Dank einer besonderen Rikscha können auch Rollstuhlfahrer Bewegung erleben

Mit seinem kürzlich eingeführten Programm fördert Pflege und Hospiz im Werdenberg die Lebensqualität seiner Bewohner. Mobilität und Beweglichkeit sollen dabei mit Spass erlebt werden.

Miriam Cadosch
Drucken
Teilen
Erich Rissi und Augustin Condrau geniessen die Ausfahrten mit der Rikscha. (Bild: Miriam Cadosch)

Erich Rissi und Augustin Condrau geniessen die Ausfahrten mit der Rikscha. (Bild: Miriam Cadosch)

Das Pflegeheim Werdenberg in Grabs hat sein Angebot erweitert. Unter dem Leitsatz «erlebe Bewegung» werden die kognitiven und körperlichen Fähigkeiten der Bewohner gefördert. Im und um die Institution herum wurde ein Bewegungs-Erlebnis-Parcours eingerichtet, der dreizehn verschiedene Posten beinhaltet.

Zudem wurde extra eine Rikscha beschafft, auf der ein Rollstuhl montiert werden kann. «Die Idee kam mir vor einigen Jahren am Slow-up. Ich sah eine Gruppe von Menschen mit Behinderung auf einer Rikscha und dachte, das wäre was für uns!», so der Geschäftsleiter Mathias Engler. Daraufhin wurde das passende Gefährt gesucht und in Holland gefunden.

Am Slow-up im vergangenen Mai hatte die Rikscha ihren ersten grossen Auftritt. Dort wurden freiwillige Fahrer gesucht, die in der Freizeit mit den Bewohnern Ausfahrten auf der Rikscha unternehmen. Damals haben sich acht Freiwillige gemeldet.

Verantwortung ist nicht jedermanns Sache

Erich Rissi ist einer der häufigsten Fahrer. Ungefähr zweimal in der Woche holt er die Rikscha und geht mit einem Bewohner auf Tour.

«Ich fahre viel Velo. Als ich am Slow-up auf die Idee aufmerksam wurde, dachte ich, ich kann meine Velotouren gleich mit dem Nützlichen verbinden.»

Anfangs ist es gar nicht so einfach, mit der Rikscha zu fahren. Rissi vermutet, dass deshalb auch einige der Freiwilligen wieder abgesprungen sind. «Es ist natürlich eine Verantwortung, die der Fahrer gegenüber dem Mitfahrer hat. Wer vorne drauf sitzt, ist machtlos und muss einem einfach vertrauen. Ich kann schon verstehen, dass das nicht jedermanns Sache ist.» Wenn der Dreh jedoch mal raus ist, ist das fahren mit der Rikscha nicht mehr schwierig. Angst hätten die Mitfahrer kaum, und wenn, dann fahre man einfach ein bisschen vorsichtiger. Zudem sei es ein grosses Erlebnis, mit den Bewohnern zusammen auf Tour zu gehen.

«Einmal kam eine Frau mit, die von früher erzählte und von ihrer grossen Liebe. Dann hat sie den ganzen Weg gesungen. Das war schon herzig.»

Die gewohnte Umgebung einen Moment verlassen

An einem Nachmittag bei schönstem Herbstwetter darf der W&O Erich Rissi auf einer Tour begleiten. Für die heutige Fahrt hat sich Bewohner Augustin Condrau angemeldet. Herr Condrau ist bereits ein geübter Mitfahrer. «Angst hatte ich noch nie. Die Lenker fahren sehr anständig, ich mache mir gar keine Gedanken darüber», sagt er.

Nachdem der Rollstuhl auf der Rikscha gesichert ist, kann es auch schon losgehen. Das Gefährt hat eine elektrische Unterstützung, so lässt sie sich trotz des Gewichtes beinahe wie ein gewöhnliches E-Bike fahren. Die Tour führt an diesem Tag vom Pflegeheim durch Grabs hinunter zum Werdenberger Binnenkanal. Dort geht es dem Kanal entlang in Richtung Kehrichtverbrennungsanlage. Augustin Condrau geniesst die Fahrt:

«Manchmal sieht man am Binnenkanal auch Baumstämme, die von Bibern angefressen sind. Das gefällt mir an den Fahrten. So kommt man ein bisschen aus der gewohnten Umgebung heraus.»

Die Leute, deren Weg wir kreuzen, grüssen auffällig oft mit einem Lächeln. Natürlich ist es nicht alltäglich, dass man ein Fahrrad mit Rollstuhl sieht. Die Ausfahrten scheinen gut anzukommen. Trotzdem gibt es auch unüberwindbare Hindernisse: Auf dem Rheindamm kommen wir nicht weiter, da die Rikscha zu breit ist, um an der Baustelle vorbeizukommen. «Macht nichts, dann fahren wir halt am Güterbahnhof vorbei», so Erich Rissi. Auf der Fahrt erzählt Augustin Condrau viel von seinem Leben, was er gemacht und erlebt hat. Manchmal ist es wegen des Fahrtwindes gar nicht so einfach, sich zu unterhalten.

Am Werdenbergersee legen wir eine Pause ein. Mit Nussgipfel im Gepäck sind wir dafür bestens ausgerüstet. Herr Condrau geniesst die Aussicht.

«Schau, die vielen Leute. Es ist schon herrlich, wenn man an so einem Tag einen Ausflug machen kann, nicht wahr?»

Nach der Stärkung geht es zurück in Richtung Grabs. Ungefähr zwei Stunden waren wir unterwegs. «Das waren sicher etwa 20 Kilometer», meint Erich Rissi. Vermutlich auch dank der elektrischen Unterstützung kam es uns jedoch gar nicht so weit vor.

Die Rikscha steht jedem zur Verfügung, auch den Angehörigen. Nach dem Nachmittag auf Tour ist es gut nachvollziehbar, warum die Ausfahrten darauf beliebt sind. Trotzdem wird noch immer nach freiwilligen Fahrern gesucht. Interessierte können sich direkt beim Pflege und Hospitz im Werdenberg melden.