Das Fürstentum feiert seinen Geburtstag - Ein Blick in die Geschichte

Vor 300 Jahren wurde das Fürstentum Liechtenstein mit Beschluss von Kaiser Karl VI. zur Vereinigung der Herrschaft Schellenberg und der Grafschaft Vaduz gegründet. Schon vor 1719 waren die beiden Gebiete in den Besitz des Fürstenhauses gelangt.

Günther Meier
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Übergabe und Huldigung der Landschaften Vaduz und Schellenberg an die Fürsten von Liechtenstein am 5. September 1718 bei Schloss Vaduz. (Bild: Eugen Verling/AKU-Landesarchiv)

Übergabe und Huldigung der Landschaften Vaduz und Schellenberg an die Fürsten von Liechtenstein am 5. September 1718 bei Schloss Vaduz. (Bild: Eugen Verling/AKU-Landesarchiv)

Am heutigen 23. Januar, auf den Tag genau 300 Jahre nach der Gründung des Fürstentums Liechtenstein, feiert die Bevölkerung den Geburtstag des Landes mit einem Fussmarsch zum Scheidgraben, der die Grenzlinie zwischen der Grafschaft Vaduz und der Herrschaft Schellenberg bildete. An die Geburtstagsfeier schliessen sich, verteilt auf das gesamte Jahr, eine Reihe von Jubiläumsveranstaltungen an, ergänzt durch Jubiläumsbriefmarken und Goldmünzen. Im Mittelpunkt aller Veranstaltungen steht jeweils das Gedenken an die Staatsgründung, die im Unterschied zu vielen anderen Ländern nicht aufgrund eines Krieges oder eines Friedensschlusses erfolgte, sondern durch die Zusammenführung zweier kleiner autonomer Gebiete zu einem Staatsgebilde.

Was geschah am 23. Januar 1719? An diesem Tag vereinigte Kaiser Karl VI. die Grafschaft Vaduz und die Herrschaft Schellenberg und erhob die beiden Gebiete zum Reichsfürstentum Liechtenstein. Diesem lang ersehnten Akt ging eine längere Geschichte voraus, die dadurch geprägt war, dass die Fürsten von Liechtenstein mehr Einfluss und Würde am Kaiserhof haben wollten.

Land war wichtig, um im Reichstag mitreden zu können

Schon Kaiser Ferdinand II. hatte dem Fürsten Karl von Liechtenstein im Jahr 1620 die Auszeichnung Reichsfürst verliehen, doch Sitz und Stimme im einflussreichen und angesehenen Reichstag des Heiligen Römischen Reiches blieb dem Geehrten und seinen Nachfolgern verwehrt. Wer in diesem Reichstag mitreden und mitbestimmen wollte, musste im Besitz eines reichsunmittelbaren Gebietes sein. Auf der Suche nach einem solchen Gebiet stiess Fürst Johann Adam Andreas (1657-1712) auf die wegen Misswirtschaft verarmte Herrschaft Schellenberg. Der am Kaiserhof mit der Reorganisation der Verwaltung beschäftigte Fürst, der auch zum Präsidenten der neu errichteten Staatsbank in Wien ernannt worden war, kaufte das nur 35 Quadratkilometer grosse Gebiet 1699 aus der Konkursmasse der Hohenemser Grafen.

Die Hohenemser Grafen hatten einerseits mit wirtschaftlichen Problemen in der Herrschaft Schellenberg und der Grafschaft Vaduz zu kämpfen, andererseits verstärkten die Grafen durch ihre Staatsführung die Probleme. Zu den Wirtschaftsproblemen trugen Missernten in der Landwirtschaft und steigende Steuerabgaben an das Kaiserreich bei, während sich die persönlichen Probleme mit den Hexenverfolgungen zeigten, was zur Absetzung der Grafen durch den Kaiser führte, die durch kaiserliche Kommissare ersetzt wurden.

Der Kauf der Herrschaft Schellenberg 1699 war aber nicht einfach ein Handel zwischen den kaiserlichen Verwaltern und dem Fürsten Johann Adam Andreas (1657-1712). Vielmehr gab es noch andere Interessenten für den Erwerb des Gebietes, unter ihnen der Bischof von Chur und der Fürstabt von St. Gallen. Der reiche Fürst aus dem fernen Wien, der das Gebiet für seine Pläne für den Einzug in den Reichstag unbedingt erwerben wollte, bot mit 115000 Gulden die höchste Summe und erhielt den Zuschlag. In weiser Voraussicht liess er sich eine Option für den Erwerb der Grafschaft Vaduz verbriefen.

Er musste geahnt haben, dass es ein steiniger Weg in den begehrten Reichstag werden könnte: Tatsächlich erhoben sich im Reich sogleich Einwände, das Gebiet der Herrschaft Schellenberg sei zu klein, um die Aufnahme in den Reichsfürstenrat zu rechtfertigen. Die Grafschaft Vaduz konnte Fürst Johann Adam Andreas am 22. Februar 1712 erwerben, weil Graf Jakob Hannibal von Hohenems seine Schulden nicht bezahlen konnte. Durch die Vereinigung der beiden Gebiete Schellenberg und Vaduz hatte das neue Staatswesen nun eine akzeptable Grösse für eine Einsitznahme im Reichsfürstenrat.

Vor 300 Jahren zu einem Land vereinigt

Allerdings dauerte es noch ein paar Jahre, bis der Kaiser am 23. Januar 1719 jenes Dokument unterzeichnete, das die Fürsten während mehrerer Generationen herbeigesehnt hatten: Schellenberg und Vaduz, die zusammen nur etwa 3000 Einwohner aufwiesen, wurden unter dem Namen Fürstentum Liechtenstein zu einem Land vereinigt, zum 343. Staat des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Fürst Johann Adam Andreas, der die beiden Gebietsteile erworben hatte, konnte die Staatswerdung nicht mehr erleben, er verstarb wenige Tage nach dem Kauf der Grafschaft Vaduz. Erst sein Nachfolger, Fürst Anton Florian (1656-1721), durfte die Entscheidung des Kaisers in Empfang nehmen.

Die Herrschaft Schellenberg und die Grafschaft Vaduz hatten durch den Verkauf ihren Besitzer gewechselt. Das Volk, das wahrscheinlich heilfroh war, von den Grafen von Hohenems wegzukommen, hatte in dieser absolutistischen Zeit nichts mitzubestimmen. Allerdings blieben die Untertanen nicht ganz untätig, sondern beharrten auf den ihnen früher zugesicherten Rechten. So ist überliefert, dass 1699 beim Übergang der Herrschaft Schellenberg an das Fürstenhaus Liechtenstein die Huldigung des Volkes um einige Stunden verschoben werden musste: Die Untertanen waren erst bereit, den Eid auf das Herrscherhaus abzulegen, als die finanziellen Angelegenheiten in ihrem Sinne geregelt waren.

Volk pochte auf Rechte und Freiheiten

Was sich 1699 auf dem Kirchhügel in Bendern zutrug, hatte eine Fortsetzung 1712 bei der Übergabe der Grafschaft Vaduz: Das Volk berief sich auf althergebrachte Rechte und Freiheiten, deren Fortsetzung von den fürstlichen Vertretern zugesichert werden, bevor der Eid geleistet wurde.

Schon bevor Kaiser Karl VI. am 23. Januar 1719 das neu gebildete Fürstentum zum Reichsfürstentum erhob, fand bei Schloss Vaduz die Huldigungsfeier für den neuen Landesherren statt. Auch bei dieser Huldigung pochten die Untertanen auf Rechte, die ihnen unter den früheren Landesherren zugestanden worden waren. Der aus Wien angereiste Vertreter des Fürsten, Hofrat Stephan Christoph Harpprecht, führte in einer Ansprache aus, der Fürst wolle die althergebrachten Sitten, Gewohnheiten und Rechte schützen. Alt Landammann Basil Hoop, der zum Sprecher des Volkes ausgewählt worden war, forderte darüber hinaus einige Neuerungen bei den Abgaben und der Gerichtsbarkeit, was Harpprecht zur Bemerkung veranlasste, mit so vielen Bedenken habe er nicht gerechnet. Harpprecht sicherte aber zu, die Bedenken aufgrund der Akten genau zu studieren, womit der Weg für den Treue-Eid frei war.