Nach elf Jahren ist Schluss: Die «Gugga-Mutti» der Wartauer Moosfürz hört auf

Seit elf Jahren ist die 62-jährige Ellen Classen bei der Gugga Moosfürz dabei. Diese Saison das letzte Mal.

Ramona Riedener
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Ellen Classen ist zum letzten Mal als Moosfürz-Mitglied bei der Wartauer Fasnacht dabei. «Es ist für mich der richtige Zeitpunkt, aufzuhören.»

Ellen Classen ist zum letzten Mal als Moosfürz-Mitglied bei der Wartauer Fasnacht dabei. «Es ist für mich der richtige Zeitpunkt, aufzuhören.»

Benjamin Manser

Manchen Guggerinnen und Guggern wird die Posaune, Trompete, Tuba oder Trommel bereits in die Wiege gelegt. So beginnt die fasnächtlich-musikalische Karriere oft bereits mit den ersten Schritten auf wackligen Kinderbeinen, spätestens aber wenn die Eltern betreffend Ausgang nichts mehr zu sagen haben. Anders war das bei Ellen Classen aus Weite: Die 62-jährige Buchhalterin entdeckte ihre Freude an der Guggenmusik und am fasnächtlichen Brauchtum vor elf Jahren. Durch ihren Mann, der damals schon den Altersdurchschnitt in der Gugga hinaufdrückte, kam sie 2009 zu den Azmooser Moosfürz.

Ihr Début gab sie als «Nichtmusikus» auf den Tschinellen, bevor sie ein Jahr später auf die Lyra wechselte. Der erste öffentliche Auftritt der Guggerin war allerdings nicht so toll.

«Wir hatten einen Auftritt in Gams. Das Konzert war fürchterlich. Es klang, als ob wir zwei verschiedene Lieder spielen würden. Am Schluss hat uns der Gugga-Major regelrecht zusammengestaucht. Darauf fragte ich mich: ‹Muss ich mir das in meinem Alter von einem 30-Jährigen noch gefallen lassen?›»

«Abwarten», entschied sie. Es hat sich gelohnt, denn heute ist Ellen Classen überzeugt: «Zur Gugga zu gehen war das Beste, was ich tun konnte.»

Wie man Freunde gewinnt

Als die gebürtige Westfalin mit ihrem Mann 2006 in die Schweiz kam, kannte sie weder das fasnächtliche Brauchtum in der Ostschweiz noch wusste sie von den weitverbreiteten Vorurteilen gegenüber den nördlichen Nachbarn. «Wir sind Vereinsmenschen. Mein Mann spielte in Deutschland immer in einem Musikverein. Für ihn war klar, auch hier einem Verein beizutreten», erinnert sich die aufgeschlossene Deutsche. Einfach auf die Leute zugehen, mitmachen und sich ihren Gepflogenheiten anpassen war das Erfolgsrezept des Paars, um sich in der neuen Wahlheimat zu integrieren.

Schnell lernten die beiden, dass die direkte Art der Deutschen hier nicht so gut ankommt und oft als arrogant gewertet wird.

«In Deutschland ist es völlig normal zu sagen: ‹Ich krieg ein Bier.› Das geht hier gar nicht. Auch in einer einfachen Beiz sagt man ‹Kann ich bitte ein Bier haben?› Wenn man mit den Leuten in Kontakt kommen und Freundschaften aufbauen möchte ist es wichtig, diese Regeln zu beachten.»

Heute sei ihr das so in Fleisch und Blut übergegangen, dass sie gewohnheitsmässig auch in Deutschland auf diese Art bestellt und darauf einen erstaunten Blick des Kellners einholt.

Kameradschaft und tolles Hobby

Mitten unter 18- bis 35-jährigen Guggern ist Ellen Classen inzwischen elf Jahre unterwegs im fasnächtlichen Treiben. Nachdem jeweils im September die Proben beginnen, heisst es, kaum sind die Weihnachtsglocken verklungen, zuerst jedes Wochenende und dann fast durchgehend vom Schmutzigen Donnerstag bis Fasnachtsdienstag und danach weitere Wochenenden unterwegs zu sein. Kunstvoll geschminkt und im farbenprächtigen Kostüm mit schaurig-schönem Sound gehts vom Umzug über die Beizentour zum Maskenballauftritt. Sie sei eher die Beobachterin. Schaue, dass ihre Gugga-Kollegen rechtzeitig am richtigen Ort sind, auch die Letzten die Abfahrt des Cars zu später Stunde nicht verpassen und alle ihre Sachen beisammen haben. Diese Fürsorge hat ihr inzwischen den Kosenamen «Mutti» eingebracht. Ein tolles Hobby ist es für sie, bei dem die Kameradschaft im Vordergrund steht.

Kunstvoll geschminkt und im farbenprächtigen Kostüm ist Ellen Classen jeweils unterwegs.

Kunstvoll geschminkt und im farbenprächtigen Kostüm ist Ellen Classen jeweils unterwegs.

Benjamin Manser

Eine besondere Freundschaft hat sich mit der Savogniner Gugga entwickelt: Zum festen Programm der Moosfürz gehört die Teilnahme am nationalen Alp-Guggentreffen in Savognin. Die örtliche Clique erwidert den freundschaftlichen Kontakt alljährlich mit einem Gegenbesuch an der Wartauer Fasnacht. Als es darum ging, einigen Mitgliedern Unterkunft zu bieten, öffnete Ellen Classen gastfreundlich ihr Haus. Da sie in der Festhalle am Arbeiten war, hatte sie keine Zeit, ihre Gäste zu begrüssen. Vertrauensvoll überliess sie mit einer kurzen Erklärung den Hausschlüssel, und weg war sie wieder. So verbrachten etwa 15 Pensionsgäste, zum Teil ihr unbekannte, die Nacht im Haus der gastfreundlichen Gugga-Mutti. Heute noch erinnern sich die Beteiligten daran und die daraus entstandene Freundschaft wird gegenseitig gehegt und gepflegt.

Wenn es Zeit ist, aufzuhören

Nun wird es Zeit für Ellen Classen, aufzuhören mit ihrem geliebten Hobby, welches ihr in den letzten Jahren viel Freude bereitet hat.

Nachdem einige der älteren Gugger aufgehört haben, ist für die 62-Jährige der Altersunterschied doch zu gross geworden. Am Sonntag, 1. März, wird sie nochmals dabei sein, bevor sie am Guggentreffen in Savognin ihren letzten Auftritt mit den Moosfürz hat.

«Es ist nicht schön aufzuhören. Sicher werden viele Tränen fliessen. Doch es ist der richtige Zeitpunkt für mich. Ich werde diese Freundschaften natürlich auch weiterhin pflegen und mit der Gugga verbunden sein», sagt die Frau, die in Kürze zum zweiten Mal Grossmutter wird. Dann hätte sie Zeit, sich mehr um ihre Tochter und Enkel in Berlin zu kümmern:

«Es wird wehtun aufzuhören, doch ich freue mich auf das Neue, das jetzt auf mich zukommt.»