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Die Anfänge der modernen Schweiz

Der erste Band der von der Gesellschaft für Werdenberger Geschichte und Landeskunde WGL herausgegebenen «Werdenberger Geschichte|n» beleuchtet unterschiedliche und teils wenig bekannte Aspekte der Jahrzehnte nach 1848
Hansjakob Gabathuler
Die Havarie des Auswandererschiffes «SS Atlantic» an Neuschottlands Küste am 1. April 1873 forderte 545 Todesopfer, davon 31 aus Sevelen und Wartau. (Bild: Aus «Harper’s Weekly» vom 19. April 1873)
Erinnerung an die 1871 in Walenstadt internierten Franzosen der Bourbaki-Armee. In der Bildmitte zwei Soldaten wohl aus Nordafrika, umgeben von Schweizer Armeeangehörigen, darunter auch mehrere Werdenberger. (Bild: Foto in Privatbesitz)
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Die Anfänge der modernen Schweiz

Nach den innenpolitischen Turbulenzen, die 1847 im Sonderbundskrieg gipfelten, ging die Schweiz in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts etwas weniger stürmischen Zeiten entgegen. Mit der Verfassung von 1848 wurde erstmals eine handlungsfähige Zentralgewalt eingeführt. Oberstes Bundesorgan war nun die Bundesversammlung mit National- und Ständerat, die Exekutive ein siebenköpfiger, rein freisinniger Bundesrat. Doch etliche Fragen um den Kompromiss zwischen Fortschritt und Bewahrung blieben ungelöst, denn die Bundesversammlung war weiterhin in ihren Befugnissen beschränkt: Beim Militäraufgebot bestanden noch die kantonalen Kontingente, das Rechtswesen war uneinheitlich, der Schutz der Arbeiter Sache der Stände. In vielen Kantonen formierte sich deshalb in den 1860er Jahren eine demokratische Bewegung, welche die Einführung der direkten Volksbeteiligung an der Gesetzgebung, das Initiativ- und Referendumsrecht und wirtschaftliche und soziale Reformen forderte.

Aussen- und innenpolitische Marchsteine

In einer Einführung beschreibt Josef Gähwiler das prägende Weltgeschehen dieser Zeit: Revolutionen erschüttern um die Mitte des 19. Jahrhunderts Europa, gewachsen auf dem Unmut gegen die Aristokratie und begründet in Not und Elend. Das Osmanische Reich, «der kranke Mann am Bosporus» und seine Zerfallserscheinung im Krimkrieg, Italiens Unabhängigkeitskriege, der Sezessionskrieg in den Vereinigten Staaten und die Einigung im Deutschen Reich sind die bedeutenden aussenpolitischen Marchsteine; die Industrialisierung und Technik, der Kulturkampf, die Auswanderung, soziale Fragen sowie Eisenbahn- und Wasserbauten sind jene mit regionalem Bezug.

Mit dem langen Weg zur direkten Demokratie befasst sich Andreas Reich in seinem Aufsatz «Von der Bundesverfassung von 1848 bis zur Einführung der Volksinitiative 1891». Hans Jakob Reichs Beitrag «Über Erschütterungen zum pfleglichen Miteinander» zeigt die Durchsetzung der politischen Ziele forscher Liberaler und die konservative Gegenbewegung während des «Kulturkampfs» im Kanton St. Gallen.

Wirtschaftliche Perspektiven
und die Auswanderung

Es war die Stickerei, die im Werdenberg eine wirtschaftliche Perspektive gab. Heini Schwendener erklärt ihren rasanten Aufstieg und jähen Untergang. Das Heimsticken war reine Familienökonomie, erlebte seine goldene Zeit, war jedoch stark vom Lauf der Weltwirtschaft abhängig und schlitterte im 20. Jahrhundert rasch in die Krise.

Viele in wirtschaftliche Not Geratene suchten ihr Glück in Übersee. Die Grenzen zwischen staatlich unterstützter Auswanderung und Abschiebung von Randständigen waren fliessend. Ziel dieser «Wirtschaftsflüchtlinge zur Entlastung der Gemeinden» war vorab Amerika, das aber nicht von allen erreicht werden konnte, wie Beispiele erschütternd zeigen: 1865 wurde das Auswandererschiff «William Nelson» Opfer eines Schiffsbrandes auf hoher See, bei dem 14 Personen aus der Region Werdenberg ihr ebenso bitteres Ende fanden wie jene 31 Auswanderer aus Sevelen und Wartau beim Desaster der «SS Atlantic» 1873 an der Küste von Neuschottland. Hansjakob Gabathuler zeichnet das tragische Schicksal dieser Unglücklichen anhand breiter Recherchen nach. Der gleiche Autor erklärt, wie im Zeitraum von 1848 bis 1866 zur Wahrung von Unabhängigkeit und Neutralität bei Auseinandersetzungen nahe unseres Staatsgebiets mehrmals auch Werdenberger zum Grenzschutz aufgeboten wurden: 1848/49 im Tessin, wieder während des Badischen Aufstands 1849 am Rhein, als es zur Grenzverletzung durch hessische Truppen bei Schaffhausen kam und die von den Preussen bedrängten Kolonnen des badischen Volksheers interniert werden mussten. Und zu Aufgeboten kam es auch 1859 bei den Kämpfen in Magenta und Solferino.

Der «Genfer Konvention» als Folge dieses Zweiten Italienischen Unabhängigkeitskriegs widmet Josef Gähwiler eine weitere Betrachtung. Dass das Bataillon 28 unter dem Kommando des Oberrieters Kaspar Zäch verleumdet wurde, war ebenso bemühend, wie die Sprachbarrieren und die Schmuggler. Nach der Schlacht bei Solferino publizierte Henry Dunant 1862 die kleine, aber wirkungsvolle Schrift «Un Souvenir de Solferino», die zur Gründung des Roten Kreuzes führte.

Das Söldnertum «in moralischer Fäulnis»

Einem Phänomen, das jahrhundertelang die Schweiz mitprägte, geht Hansjakob Gabathuler in zwei Abhandlungen nach: dem Kriegsdienst für fremde Mächte. In Venedigs Unabhängigkeitskampf gegen die Donaumonarchie stand das «Corpo dei Cacciatori Svizzeri» 1848/49 im Kampf in der Lagunenstadt. Im Krimkrieg 1853–1856 gelangte das Söldnerwesen schliesslich an seinen Scheideweg: Es war die «British Swiss Legion», die durch zweifelhafte Machenschaften der Werber in die Dienste Englands getreten war. Johann Ulrich Hilty, der ältere Bruder des Staatsrechtlers Carl Hilty, war als Unterarzt dabei und pflegte in Dover die Versehrten des Kriegs am Schwarzen Meer. Das Ende der letzten Schweizer Truppen in fremden Diensten erfolgte 1859. Hans Jakob Reich schildert es am Beispiel eines Appenzellers und des Grabsers Johann Beusch, der «in Lumpen aus neapolitanischen Diensten» zurückkehrte, nachdem bei der Rebellion eines Teils der Schweizer Regimenter die Aufständischen von «Schweizer Kameraden» mit Kartätschen zusammengeschossen worden waren.

Schweizer im Amerikanischen Bürgerkrieg

«Eine Spurensuche» von Hansjakob Gabathuler «nach ausgewanderten Werdenbergern und weiteren Schweizern im Amerikanischen Bürgerkrieg» gewährt tiefe Einblicke in diesen totalen Krieg, dessen Wunden noch heute die Menschen in den Staaten zu Tränen rühren. Es nahmen gegen 6000 ausgewanderte Schweizer an diesem Blutrausch teil, der mehr Opfer forderte, als alle nachfolgenden Kriege der Amerikaner zusammen. Im «Pferch von Andersonville» starben unter den 40000 Gefangenen deren 13000, auch Yankees mit Werdenberger Wurzeln. Lagerkommandant war ein Schweizer, der nach Kriegsende als einziger Kriegsverbrecher öffentlich gehängt wurde. Und anhand des Tagebuchs des Scharfschützen Rudolf Aschmann werden die schrecklichen Szenen dieses Kriegs schonungslos nachgezeichnet, ebenfalls die Feldzüge des Regiments der «Swiss Rifles», in dem eine ganze Reihe Werdenberger diente.

Die Internierung der «Armée de l’Est»

Die Klage «Wie schrecklich ist der Krieg!» ertönte wieder 1870/71, jedoch mit dem Hoffnungsschimmer «Aber Hülfe naht!». Hans Jakob Reich und Josef Gähwiler zeichnen die Internierung der französischen Armée de l’Est unter General Bourbaki nach. Wie unkompliziert die Internierung der 87000 Mann organisiert und abgewickelt wurde, ist aus den Protokollen des Gemeinderats Grabs ersichtlich. Mit diesem Krieg erlebte das 1863 gegründete Rote Kreuz seine Bewährungsprobe: Die Internierung war die erste grosse humanitäre Aktion und steht am Anfang des sich bildenden schweizerischen Selbstverständnisses für Humanität und Menschenrechte.

Giftmord, Armeniergenozid
und das Werdenberger Namenbuch

In den Miszellen erläutert die Historikerin Sibylle Malamud anhand eines Beispiels aus den Werdenberger Rechtsquellen einen «angeblichen Giftmord in Rohrers Schenke» in Buchs. Die Quellen von 1732/33 sind historische Zeugnisse des Alltags der kleinen Leute mit vielen Details und zahlreichen Begebenheiten, wie sie selten Eingang in die offizielle Geschichtsschreibung finden.

Unter dem Titel «Hier müsste man mit der Zeit herzkrank werden oder selbst grausam» würdigt der Seveler Historiker Werner Hagmann das Buch von Dora Sakayan «Man treibt sie in die Wüste». Clara und Fritz Sigrist-Hilty waren Augenzeugen des Völkermords an den Armeniern durch das jungtürkische Regime im Schatten des Ersten Weltkriegs. Clara Hiltys Tagebuch ist nicht nur ein beklemmendes Dokument aus der Endphase des Osmanischen Reichs, das Dora Sakayan, eine armenische Professorin aus Kanada, umfassend aufgearbeitet hat, sondern auch eine enorme Bereicherung für die Werdenberger Geschichtsschreibung.

Das «Werdenberger Namenbuch» seines Linguistenkollegen Hans Stricker wird von Valentin Vincenz als eine spezielle «Pionierarbeit mit Nachhaltigkeit» gewürdigt. Mit der achtbändigen Arbeit, die eine Vielzahl von ausdrucksstarken Fotos von Hans Jakob Reich enthält, verfügt unsere Region über ein beispielloses Werk. Den spannenden ersten Band der «Werdenberger Geschichte|n» beschliessen acht weitere Besprechungen von Buch-Neuerscheinungen.

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