Interview

Ein Grabser setzt sich gegen die Beschneidung von Mädchen ein: «Aufklärung ist der Schlüssel»

Der Grabser Fredi Raymann erzählt im Interview, warum er sich als Stiftungsrat einer Gemeinnützigen Stiftung gegen die Mädchenverstümmelung engagiert.

Hanspeter Thurnherr
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Fredi Raymann mit Monique, die als Opfer der Verstümmelung keine Kinder bekommen kann. Nebst anderen Kindern adoptierte sie deshalb auch dieses Mädchen. Sie arbeitet aktiv mit im Kampf gegen FGM.

Fredi Raymann mit Monique, die als Opfer der Verstümmelung keine Kinder bekommen kann. Nebst anderen Kindern adoptierte sie deshalb auch dieses Mädchen. Sie arbeitet aktiv mit im Kampf gegen FGM.

Bild: PD 

Fredi Raymann wirkte im Auftrag der Schweizer Non-profit-Organisation SAM global mit Sitz in Winterthur zusammen mit seiner inzwischen verstorbenen Frau Annalies viele Jahre in Angola und in Guinea. Seit einiger Zeit lebt er wieder in der Schweiz, engagiert sich aber weiterhin für die Menschen in Afrika. Vor einem guten Jahr hat er als Stiftungsrat der «Gemeinnützigen Stiftung gegen Genitalverstümmelung» ein neues Aufgabenfeld gefunden, das ihm zu einer Herzensangelegenheit geworden ist.

Fredi Raymann, Sie bildeten während mehrerer Jahre in Guinea in erster Linie Ausbildner weiter. Wie kam es, dass der Kampf gegen die Genitalverstümmelung an Mädchen und jungen Frauen bei Ihnen zum Thema wurde?

Meine Frau Annalies und ich wussten schon vor unserer Ausreise, dass in Guinea Genitalverstümmelung – englisch feminal genital mutilation, kurz FGM - ein grosses Thema ist und was da auf uns zukommen würde. Denn SAM global führt nebst Berufsbildungsprojekten auch ein Spital dort und deren Mitarbeiter hatten uns vorbereitet. Wir sind dann allerdings erschrocken, denn die Realität war viel schlimmer als wir es uns vorgestellt hatten. Durch den lokalen Spitalseelsorger, der später ein guter Freund wurde, sind wir mit dem Spital in Kontakt gekommen. Er zeigte uns Fälle von jungen Frauen, die nach der Geburt am Verbluten waren. Wir begannen dann, anfänglich aus dem eigenen Sack Bluttransfusionen zu bezahlen. Eine Transfusion kostet rund 30 Franken, für die Menschen dort ist das etwa ein halber Monatslohn.

Wie ging es dann weiter?

SAM global begann vor über zehn Jahren mit Ehepaar-Projekten. Die Mitarbeiter haben gesehen, dass der grösste Teil der Eheprobleme auf nicht funktionierende Sexualität zurückzuführen ist, weil die Frauen wegen der Verstümmelung oft starke Schmerzen haben. Diese Arbeit konnten wir ausdehnen und mit Hilfe der Stiftung finanzieren.

Was sind die Argumente für die Verstümmelung der weiblichen Genitalien?

Unter anderem wird behauptet, alle Frauen auf der Welt seien beschnitten. Ein weiteres Argument: Die Klitoris könne beim Geschlechtsverkehr den Mann und bei der Geburt das Kind verletzen. Beides sind natürlich absolute Lügen. Es gibt noch weitere, ähnlich falsche Argumente, die ins Feld geführt werden. Die Tradition ist vielerorts ein weiteres schreckliches Argument. In Guinea sagt man, wenn du nicht beschnitten bist, bekommst du keinen Mann und auch kein Kind und Menstruationsbeschwerden wirst du haben und, und, und ... Unbeschnittene Mädchen besitzen nicht denselben Wert in der Gesellschaft wie beschnittene. Somit entsteht ein sozialer Druck, dem sich die meisten Familien beugen.

Und was sind die Argumente gegen die Verstümmelung?

Man muss wissen: Guinea ist ein muslimisches Land und sogar der Koran –Sure 95, Vers 4 – sagt, Allah habe den Menschen perfekt und vollkommen erschaffen. Da muss man also nicht daran herumschnipseln. Langsam, langsam gibt es in diesen Ländern vermehrt Aufklärung. Das hilft mit, um aufzeigen zu können, dass die Verstümmelung wirklich nur Nachteile hat. Die gesundheitlichen Folgen sind permanente Schmerzen, Inkontinenz und Blutungen.

Warum wird die Tradition trotzdem weitergeführt?

In der Tradition vieler dieser Länder im nördlichen Afrika bis in die arabische Welt hinein gilt, was die Grossmutter oder Mutter sagt. Interessanterweise halten sich in Guinea die Männer in dieser Frage zurück. Aber die Frauen meinen einfach, das müsse sein. Wir haben erlebt, dass sich Frauen mehrmals beschneiden liessen.

Wie kann man eine Veränderung erreichen?

Die Unwissenheit ist die Herausforderung. Die Leute sind ja nicht dumm, sie sind nur nicht gebildet. Auch heute noch werden nur zwei Drittel der Mädchen in die Schule geschickt. Wir können den Kindern sagen: Dein Körper gehört dir, er ist wertvoll und vollkommen. Da muss niemand daran herumschnipseln, wenn es nicht unbedingt nötig ist. Durch Versammlungen und Vorträge mit einheimischen Männern und Frauen, die durch SAM global ausgebildet wurden, kann sich langfristig etwas ändern. Bildung und Aufklärung ist der Schlüssel, nicht nur gegen die Genitalverstümmelung, sondern auch gegen die Armut.

Ist Genitalverstümmelung auch in der Schweiz ein Thema?

Leider ja. Letztes Jahr gab es in der Westschweiz sogar einen Gerichtsfall, in welchem eine somalische Frau verurteilt worden ist, weil sie zwei Töchter in den Ferien nach Afrika schickte. Dort wurden sie verstümmelt und seither weiss man nichts mehr von ihnen. Angeklagt wurde sie von ihrem Ehemann! Auch in der Schweiz gibt es eine Dunkelziffer, die wir nur schätzen können. Ich habe in der Familie eine junge Hebamme, die in der Ausbildung lernte, dass es wichtig ist, bei Migrantinnen genauer hinzuschauen, weil diese wegen der Verstümmelung oft Komplikationen haben. Meistens kommen solche Frauen kaum zu Voruntersuchungen, sondern erscheinen erst zur Geburt im Spital. Dies macht alles noch komplizierter.

Sie sind in der Schweiz als Stiftungsrat der «Gemeinnützigen Stiftung gegen Mädchenverstümmelung» tätig. Wer sind die Stifter?

Ich bin seit einem guten Jahr im Stiftungsrat. Das Gründerehepaar Peter und Ella Schmid aus dem zürcherischen Hittnau hat vor über zehn Jahren den Film «Wüstenblume» über das somalische Model Waris Dirie gesehen, das sich aufgrund des eigenem Erlebens dem Kampf gegen Genitalverstümmelung verschrieben hat. «Das gibt’s doch nicht», sagten sich die Beiden damals, und informierten sich vertieft. Da sie keine Kinder und keine Erben haben, gründeten sie eine Stiftung, um solchen Mädchen und Frauen zu helfen. Natürlich nimmt die Stiftung gerne auch Spenden entgegen.

Welche Vision verfolgt die Stiftung und wie setzt sie diese um?

Die Vision geht weit über den Stiftungszweck «Kampf gegen Genitalverstümmelung» hinaus. Sie deckt sich mit dem Manifest von Waris Dirie. Das wichtigste ist: Alle Menschen weltweit sollen Genitalverstümmelung als Problem anschauen und nicht die Augen verschliessen – auch hier in der Schweiz nicht. Sie ist weltweit verboten und trotzdem in vielen Ländern geduldet. FMG ist ein Verbrechen, das sich gegen Frauen richtet, weil sie Frauen sind.

Welche Projekte werden konkret unterstützt und wer setzt sie um?

Es sind Projekte wie das Goldene Buch, das im nächsten Jahr im Senegal verteilt wird. Dieses Buch wurde von der deutschen Organisation Target in Zusammenarbeit mit hohen muslimischen Geistlichen erstellt. Es wird in die Hände von Imans gegeben und klärt die Irrtümer auf. Ein Projekt haben wir in Ägypten, ein kleineres Projekt in Somalia. Wir unterstützen Organisationen wie die deutsche Target oder die Mission am Nil. Auch sind wir mit weiteren Organisationen aus mehreren Ländern im Gespräch, was sie vor Ort umsetzen könnten. In Guinea, das ich persönlich recht gut kenne, unterstützen wir christliche Projekte, zwei davon werden von SAM global gecoacht und von Schweizer Mitarbeitern begleitet, zwei sind Vereine. Sie gehen in Schulen oder in die Dörfer hinaus, machen Aufklärung für Männer und Frauen, helfen Frauen, die durch eine Geburt am Verbluten sind und bringen sie ins Spital. Ich habe auch nach Jahrzehnten, in denen ich die Folgen der FMG beobachten konnte, immer noch keine Antwort gefunden, warum die Menschen dort so etwas Trauriges machen. Es sterben immer wieder viele Mädchen und Frauen wegen der Verstümmelung. Es ist wie ein Fluch.

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