Für Noah, Amelia und Eric aus Salez hat die Schule zu Hause begonnen

Noah, Amelia und Eric Müntener vermissen ihre besten Freunde. Ansonsten starteten sie gut ins Homelearning.

Interview: Corinne Hanselmann
Hören
Drucken
Teilen
Eric (von links), Amelia und Noah lernen jetzt zu Hause statt im Klassenzimmer. Eveline und Heiner Solenthaler verteilten gestern Unterlagen an die Unterstufen-Schüler.

Eric (von links), Amelia und Noah lernen jetzt zu Hause statt im Klassenzimmer. Eveline und Heiner Solenthaler verteilten gestern Unterlagen an die Unterstufen-Schüler.

Bild: Andrea Müntener 

Seit Montag sind die Schulen geschlossen. Das verändert den Alltag vieler Familien total. Das ist auch bei der Familie Müntener in Salez nicht anders. Seit gestern haben aber alle drei Kinder Aufgaben von der Schule, die sie zu Hause erledigen sollen. Statt im Klassenzimmer sitzen der 16-jährige WMS-Schüler Eric, die 13-jährige 1.-Sek-Schülerin Amelia und der 7-jährige Erstklässler Noah nun am Küchentisch zum Lernen. Der W&O hat sich telefonisch und schriftlich mit den Kindern und ihrer Mutter Andrea Müntener über die aktuelle Situation unterhalten.

Andrea Müntener, was war Ihr erster Gedanke, als bekannt wurde, dass die Kinder nun mehrere Wochen zu Hause bleiben?

Andrea Müntener: «Oh mein Gott» habe ich gedacht. Hoffentlich bekomme ich das mit den drei Kindern geregelt, werde ich allem gerecht?

Ist die Kinderbetreuung kein Problem?

Nein. Ich gehe keiner Anstellung nach, bin zu 100 Prozent Familienfrau und für den Alltag daheim mit den Kids zuständig. Dafür bin ich, gerade in dieser Zeit, sehr, sehr dankbar. Eine Sorge weniger. Mein Mann arbeitet zu 100 Prozent.

Wie unterscheidet sich die Organisation des Homelearnings an den verschiedenen Schulen ihrer Kinder?

Den Schülern wurden die Materialien nach Hause geliefert.

Den Schülern wurden die Materialien nach Hause geliefert.

PD

Für den Erstklässler Noah wurde das Material am Mittwoch durch die Lehrerschaft vor die Haustüre gestellt. Er hat einen Wochenplan dabei. Der Informationsaustausch zwischen Lehrern und Eltern funktioniert mittels E-Mail und Whatsapp. Wenn Fragen auftauchen, sind die Lehrerinnen immer erreichbar. Das Ganze ist sehr gut organisiert. In der Oberstufe wurden die Kinder am Dienstag in Kleinstgruppen von vier Schülern in der Schule informiert, wie das online läuft. Zweimal wöchentlich holen/bringen sie Hausaufgaben in die Schule. Sie sind aber auch vorbereitet, falls sie durch strengere Massnahmen des Bundes gar nicht mehr in die Schule dürften. Eric war am Dienstag kurz an der Kanti in Sargans, er wurde instruiert, wie das mit Microsoft Teams funktioniert. Am Freitag muss er für eine Prüfung in die Schule, ansonsten läuft alles online.

Brauchen die Kinder viel Unterstützung von den Eltern beim Homelearning?

Der Jüngste auf jeden Fall. Er muss erinnert werden, dass wir jetzt «Schule zu Hause» machen. Er nimmt das Ganze noch nicht so wichtig und hat 1000 andere Sachen im Kopf, die spannender sind. Dazu trägt sicherlich auch das tolle Wetter bei, es zieht ihn vor allem nach draussen. Aber ich denke, das ist auch meine Aufgabe, sein Lernen zu koordinieren. Amelia ist sehr zielorientiert und macht alles selbstständig, ausser sie kommt irgendwo nicht weiter. Und bei Eric ist es sowieso ein Selbstläufer, mit 16 muss die Mama nichts mehr dazu sagen.

Eric, Amelia und Noah, wie war eure Reaktion auf die Nachricht, dass ihr jetzt mehrere Wochen lang keine Schule habt?

Eric: Ich war nicht überrascht, da ich die Situation in den Medien verfolgt habe. Am meisten freue ich mich darüber, dass der «lange» Schulweg mit ÖV wegfällt. Der frisst in meinem Schulalltag nämlich sehr viel Zeit.

Amelia: Ich war traurig und fröhlich zugleich. Traurig, weil ich meine Freundinnen und Lehrer bis auf weiteres nicht mehr wirklich zu Gesicht bekomme. Ich freute mich aber darauf, dass wir drei Kinder nun alle zusammen frei haben und ich mit meinen Brüdern etwas machen kann. Gerade Noah geniesst es sehr, dass ich nun oft mit ihm Quartett oder Fussball spiele.

Noah: Ich war sehr traurig. So sehe ich meine Freunde, die Lehrerinnen und besonders Frau Wieland, unsere Klassenassistenz, nicht mehr. Ausserdem habe ich nächste Woche Geburtstag, diesen können wir nun nicht in der Klasse feiern, das finde ich sehr schade.

Was habt ihr in den ersten schulfreien Tagen gemacht?

Eric: Da herrliches Wetter war, habe ich ein paar Fotos mit der grossen Kamera gemacht, meiner Mama im Garten geholfen und mit dem kleinen Bruder Pflanzen gesät. Und natürlich war ich am Handy, es könnten ja News von der Schule kommen.

In der Schule wurden die Unterlagen zum Verteilen vorbereitet.

In der Schule wurden die Unterlagen zum Verteilen vorbereitet. 

PD

Amelia: Ich habe ausgiebig Klarinette gespielt, bereits freiwillig am Plakat für die Schule weiter gearbeitet. Und dann erlaubte mir Mama endlich, ihre Nähmaschine zu benutzen, erstmals! Ich habe eine Girlande fürs Zimmer genäht.

Noah: Ich habe sehr viel draussen gespielt, ein Puzzle gemacht und eine Seite im Schreibheft geschrieben. Das musste ich, weil Mama es gesagt hat, machte es aber nicht gerne. Und ich habe das Zimmer aufgeräumt, auch nicht freiwillig.

Ist es jetzt anders, als wenn ihr Ferien habt?

Eric: Es ist ganz anders. Ich bin quasi im wartenden Modus, bis ein neuer Auftrag von der Schule kommt. Ich sollte nach meinem Stundenplan erreichbar sein. Von dem her sind es ja nicht Ferien. Ausser, dass ich den ganzen Tag in Jogginghosen rumlaufen kann.

Amelia: Ich kann nicht ausschlafen, Mama weckt uns immer alle um 8 Uhr. Und wir machen keine Ausflüge, keine Besuche oder fahren in die Ferien.

Noah: In normalen Ferien darf ich länger aufbleiben und so lange schlafen, wie ich möchte.

«Jetzt bekomme ich von Mama immer Aufträge: Ich muss zum Kompost, Schreibheft schreiben, Schuhe verräumen, Geschirrspüler ausräumen.»

Ich darf nicht mit Freunden abmachen, nicht zum Grosi, obwohl sie auch in Salez wohnt. Und Grosi kommt auch nicht zu Besuch. Das finde ich blöd, ich vermisse sie.

Ist es schwierig, alleine und ohne Lehrer zu lernen oder ist das kein Problem für euch?

Eric: Das ist gar kein Problem, im Gegenteil, ich bin eigentlich viel effizienter, da es rundherum keinen «Schnickschnack» gibt.

Amelia: Grundsätzlich ist es kein Problem. Ich habe das grosse Glück, dass ich einen älteren Bruder habe, dem der Oberstufenstoff noch sehr präsent ist. Somit kann ich (nebst meinen Eltern) vor allem auch ihn fragen, wenn ich irgendwo nicht weiter weiss. Das beruhigt mich.

Noah: Es ist überhaupt nicht schwierig, da meine Mama meist bei mir am Tisch sitzt, wenn ich die Aufgaben mache.

Eveline und Heiner Solenthaler verteilten gestern Unterlagen an die Unterstufen-Schüler.

Eveline und Heiner Solenthaler verteilten gestern Unterlagen an die Unterstufen-Schüler.

Corinne Hanselmann

Hausaufgaben per Lieferservice

Eveline Solenthaler, Schulleiterin der Primarschuleinheit Frümsen-Salez, klingelt an der Haustüre von Erstklässler Noah Müntener, stellt eine Papiertasche mit Schulmaterial vor die Türe, und geht gleich wieder zum Auto, noch bevor die Türe geöffnet wird. Getreu den Vorschriften des Bundesamtes für Gesundheit wird so der direkte Kontakt vermieden.

Nicht nur für die Schulkinder und ihre Eltern bedeutet der plötzliche Wegfall des Präsenzunterrichts eine Umstellung, sondern auch für die Lehrkräfte. Seit dem frühen Montagmorgen arbeitete beispielsweise das ganze Team der Schuleinheit Frümsen-Salez daran, Unterlagen für Schularbeiten zusammenzustellen, welche die Kinder zu Hause machen können.
Gestern war es in der Unterstufe Frümsen soweit: Für jedes Kind hatten die Lehrkräfte ein Päckli mit Arbeitsblättern, Schulbüchern und -heften zusammengestellt, je nach Klasse etwas unterschiedlich. Die rund 40 Taschen der 1./2./3.-Klässler von Salez und Frümsen verteilten Schulleiterin Eveline Solenthaler zusammen mit ihrem Team und dem Hauswartehepaar Wohlwend in beiden Dörfern.

«Innert zwei Tagen hat das Team diese Unterlagen neu aufbereitet und so umformuliert, dass Kinder und Eltern verstehen, was zu machen ist», erzählt Heiner Solenthaler, Schulischer Heilpädagoge. Zusätzlich wurde beispielsweise für die Unterstufe ein Wochenarbeitsplan erstellt, in dem täglich 10 Minuten Lesen, 15 Minuten Arbeit im Deutschheft und bestimmte Matheaufgaben vorgegeben sind. Ebenfalls sollen die Kinder täglich einen Eintrag im Naturtagebuch kreieren und können freiwillig Schönschreiben üben. «Die Klassenlehrkräfte mussten entscheiden, welche Stoffe auf Grund der Lernziele wichtig sind und welche weggelassen werden können», so Eveline Solenthaler. Wie gut diese weitgehend neue Art des Lernens zu Hause funktioniert, wird sich in den kommenden Wochen zeigen.