30 Jahre nach Sturm Vivian - Grabser Förster: «Der Schock war im ersten Moment gross»

Förster Andreas Eggenberger aus Grabs wirft nach 30 Jahren einen Blick zurück auf das grösste Windwurfereignis in seiner beruflichen Laufbahn. Zehn Jahresnutzungen Holz fegte der Sturm damals um.

Corinne Hanselmann
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Förster Andreas Eggenebrger zeigt auf der Karte die von «Vivian» betroffenen Waldflächen.

Förster Andreas Eggenebrger zeigt auf der Karte die von «Vivian» betroffenen Waldflächen. 

Corinne Hanselmann

Erst seit einem knappen Monat war Andreas Eggenberger als Förster bei der Ortsgemeinde Grabs angestellt, als am 27. Februar 1990 Sturm Vivian mit voller Wucht durch die Wälder fegte. Der Sturm sorgte in den Gebieten Langenwald/Älpligstür für enorme Mengen Windwurfholz. «Umstürzende Bäume beschädigten im Skigebiet Wildhaus den Sessellift Oberdorf–Gamsalp. Ein Bahnmitarbeiter hat uns angerufen und informiert, dass der Sturm dort oben sehr viel Wald geworfen habe», erinnert sich Eggenberger.

«Da haben wir gewusst, dass es wohl ein Ereignis von gröberem Ausmass ist.»

Wo er selber am Tag des folgeschweren Sturms beschäftigt war, weiss er nicht mehr. «Wenige Wochen zuvor gab es ein Hochwasserereignis am Walchenbach. Es kann gut sein, dass wir dort mit Reparaturen an den Verbauungen beschäftigt waren.» In den Höhenlagen von 1200 bis 1600 Meter, in denen «Vivian» den Grossteil der Schäden am Grabser Wald anrichtete, wird im Winter normalerweise nicht gearbeitet.

«Vivian» hinterliess 1990 eine grossflächige Spur der Verwüstung, wie dieses Foto von damals zeigt.

«Vivian» hinterliess 1990 eine grossflächige Spur der Verwüstung, wie dieses Foto von damals zeigt.

Hansruedi Rohrer

Zu Fuss und auf Tourenski unterwegs

«In den Tagen danach haben wir versucht, uns einen Überblick über den Schaden zu verschaffen», erzählt Eggenberger, der bis heute für dasselbe Waldgebiet zuständig ist. Zu Fuss und auf Tourenski kämpften sich die Förster von der Freienalp und vom Gamperfin her bis zu den Schadenflächen vor. Weil Windwurfholz aus Qualitätsgründen möglichst innert einem halben Jahr aufgerüstet und vermarktet werden muss, war dieser erste Überblick von grosser Wichtigkeit. «Wenn sich die Menge im Rahmen einer normalen Nutzung bewegt, ist die Verarbeitung ja kein Problem.» Nach «Vivian» hatte der Forstbetrieb der Ortsgemeinde Grabs aber von einem Tag auf den anderen 60000 bis 70000 Kubikmeter Holz, also etwa das Zehnfache der damaligen Jahresnutzung, am Boden. «Eine solche Menge kann nicht mehr nur an die angestammte Kundschaft verkauft werden. Zudem braucht es mehr Personal und Maschinen, um das in nützlicher Frist zu bewältigen.»

Es war der schönste Wald

In den betroffenen Wäldern standen relativ alte Bäume. Die Gebiete wurden vor rund 100 Jahren aufgeforstet. «Von der Holzqualität her, war das sehr schönes Holz», so Eggenberger.

«Mein Vorgänger sagte jeweils, das sei der schönste Wald, den wir weitherum haben, mit dem schönsten Holz, das dann mal gutes Geld gibt.»

Viel davon war nach «Vivian» am Boden. «Der Schock war deshalb im ersten Moment relativ gross.»

Vergleich mit jüngsten Stürmen

Der Grabser Förster Andreas Eggenberger sah sich nach «Vivian» mit einer enormen Menge Sturmholz konfrontiert. Rund zehn Jahresnutzungen lagen nach «Vivian» am Boden.

Zum Vergleich: Sturm Lothar an Weihnachten 1999 fällte in Grabs «nur» etwa zwei Jahresnutzungen, also etwa 10000 bis 12000 Kubikmeter Holz.

Der Sturm im November 2019 hatte ebenfalls weit weniger schlimme Folgen: Etwa 1500 bis 2000 Kubikmeter fielen ihm zum Opfer. Die jüngsten Stürme vom Januar und Februar sorgten für etwa 700 bis 800 Kubikmeter Sturmholz. Im Vergleich mit den 60000 bis 70000 Kubikmetern vom Februar 1990 ist das also nur ein Bruchteil.

Schon zehn Jahre länger als Andreas Eggenberger und ebenfalls bis heute ist Förster Andreas Gerber für die OG Grabs, bzw. heute für die Forstgemeinschaft Grabus, tätig. Eggenberger, der von 1981 bis 1984 schon die Forstwart-Lehre bei der OG Grabs absolvierte, sagt: «Für mich als jungen, damals 25-jährigen Förster war es ein grosser Vorteil, dass wir zu zweit waren und dieses Ereignis als Team bewältigen konnten.»

«Alleine wäre ich wohl ziemlich überfordert gewesen.»

Er konnte von den Erfahrungen von Andreas Gerber profitieren. Auch der damalige OG-Präsident Matthäus Lippuner engagierte sich stark für den Wald und kannte sich im Metier aus. «Er knüpfte nach dem Sturm rasch Kontakte zu auswärtigen Holzkäufern, sodass wir bald Kaufverträge mit Grosssägereien im Tirol abschliessen konnten.»

Alle umliegenden Forstbetriebe halfen in Grabs mit

Die Arbeiten starteten nach der Schneeschmelze. Von «Vivian» waren in der Umgebung nur Grabs und das Obertoggenburg (siehe Kasten) stark betroffen. Dadurch konnte die OG Grabs alle umliegenden Forstbetriebe von Rebstein bis Wartau mit Aufräumarbeiten im Grabser Wald beauftragen.

«Durch den Sturm war viel Windwurfholz auf dem Markt. Sie sollten deshalb keine zusätzlichen Bäume fällen und waren froh, dass sie bei uns Arbeit hatten. Und wir waren froh, dass wir Personal hatten.»
Es wurden grosse Anstrengungen unternommen, um das Holz schnellstmöglich abzutransportieren.

Es wurden grosse Anstrengungen unternommen, um das Holz schnellstmöglich abzutransportieren.

Hansruedi Rohrer

Auch ein Forstunternehmer aus dem Münstertal war hier beschäftigt und brachte rund 30 Saisonarbeiter aus Portugal und dem ehemaligen Jugoslawien mit, welche den Sommer über in der Voralp und Alphütten logierten.

«Zeitweise waren hier bis zu 100 Leute gleichzeitig am Holzaufrüsten.»

Die Stämme wurden teilweise per Seilbahn zu Alpstrassen abgeseilt und dort verladen.

«An manchen Tagen verkehrten zehn Lastwagen zwischen dem Windwurfgebiet und dem Buchser Bahnhof, wo die Stämme auf Züge umgeladen wurden.»

Die grossen Anstrengungen zeigten Früchte: Bis Herbst 1990 war der grösste Teil des Holzes abtransportiert.

Nach dem Sturmholz folgte das Käferholz

Obertoggenburg Neben Grabs war auch das Obertoggenburg stark von Sturm Vivian betroffen. In Wildhaus sind schätzungsweise 40 000 Kubikmeter und in Alt St. Johann 43 000 Kubikmeter Sturmholz angefallen. «Als Folge des Sturms gab es einen massiven Borkenkäferbefall», sagt Regionalförster Christof Gantner. «Ich schätze anhand von Statistikangaben, dass nochmals die gleiche Menge als Käferholz angefallen ist. Somit kann man sagen, dass im Obertoggenburg rund 160 000 Kubikmeter als direkte Folge von ‹Vivian› angefallen sind.»

Nebst Fichten wachsen auf der damaligen Schadenfläche heute dank Pflanzungen auch junge Ahornbäume heran. Sie müssen aber durch einen Zaun vor dem Wild geschützt werden.

Nebst Fichten wachsen auf der damaligen Schadenfläche heute dank Pflanzungen auch junge Ahornbäume heran. Sie müssen aber durch einen Zaun vor dem Wild geschützt werden.

PD

Heute würde man das Holz vielleicht liegen lassen

Das qualitativ gute Holz der alten, dicken Fichten konnte für rund 100 Franken pro Kubikmeter verkauft werden. Mit dem Erlös konnte die Arbeit der auswärtigen Forstunternehmen bezahlt werden, sodass der OG Grabs zumindest finanziell eigentlich kein Schaden entstand. Heute sähe dies anders aus: Der Holzpreis sei eher schlechter und die Aufrüstungskosten deutlich höher. Dadurch müsste man sich heute bei einem Ereignis von solchem Ausmass gut überlegen, ob man das Holz je nach Lage überhaupt noch aufrüstet oder einfach liegen lässt, so Eggenberger. Damals war dies kein Thema. «Zehn Jahre später, nach dem Sturm Lothar, hat diesbezüglich bereits ein Umdenken stattgefunden. Ökologen haben angefangen, von einer Chance für die Natur zu sprechen, wenn man Totholz liegen lässt.»

Waldbild veränderte sich seit dem Sturm stark

Vogelbeere hat sich auf den Schadenflächen als Pionierbaum durchgesetzt.

Vogelbeere hat sich auf den Schadenflächen als Pionierbaum durchgesetzt.

Im Jahr darauf begann das forstliche Waldwiederherstellungsprojekt, welches Bund und Kanton zu einem grossen Teil finanzierten. Zivilschutz und Studentengruppen kamen für Schlagräumungen zum Einsatz: Äste aufhäufen, den Boden freiräumen und junge Bäume pflanzen. Zudem wurden die durch den Holztransport stark beanspruchten Strassen erneuert. Das Waldbild hat sich dort seither stark verändert: Wo vor «Vivian» ein geschlossener dichter Wald stand, wachsen heute junge Bäume. «Mit Fokus auf die Natur war ‹Vivian› eher ein positives Ereignis», sagt Eggenberger.

«Ohne diesen Windwurf hätte man nie in diesem Ausmass Bäume gefällt und den Wald verjüngt.»
Im nachwachsenden Jungwald sind alle paar Jahre Pflegeeingriffe nötig.

Im nachwachsenden Jungwald sind alle paar Jahre Pflegeeingriffe nötig.

Mit den Baumpflanzungen versuchte man auch, nebst Fichten mehr Weisstannen und Laubbäume wie Ahorn anzusiedeln. Dies gelang aber nur teilweise, weil das Wild diese Jungbäume sehr gerne frisst und sie dagegen geschützt werden müssen. Durch die üppige Krautschicht wurde das Nahrungsangebot auf den offenen Flächen allgemein fürs Wild wesentlich interessanter.

Alle paar Jahre sind im Jungwald nun Pflegeeingriffe nötig. Stärkeren Bäumen schaffen die Forstarbeiter Platz zum Wachsen, damit spätere Generationen dort in 50 bis 100 Jahren wieder einen dichten Wald mit dicken Bäumen vorfinden – vorausgesetzt sie widerstehen künftigen Stürmen.