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Der letzte Liechtensteiner Soldat starb vor 80 Jahren

Andreas Kieber, der letzte Angehörige des früheren Militärs des Fürstentums, starb vor 80 Jahren. Er hatte als junger Soldat am letzten Feldzug von 1866 teilgenommen, der die liechtensteinische Truppe auf das Stilfserjoch im Südtirol geführt hatte.
Günther Meier
Andreas Kieber starb als letzter Soldat des liechtensteinischen Militärkontingents am 19. April 1939 im Alter von 95 Jahren. Ihn würdigte das Liechtenstein auf besondere Weise. (Bild: Baron Eduard von Falz-Fein/Landesarchiv)

Andreas Kieber starb als letzter Soldat des liechtensteinischen Militärkontingents am 19. April 1939 im Alter von 95 Jahren. Ihn würdigte das Liechtenstein auf besondere Weise. (Bild: Baron Eduard von Falz-Fein/Landesarchiv)

Hochbetagt, im Alter von 95 Jahren, schloss Andreas Kieber am 19. April 1939 nach kurzer Krankheit die Augen für immer. Mit ihm sei «ein Stück Alt-Liechtenstein» verschwunden, so das Liechtensteiner Volksblatt in einem Nachruf. Den letzten Soldaten, der seinen Dienst im liechtensteinischen Militär absolviert hatte, würdigte Liechtenstein auf besondere Weise. Sowohl Fürst Franz Josef II. als auch die Regierung legten am offenen Grab des Veteranen einen Kranz nieder. Das Ableben Kiebers rief der Bevölkerung wieder in Erinnerung, dass auch Liechtenstein eine militärische Vergangenheit hatte.

Nicht in erster Linie zur Landesverteidigung, noch weniger zur Eroberung neuer Gebiete, sondern vor allem als Verpflichtung aus der Teilnahme am Deutschen Bund im Jahr 1815, der auch vom kleinen Fürstentum die Bereitstellung eines Militärkontingentes verlangte. Dem losen Staatenbund von 38 Mitgliedern, der bis 1866 bestand, musste Liechtenstein eine Mannschaft von Infanteristen zur Verfügung stellen: Ursprünglich betrug das Kontingent 55 Mann, das aber 1855 auf 64 und 1862 auf 82 Mann erhöht wurde.

Der Militärdienst war nicht beliebt, die Rekruten wurden ausgelost

Der am 5. August 1844 geborene Andreas Kieber wurde 1865 zur Militärausbildung eingezogen. Der Militärdienst erfreute sich keiner besonderen Beliebtheit, aber auch das Militär selbst genoss keinen grossen Rückhalt in der Bevölkerung, insbesondere deswegen, weil das arme Land die Kosten für Ausrüstung, Ausbildung und Sold zu tragen hatte. Den Wehrdienst hatten grundsätzlich alle jungen Männer zu leisten, aber die benötigte Anzahl Rekruten erfolgte durch Auslosung unter den 18- bis 25-jährigen Männern. Wer ausgelost war, musste seine Dienstzeit von vier Jahren auf Schloss Vaduz, das als Kaserne diente, absolvieren. Neben der Ausbildung an der Waffe mussten die Rekruten auch das Schwimmen lernen, wofür beim Schloss ein Schwimmbecken zur Verfügung stand.

Soldat und Unteroffizier in den schmucken Uniformen des liechtensteinischen Militärkontingents im 19. Jahrhundert. (Bild: Landesarchiv)

Soldat und Unteroffizier in den schmucken Uniformen des liechtensteinischen Militärkontingents im 19. Jahrhundert. (Bild: Landesarchiv)

Andreas Kieber hatte gerade seinen ersten Ausbildungsteil hinter sich gebracht und wollte zur Arbeit auf dem heimischen Bauernhof zurückkehren, als sich die politische Lage in Europa gefährlich zuspitzte. Die bekannten Rivalitäten zwischen der alten Führungsmacht Österreich unter den Habsburgern und den Preussen unter den Hohenzollern waren wieder aufgebrochen. Preussen konnte sich 1866 bei dieser Auseinandersetzung die norddeutschen Länder sichern, während die süddeutschen Staaten zu Österreich hielten.

Italien hatte sich mit Preussen gegen den Erzfeind Österreich verbündet, weil die Österreicher immer noch die italienischen Länder Venetien und Istrien in ihrem Besitz hielten. Aufgrund der Zuspitzung der Lage, die zum Krieg Österreich gegen Preussen führte, musste Andreas Kieber wieder in die Kaserne auf Schloss Vaduz zurück: Ein spezieller Übungskurs für einen allfälligen Kriegseinsatz der liechtensteinischen Truppe stand auf dem Programm.

Militärkontingent musste in zwei Wochen marschbereit sein

Am 14. Juni 1866 erhielt Liechtenstein die Aufforderung, das Militärkontingent müsse innerhalb von zwei Wochen abmarschbereit sein. Fürst Johann II. nahm die Pflichten aus dem Deutschen Bund sehr ernst und stellte dem österreichischen Kaiser die Truppe für die Tiroler Landesverteidigung an der Grenze zu Italien zur Verfügung. Sogar eine Erhöhung des Truppenkontingentes auf 120 Mann stellte er für den Notfall in Aussicht. Im Land herrschte vor allem darüber, aber auch generell wegen des bevorstehenden Kriegsdienstes, grosse Aufregung. Im Landtag fand eine rund sechs Stunden dauernde Debatte statt, wobei die Abgeordneten heftig gegen den Ausmarsch der liechtensteinischen Soldaten protestierten.

Der Fürst reiste von Wien nach Vaduz, inspizierte die Truppe und ordnete auf den 25. Juli 1866 den Ausmarsch an. Die aufgebrachte Bevölkerung versuchte er zu beruhigen, indem er die Kosten für die Truppe übernahm.

Gleichzeitig liess er den Abgeordneten des Landtags eine Stellungnahme zukommen, in der seine Beweggründe erklärt wurden – und auch, warum die Truppe ins Südtirol geschickt werde:

«Damit Meine getreuen Truppen nicht gezwungen würden an einem unsäglichen Bruderkriege thatsächlich Theil zu nehmen, habe Ich Mich unter Kenntnissnahme der Bundesversammlung mit Sr. Majestät dem Kaiser von Oestreich dahin geeinigt, dass Meine Truppen im Verein mit der tapfern Armee Oestreich’s im Süden die Grenzen Deutschland’s gegen den auswärtigen Feind vertheidigen. So glaube ich denn, das Schmerzlichste und Grausamste abgewendet zu haben.»

Als sich Andreas Kieber mit seinen Kameraden am 26. Juli 1866 auf den Marsch ins Südtirol machte, war der Krieg zwischen Österreich und Preussen schon beendet, aber man traute dem Ende der Kampfhandlungen noch nicht, die jederzeit aufflackern könnten. Ursprünglich war vorgesehen, dass die Truppe aus Liechtenstein, die über den Arlberg und Landeck das Südtirol erreichte, in Bozen stationiert werden sollte. Dann wurde der Plan geändert, die Truppe nach Prad beordert.

Bei Andreas Kieber und den anderen Soldaten macht sich Unruhe bemerkbar, weil sie befürchten, in das Gebirge abkommandiert zu werden. Von Kieber ist nichts überliefert, aber ein anderer Soldat aus Triesen beschrieb in einem Brief, der auch in der Liechtensteinischen Landeszeitung abgedruckt wurde, die Situation: «Hier in Prad logieren wir in Kasernen. Wir wissen nicht, was mit uns geschehen wird, vielleicht müssen wir das Wormser Joch besetzen, was uns aber schwer fallen wird, denn die Mannschaft, welche wir ablösen sollen, muss bereits vor Kälte erstarren.»

Gekämpft, aber nur gegen die Kälte auf dem Stilfserjoch

Die Ungewissheit hatte ein Ende, als der Befehl eintraf, über das Stilfserjoch nach St. Maria zu marschieren. Der für den 11. August befürchtete Angriff der Italiener fand glücklicherweise nicht statt, aber die Mannschaft hatte genug zu kämpfen – mit der Kälte, obwohl Sommer war. Berichtet wurde, dass die Gewehre nicht mehr funktioniert hätten, weil sie eingefroren waren.

Für den Kommandanten Peter Rheinberger war es nicht einfach, die Disziplin in der Truppe zu halten. Andreas Kieber schien zu den braven Soldaten gehört zu haben, weil von ihm kein Fehlverhalten überliefert ist. Andere erhielten Strafen, weil sie die Waffe nicht ordnungsgemäss gepflegt hatten, weil sie nicht zu den regelmässigen Appellen erschienen oder über den Durst getrunken hatten. Und dies, obwohl sich einige der Soldaten in Briefen nach Hause darüber beklagten, wie teuer Wein und Schnaps im Südtirol seien. Schliesslich aber waren die Liechtensteiner Soldaten froh, den Heimweg antreten zu können, ohne mit einem Feind kämpfen zu müssen. Am 26. August 1866 entliess der österreichische Brigadekommandant Major von Metz die liechtensteinische Truppe. Auf der gleichen Strecke marschierten Andreas Kieber und seine Kameraden zurück nach Liechtenstein, rund 190 Kilometer.

Mit auf den Weg nahmen sie die Würdigung des Majors, der sich bei der «musterhaft braven Truppe» bedankte, die sich durch ihre «nachahmungswürdige Disziplin und Ordnung» ausgezeichnet habe: Wohl etwas viel Lob, aber vielleicht wusste er auch nichts von den disziplinarischen Schwierigkeiten des liechtensteinischen Kommandanten.

Am 12. Februar 1868 wurde das Militär abgeschafft

Am 4. September 1866 empfing die erleichterte Bevölkerung die Soldaten bei ihrer Rückkehr mit Applaus. Das liechtensteinische Militärkontingent hatte damit seinen «Feldzug» beendet – seinen letzten Feldzug. Denn am 12. Februar 1868 verfügte Fürst Johann II. die Abschaffung des Militärs, nachdem der Deutsche Bund aufgelöst worden war: «Die Verhältnisse in der staatlichen Ordnung Deutschlands haben sich so geändert, dass Ich es für richtig halte, im Interesse Meines Fürstentums von der Unterhaltung eines Militärkontingentes abzusehen.»

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