Ein 75-jähriger Wartauer ist seit kurzem Bachelor of Arts

Christian Hanselmann aus Azmoos war Postbeamter, studierte nach der Zweitwegmatura kurz an der HSG und arbeitete dann im Rechnungswesen. 2012 startete er ein Fernstudium, heute, mit 75 Jahren, ist er Bachelor of Arts.

Heini Schwendener
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Christian Hanselmann ist belesen, Geschichtswerke interessieren ihn besonders. (Bilder: Heini Schwendener)

Christian Hanselmann ist belesen, Geschichtswerke interessieren ihn besonders. (Bilder: Heini Schwendener)

Eine Wohnung lässt immer auch Rückschlüsse auf ihre Bewohner zu. Bei Hanselmanns in Azmoos sind die Zimmer stilvoll eingerichtet, alles ist fein säuberlich aufgeräumt. Mehrere Bücherregale lassen auf belesene Bewohner schliessen, gar Akademiker? Volltreffer. In einem Arbeitszimmer ziert eine Bachelor-Urkunde die Wand. Diese macht allerdings stutzig. Ausgestellt wurde sie heuer auf Christian Hanselmann. Der ist Jahrgang 1943 – ein Bachelor of Arts mit 75 also?

Als vor einigen Jahren dessen Absicht zu studieren bekannt wurde, reagierte sein Umfeld überrascht, aber positiv.

Geschichtsstudium war vor 40 Jahren eine Option

Christian Hanselmann kann auf eine interessante berufliche Karriere zurückblicken. Seit seiner Zeit in der Verkehrsschule, wo Geschichte und Deutsch seine Lieblingsfächer waren, hat er viel und gerne gelesen. Er spielte gar einmal mit dem Gedanken, Geschichte zu studieren, nachdem er 1977 auf dem zweiten Bildungsweg die Maturität erlangt hatte. «Davon wurde mir aber angesichts meines schon damals fortgeschrittenen Alters abgeraten», erzählt der Pensionär.

Nach vier Semestern Grundstudium an der HSG in St. Gallen absolvierte er die Controllerschule und arbeitete danach vor allem im Rechnungswesen und als Controller, etwa bei Hoval, Wild Heerbrugg und am Schluss bei der Rhätischen Bahn. Ende 2007 ging Christian Hanselmann in Pension, um danach teilzeitlich für ein Treuhandbüro beruflich tätig zu bleiben, «denn ein eigentliches Hobby für meine Zeit nach der Pension hatte ich ja nicht.» Vielleicht war ja seine Begeisterung für Geschichte ja so eine Art Hobby, die er zu vertiefen begann, als sein Mandat im Treuhandbüro 2011 auslief. Nach einer Informationsveranstaltung der Fernuniversität Hagen (Deutschland) in Brig fasste der Wartauer den Entschluss, zu studieren.

Die Bachelorarbeit, Ordner mit Skripten und Notizen und natürlich das Notebook als Arbeitsinstrument: Christian Hanselmann kann zufrieden und stolz auf seine Studienzeit zurückblicken.

Die Bachelorarbeit, Ordner mit Skripten und Notizen und natürlich das Notebook als Arbeitsinstrument: Christian Hanselmann kann zufrieden und stolz auf seine Studienzeit zurückblicken.

Das Angebot der Fernuni sprach ihn spontan an. Hanselmann konnte die verschiedenen Module des Studiengangs Kulturwissenschaft mit Schwerpunkt Geschichte systematisch nach und nach arbeiten. «Das kam mir in meinem Alter natürlich sehr entgegen», erzählt der Pensionär. Entgegen kam dem heimatverbundenen Wartauer auch, dass er sein Studium weitgehend zu Hause machen konnte. Gleichwohl war er zu Klausuren oder zu Seminarblöcken in der Schweiz, Deutschland und Österreich unterwegs, was ihm sehr gefallen hat. Häufig begleitete ihn dabei seine Frau Rita, die ihm stets eine wichtige Stütze war und ist.

19 Stunden pro Woche für das Studium

In seiner sechsjährigen Studienzeit hat Hanselmann durchschnittlich etwa 19 Stunden pro Woche über Vorlesungsskripten, Büchern, Arbeiten und Klausurvorbereitungen gebrütet. Sechs Module Geschichte, drei Module Literatur und je ein Modul Soziologie und Interkulturelle Studie absolvierte der studierende Pensionär erfolgreich. Sollte er nun gar noch eine Bachelorarbeit schreiben, um am Schluss das Studium mit einem entsprechenden Titel abschliessen zu können? «Alle haben mich darin bestärkt», sagt Hanselmann. So fiel ihm der Entscheid nicht schwer. Zumal er für eine Praxisarbeit seines Studiums im Landesarchiv Glarus die Archivarbeit kennen und schätzen gelernt hatte. Dank seiner Kenntnisse in der Kurrentschrift erhielt er den Auftrag, das Archiv des EW Azmoos einzurichten. Dabei stiess er auch auf die Idee für seine Bachelorarbeit. Diese trägt den Titel «Geschichte des Elektrizitäts- und Wasserwerkes Azmoos 1906–1957. Die Ursachen und Folgen des ‹Sonderweges› in der Gemeinde Wartau». Dafür forschte Hanselmann in verschiedenen Archiven in der Gemeinde und im Staatsarchiv St. Gallen. Und er durchforstete auch alte W&O-Bände auf der Zeitungsredaktion in Buchs.

Abschluss mit dem Prädikat «Gut»

Vor sechs Jahren hatte sich Christian Hanselmann vage zum Ziel gesetzt, bis etwa 2018 sein Studium abzuschliessen. «Auf so eine lange Zeit hinaus zu planen ist in diesem Alter gar nicht einfach, man weiss ja schliesslich nie, ob die Gesundheit auch mitspielt.» Sie hat mitgespielt, und so wurde heuer aus dem 75-jährigen Wartauer tatsächlich ein Bachelor of Arts für den Studiengang Kulturwissenschaft mit dem Fachschwerpunkt Geschichte. Gemäss Bachelor-Urkunde der Fernuniversität Hagen, die in seinem Arbeitszimmer mit der grossen Bücherwand hängt, erhielt Hanselmanns Studienabschluss das Prädikat «Gut». Bald läuft sein Archivmandat beim EW Azmoos aus, das Studium ist auch fertig und ein Hobby hat Hanselmann noch immer nicht.

Angst, jetzt, mit 75 Jahren, in ein «Loch» zu fallen, hat er aber nicht. Das nimmt man dem bescheidenen Pensionär ab. Diesem Exempel für lebenslanges Lernen wird es auch in Zukunft sicher nicht langweilig.