Der Buchser Velodoktor Othmar Ehrenzeller steht vor der Pension

In Othmar Ehrenzellers Leben dreht sich alles um Velos. Im Frühjahr 2019 schliesst er sein Zweiradgeschäft in Buchs. Damit geht eine Familiengeschichte zu Ende.

Heini Schwendener
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Die Reparatur des betagten Tandems fordert Othmar Ehrenzellers Konzentration. Seine langjährige Erfahrung ist dabei wertvoll. (Bilder Heini Schwendener)

Die Reparatur des betagten Tandems fordert Othmar Ehrenzellers Konzentration. Seine langjährige Erfahrung ist dabei wertvoll. (Bilder Heini Schwendener)

Eine Frau mit einem alten, rostigen und klapprigen Drahtesel betritt den Laden. «Hoi», ruft sie. Othmar Ehrenzeller arbeitet an einem ähnlich alten Velo, das noch etwas besser im Schuss ist. «Hoi», quittiert er trocken und montiert seelenruhig das Bremskabel, ehe er sich der Kundin zuwendet. «Hörst du etwa auf?», wird er gefragt. Ehrenzeller, kein Mann der langen Reden, sagt nur: «Ja, spätestens im Frühling.»

Im Schauraum und in der Werkstatt deutet alles auf das Ende hin. Nicht nur die leeren Regale, auch der viele freie Platz. Früher war es eng hier drinnen, alles voller Velos, Mofas und Roller und Zubehör. Ganz am Anfang wurden in der Werkstatt sogar noch Autos repariert. Simca, doch die sind Geschichte, wie bald auch Zweirad Ehrenzeller.

In der Werkstatt aufgewachsen

Was der Junior aufgibt, hat dessen Vater 1951 aufgebaut. Klein Othmar ist sozusagen in der Werkstatt aufgewachsen, hatte aber andere Pläne: Er lernte Maschinenzeichner und studierte drei Semester am Neu-Technikum Buchs, wie es damals noch hiess. Mit 24 ist er, sozusagen als Spätberufener, ins väterliche Geschäft eingestiegen, ohne je eine entsprechende Lehre absolviert zu haben. ­Learning by doing, das ging problemlos, blickt er heute zurück. Vollends in Vaters Fussstapfen Schon zum zweiten Mal als Spätberufener war er somit vollends in die Fussstapfen seines Vaters getreten, denn der war ein begeisterter Rennvelofahrer, den es wegen einer Sportgruppe einst nach Buchs gezogen hatte. Othmar Ehrenzeller fuhr erst mit 20 Jahren sein erstes Velorennen, war acht Jahre Eliteamateur und wurde mit seinen RMV-Fortuna-Kollegen einmal Vize-Schweizer-Meister im Mannschaftsfahren.

In den frühen 80er-Jahren hat Othmar Ehrenzeller in einem fliessenden Übergang das Geschäft übernommen. Heute kann er auf 40 Jahre Berufserfahrung als Velomechaniker zurückblicken. Darum wirft ihn so schnell nichts mehr aus der Bahn, auch nicht der Wunsch seiner Kundin, ihr betagtes Velo doch noch einmal zu revidieren. Besorgt fragt sie: «Wo soll ich denn nachher hin?» Ihre Sorge ist begründet, denn andernorts würde man ihr wohl sagen, sie solle ihr Gefährt verschrotten und sich ein neues kaufen. Othmar Ehrenzeller, der selber, obwohl an der Quelle aufgewachsen, erst mit 20 Jahren sein erstes neues Velo besass, ist die heutige Wegwerfmentalität zuwider. Er sagt: «Viel verdienen kann ich mit solchen Aufträgen nicht, aber sonst macht das doch niemand mehr.»

«Ich bin jetzt 65, im Frühling ist Schluss»

Für viele seiner Kunden ist Ehrenzeller der Velodoktor für die fast hoffnungslosen Fälle. Etwas geschmeichelt fühlt er sich schon, dass sein Fachwissen auch heute noch so gefragt ist. «Aber alles hat einmal ein Ende, ich bin jetzt 65, im Frühling ist Schluss. Wenn ein Hausarzt aufhört, muss man sich eben auch einen neuen suchen.» Ehrenzellers langjähriger Werkstattkollege Heinz Rhiner, der bei ihm schon die Lehre gemacht hat und in der Folge für die motorisierten Zweiräder zuständig war, hat sich verabschiedet und am 1. Oktober an der Oberdorfstrasse 11 in Salez eine Werkstatt für Mofas und Roller eröffnet. Rhiner, der «Pfupferli»-Doktor, macht also noch weiter.

Die Kundin hat sich inzwischen verabschiedet. Ehrenzeller «chlüterlet» weiter am alten Tandem herum.Dabei erzählt er, wie ihn in all den Jahren die rasante technische Entwicklung der Zweiräder faszinierte: Federgabeln, Scheibenbremsen, elektronische Schaltungen, Elektroantriebe und künftig sogar ABS. Der Velofan, der in seinem Velogeschäft sein Hobby zum Beruf gemacht hat, erlebte alles hautnah mit. Selber war er natürlich immer mit sehr guten, aber nie mit den teuersten Fahrrädern seines Sortiments unterwegs. Trotz dieses Fortschritts ist Othmar Ehrenzellers Leidenschaft für rein mechanische Velos nie erloschen. Solche ohne High-Tech-Komponenten, die zur Reparatur zum Importeur müssen.

In den vergangenen vier Jahrzehnten hat die Velobranche gute und weniger gute Zeiten erlebt. Klagen mag der 65-Jährige nicht. In all den Jahren hatte er viele Kunden, für deren langjährige Treue zu seinem Geschäft Othmar Ehrenzeller sehr dankbar ist. Und momentan ist ja gerade die Nachfrage nach E-Bikes gross. Das heisse heute aber nicht mehr, dass sich die Kassen des Fachhandels von selbst füllten, betont Ehrenzeller. Alle wollen nämlich am Boom teilhaben, und viele Kunden kaufen dort, wo es am billigsten ist. Per Internet, ennet der Grenze oder bei den vielen Anbietern, die eigentlich gar nichts mit Velos am Hut haben, sich aber ihr Stück vom Kuchen abschneiden wollen. Geht danach etwas kaputt, stehen die Käufer beim Velodoktor auf der Matte.

Das zweite Leben in vollen Zügen geniessen

Angesichts dieser Situation ist ungewiss, was dereinst mit den Räumlichkeiten von Zweirad Ehrenzeller im Zentrum der Stadt Buchs geschehen wird. «Wieder ein Velogeschäft? Schön wär’s, oder irgendein Verkaufsgeschäft, das es in Buchs nicht gibt.» Velotouren über Pässe Ein neuer Kunde betritt die Werkstatt: «Hoi! Hörst du tatsächlich auf?» «Ja», sagt Othmar Ehrzeller mit Nachdruck. Das Pensionsalter sieht man dem grossgewachsenen Mann mit der sportlichen Figur eben nicht an. Ehrenzeller freut sich, bei all seiner Liebe zum Beruf, auf die Zeit danach. Noch nicht allzu lange ist es her, dass er eine schwere Krebskrankheit besiegt hat. Ihm wurde sozusagen ein zweites Leben geschenkt, das er ab Frühling in vollen Zügen geniessen möchte, zumal auch seine Frau dann in Pension gehen wird. Mit seinem Rennvelo, dem besten, das er je hatte, wird er Touren unternehmen, Alpenpässe erklimmen und die rasanten Abfahrten geniessen.

Der Kunde im Zweiradgeschäft ist zufrieden. Othmar Ehrenzeller ist in einem halbleeren Gestell fündig geworden, ein Ständer für ein Kindervelo wechselt den Besitzer. «Tschau», sagt man sich am Schluss, ohne sich die Hände zu reichen. Ehrenzellers sind sowie immer verdreckt, ölig und fettig. Kriegt er sie eigentlich je wieder sauber? «Richtig sauber sind meine Hände meist erst nach zwei Wochen Ferien», meint er lächelnd, «aber dann fängt ja alles wieder von vorne an.» Das ändert sich im Frühjahr 2019. Nach rund zwei Wochen als Pensionär sollten die augenfälligsten Spuren seiner Velomech-Tätigkeit an den Händen für immer verschwinden.