Buchs
Pedro Lenz mit einer Hommage an die Gastarbeiter

Im Werdenberger Kleintheater Fabriggli stellte Pedro Lenz seinen Roman «Primitivo» dem Publikum vor. Es ist ein Buch mit vielen autobiografischen Bezügen.

Hanspeter Thurnherr
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Pedro Lenz unterhielt mit seiner Lesung das Publikum im Fabriggli bestens.

Pedro Lenz unterhielt mit seiner Lesung das Publikum im Fabriggli bestens.

Bild: Hanspeter Thurnherr

Pedro Lenz eröffnete und beendete den Abend fulminant mit Texten aus seinem Buch «Hert am Sound». Beides «Spoken Word»-Texte, in welchen Lenz mit den Wörtern und ihren vielfältigen Bedeutungen spielte, Wortketten bildete und Halbsätze aneinanderreihte. Dabei brachte er als scharfsinniger Beobachter des Alltäglichen auf überraschende Weise unterschiedliche Themen zueinander in Beziehung.

So erschloss er den 50 zugelassenen Zuhörenden neue Sichtweisen: oft hintergründig, manchmal humorvoll und doch auch tiefsinnig – wenn man denn seinem rasanten Sprechrhythmus im Oberaargauer Dialekt gedankenschnell zu folgen wusste.

13 Kapitel zeichnen 13 Tage nach

Im Zentrum des Abends stand aber der Roman «Primitivo», der in Langenthal spielt, wo Lenz aufgewachsen ist. In der Hauptfigur, dem 17-jährigen Charly, lässt der heute in Olten lebende Autor eigene Erfahrungen als ehemaliger Maurerlehrling einfliessen. Wie Lenz ist der Icherzähler Charly ein bücherverliebter Büezer mit einer spanischen Mutter. Das Buch liest sich auch als Hommage an die Gastarbeiter, verkörpert im 62-jährigen Primitivo.

Zwischen ihm und Charly entwickelte sich auf dem Bau eine freundschaftliche Beziehung. Doch dann stirbt Primitivo durch einen Unfall. Die 13 Kapitel des Romans zeichnen die 13 Tage nach, die zwischen dem Tod und der Beerdigung von Primitivo liegen. Da tauchen sie immer wieder auf, die Erinnerungen an und die Erlebnisse mit dem verstorbenen Freund – und all die Lebensweisheiten, an die sich Charly nun umso mehr erinnert.

Das Unbegreifbare zu verdauen versucht

Pedro Lenz liest an diesem Abend drei der 13 Kapitel aus diesem Arbeiterroman. Im Ersten tauchen die Zuhörer, dank der bildhaften Sprache des Autors, gleich in die Welt auf dem Bau ein. Sie erleben mit, wie Charly vom Tod seines Freundes erfährt – und das Unbegreifbare zu verdauen sucht. Am dritten Tag versucht Charly, den Verlust mit seinen Freunden auf einem Fest zu verdrängen und seine grosse «Liebe» Laurence zu erobern.

Als das Zweite scheitert, wird beides im Alkohol ertränkt. Schliesslich wird Charly in einem weiteren Kapitel mit der Frage konfrontiert, ob und allenfalls wie sein Freund eine würdige Beerdigung bekommen soll. Wollte er dies überhaupt? – sinniert Charly.

Roman, der zum Nachdenken anregt

Pedro Lenz ist mit «Primitivo» ein poetischer und philosophischer Roman gelungen, der gleichzeitig die reale Welt spiegelt – und uns zum Nachdenken anregt.

Der Autor gibt uns aus seiner Sicht Einblick, wie junge Menschen den Weg ins Leben suchen und was ihnen dabei hilfreich sein kann. Lenz sagte an diesem Abend auch: «Natürlich kann man in Charly mich sehen. Aber ich bin nicht mehr der Gleiche wie damals als Maurerlehrling.» Natürlich nicht! Umso mehr Pedro Lenz dürfte darum im lebenserfahrenen Gastarbeiter «Primitivo» stecken.