwohl mein Äusseres auffällig ist»

sagt er mit einem Fingerzeig auf seine zahlreichen Tätowierungen. «Sie schieben einen nicht gleich in eine Schublade, sondern lassen sich meine Sachen zeigen, sind neugierig und interessiert – obwohl es eine ländliche Gegend ist.» In Deutschland werde man schnell einmal nur nach dem Äusseren beurteilt.

Zahlreiche Tatoos schmücken die Haut von Matthias Neumann.

Zahlreiche Tatoos schmücken die Haut von Matthias Neumann.

Leben im Hier und Jetzt

Das Leben als Selbstständiger sei nicht einfach, auch in der Schweiz nicht. Doch materielle Werte haben für den Einwanderer nicht oberste Priorität. «Für mich ist nicht wichtig, dass ich mir ein dickes Auto leisten oder auf die Malediven in die Ferien fliegen kann. Ich möchte mir einfach das Essen, Wohnung und Auto finanzieren können», sagt er. Freizeit hingegen ist ihm sehr wichtig. «Ich will raus in die Natur und etwas sehen. Sobald ich mit meinem Rucksack und dem Hund unterwegs bin, kann ich abschalten.»

Sollte es in der Schweiz nicht klappen, könne er sich durchaus vorstellen, nach Alaska oder Kanada zu reisen und als Selbstversorger zu leben. Aber er lebe im Hier und Jetzt, zu viele Gedanken über die Zukunft wolle er sich nicht machen. Und derzeit hat Matthias Neumann viele Bestellungen zum Abarbeiten. Die Lieferfrist beträgt rund zwei Monate. Er sei selbstkritisch und mache nichts halbherzig. «Nur so kann ich ein vernünftiges Produkt herstellen.»

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