Die letzte Sekunde des Lebens – fünf Schauspieler füllen einen kleinen Raum auf der TAK-Bühne mit Emotionen

Ein Theaterstück zum Nachdenken – und Bestaunen. Gelungene Premiere von «Tod eines Handlungsreisenden» im TAK.

Bettina Stahl-Frick
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Zerrissenheit zwischen Realität und Träumerei – davon geprägt ist das Stück der zweiten Eigenproduktion des TAK-Ensembles mit dem Stück «Tod eines Handlungsreisenden».

Zerrissenheit zwischen Realität und Träumerei – davon geprägt ist das Stück der zweiten Eigenproduktion des TAK-Ensembles mit dem Stück «Tod eines Handlungsreisenden».

Bild: Yanik Buerkli

Ein Autounfall – «er ist wohl nicht mehr ganz bei Sinnen», sagt Sohn Biff Loman. Er spricht von seinem Vater, Willy Loman. «Nur ein unabsichtlicher Schwanker», rechtfertigt sich dieser.

Ein Mann, verheiratet mit Linda und Vater zweier Söhne – Biff und Happy. Und ein Mann, der einst einen Traum hatte: Als Handlungsvertreter das grosse Geld zu machen. Beliebt, ja gar weltweit sich damit einen Namen zu machen. Berühmt zu sein. 35 Jahre lang hegt er diesen Traum. Er lebt diesen aber nicht nur – er ist von diesem besessen und gesteuert. Und wartet verzweifelt auf jenen Tag, an dem er seinen Erfolg erleben darf.
Schmerzliche Sehnsucht: «American Dream»

Das Vertrauen zerbricht

Verletzt von der Realität, verliert sich Willi Loman gerne in Träumereien. Insbesondere nimmt er seinen verstorbenen Bruder Ben als Vorbild, der einst nach Alaska auswanderte und dort sein grosses Geld machte.

Nicht nur er als Vater möchte erfolgreich sein: Willi Loman treibt auch seine Söhne zur Höchstleistung an. Insbesondere Biff, der sich allerdings mit der Mathematik schwertut. ­Seinen schulischen Misserfolg möchte er seinem Vater persönlich beichten – und erwischt ihn in flagranti, nicht mit seiner Mutter. Das Vertrauen zerbricht.

Vertrauen gibt es auch keines zu seinem zweiten Sohn, Happy. Seine Rolle in der Familie könnte blasser nicht sein, geprägt von schmerzlicher Ignoranz.

Mitleid mit Hilfe verwechselt

Schmerzlich erlebt das ganze Schicksal auch Willys Frau Linda. Verzweifelt versucht sie, die Familie zusammenzuhalten. Als verständnisvolle Ehefrau und liebende Mutter. Sie begibt sich auf die Reise ihres Mannes nach der bitterlichen Suche nach Erfolg. So gut sie kann unterstützt sie ihren Mann – und verwechselt dabei Mitleid mit Hilfe.

Schliesslich macht sie auch die beiden Söhne für das Schicksal ihres Mannes verantwortlich. Nicht nur dies, sie erpresst die jungen Erwachsenen emotional. «Das Leben eures Vaters liegt in euren Händen», zieht sie beide in die Verantwortung. Und blockiert damit eine dringend nötige Aussprache unter allen vieren. Nicht ­zuletzt verstärkt sie auch noch die fanatische Sehnsucht ihres Mannes nach dem «American Dream».

Wenn Mitleid zu Tragik führt

«Mitleid ist etwas Schönes, aber wenn es immer zur Lüge führt, dazu, dass man nicht aufrichtig ist zueinander, wird es tragisch. Ich habe Empathie für Willy Loman, aber kein Mitleid, denn er zerstört diese Familie», sagt Regisseur Oliver Vorwerk.

Willy Loman versucht mit aller Kraft, den «Amerikanischen Traum» zu verwirklichen, den es so aber nie gab. Für Willy Loman schon gar nicht. Dennoch verteidigt er diesen Traum erbittert. Mit dem Leistungsdruck kommt er allerdings nicht klar und würde nie und nimmer zugeben: «Ich schaff das einfach nicht.»

Arthur Millers Text ist daher sehr aktuell.

Regisseur Oliver Vorwerk sagt:

«Es geht darum, dass jemand nicht mehr funktioniert in der Marktwirtschaft, beziehungsweise im Kapitalismus. «Willy Loman erleidet etwas, was man heute als Burn-out bezeichnen würde.»

Der Regisseur vergleicht das Verhalten mit einer Form von Demenz, bei der jemand den Kontakt zu seiner Aussenwelt verliert und sich in eine eingebildete Welt zurückzieht.

TAK-Ensemble überzeugt zum zweiten Mal

Das Stück «Tod eines Handlungsreisenden» findet sich in einem Raum, der sich surrealistisch und damit auch zeitlos gestaltet. Welche Menschen sind das auf der Bühne? «Ich glaube, wir sind es alle, wir haben grosse Probleme mit Kommunika­tion, es wird nicht mehr zugehört, Fragen werden oberflächlich abgetan», so der Regisseur. So lässt er in seinem Stück auch nicht die ganze TAK-Bühne bespielen, sondern lediglich ein in weiss gezeichnetes Quadrat, in etwa drei auf fünf Meter.

Ein Raum, der das Leben von Willy Loman widerspiegelt – und den Zwiespalt zur Aussenwelt. Ein Raum, den fünf Schauspieler mit Emotionen ausfüllen, die berühren.

Nach «Tage des Verrats» überzeugt das TAK-Ensemble mit der zweiten Eigenproduktion, der lang anhaltende Applaus spricht für sich.

Überzeugende und authentische Darsteller

Authentischer hätte die Rolle von Willy Loman nicht gespielt werden können. Verkörpert hat die Figur Ralf Beckord, ein freischaffender Theater-, Film- und Fernsehschauspieler, der nun eine fixe Grösse des TAK-Ensembles ist. Ebenso die liechtensteinische Schauspielerin Christiani Wetter in der ­Rolle der Linda Loman. Ungeschönt und echt verkörpert sie eine Frau, die schliesslich am vermeintlichen Familienglück zerbricht.

Überzeugend ist auch Julian Härtner in seiner Rolle als Sohn Biff Loman. Durch ausgezeichnete Mimik und in der Verkörperung seiner Rolle als zweiter Sohn Happy besticht auch Nico Ehrenteit. Gast-Schauspielerin im TAK-Ensemble Miriam Dey, die als Fräulein Forsythe den so zielstrebigen Willy Loman verführte, trug ebenfalls zu diesem wohlverdienten Applaus bei.

Der Applaus zeugte von wortlosen Komplimenten an das Schauspiel-Ensemble. Komplimente, die gerne an einem üblichen Premiere-Apéro an die Schauspieler persönlich überbracht worden wären. Coronabedingt fiel das anschliessende Beisammensein natürlich aus, stattdessen gab es für die Besucher ein Sektfläschchen «to go». Mit der Idee, zu Hause auf den schönen Theaterabend und das gelungene Stück anzustossen.

Am Tod des Handlungsreisenden gestorben

Verabschieden konnte sich Linda Loman nie von ihrem Mann. Im Wissen, dass dieser Autounfall kein «unabsichtlicher Schwanker» war. Wie auch ­unzählige Autounfälle davor nicht. Die Pistole, die sie zu Hause im Sicherheitskasten fand, liess sie auch kein glückliches Ende erahnen.

Nur ein bisschen Glück schenkte ihr das Leben: «Das Haus ist abbezahlt!», sagt sie, euphorisch. Und im gleichen Atemzug traurig: «Das Haus, in dem ich nun alleine lebe.» Es bleibt die Erinnerung an ihren Mann. An Willy Loman, der an dem Tod eines Handlungsreisenden stirbt. Gewissermassen. Und in diesem eineinhalbstündigen Theaterstück die letzte Sekunde seines Lebens wie einen Film passieren lässt.