Buchs
«Führen 3G nicht zum Spass ein»: Die volle Ausnützung der Kapazität im Fabriggli sorgt vor Saisonbeginn für Freude und Unmut

Geimpft, getestet, genesen: Das Fabriggli-Team will Kulturgenuss ohne Maskenpflicht anbieten. Über ein Stück alter Freiheit innerhalb der Räumlichkeiten freuen sich die einen. Über Beschneidung der Freiheit ärgern sich die anderen.

Robert Kucera
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Maskenlos rein ins Vergnügen: Im Fabriggli Buchs gilt ab Saisonbeginn die 3G-Regel.

Maskenlos rein ins Vergnügen: Im Fabriggli Buchs gilt ab Saisonbeginn die 3G-Regel.

Bild: Urs Baerlocher

«Wir freuen uns wahnsinnig auf die neue Saison», kann es Claudia Novotny, Theaterleiterin des Fabriggli in Buchs, kaum erwarten, bis endlich September ist. «Wir haben ein sehr dichtes, tolles, grossartiges Programm», verspricht Fabriggli-Präsidentin Katharina Schertler. Jene Künstler, die 2020 gerne im Werdenberg aufgetreten wären, kommen nun dieses Jahr. Und nicht nur die – es gilt für alle, Versäumtes nachzuholen. «Es waren harte letzte 18 Monate für uns, aber auch für die Künstler», gibt Schertler zu verstehen.

Kein Wunder also, freuen sich sowohl Veranstalter von Kulturanlässen als auch die Künstler, dass Auftritte in einem grösseren Rahmen als zuletzt wieder machbar sind. Dabei geht es bei beiden Parteien auch ums Überleben. «Wir sind eine grosse Familie und einfach froh, dass es uns noch gibt», betont Novotny.

Der Kultur neues Leben einhauchen

Die Fabriggli-Saison beginnt am 3. September mit dem Auftritt von Stefan Waghubinger. «Poetisch und sehr tiefgründig nimmt er die Situation der Menschheit aufs Korn», umschreibt die Theaterleiterin. In die Tiefe gingen auch die letzten 18 Monate. «Unser Team hat Höchstleistungen erbracht», lobt Schertler und spricht dabei nicht nur den organisatorischen Bereich wie ständig wechselnde Coronamassnahmen an, sondern auch die emotionale Seite:

«Man musste Künstler am Telefon trösten, die am Verhungern sind. Das war eine grosse Last.»

Sie spricht von einer spürbaren Zermürbung und Müdigkeit. Umso wichtiger ist es, dass der Kultur nun neues Leben eingehaucht wird. Doch aller Anfang ist schwer, wie Schertler sagt: «Man kann Kultur nicht einfach an- oder ausknipsen.» Veranstalter, Künstler aber auch Publikum müssen erst mal warm laufen.

Ein entscheidender Schritt dazu ist die 3G-Regelung. Sind innerhalb des Fabrigglis nur noch geimpfte, getestete oder genesene Zuschauer zugegen, fallen die Masken und man darf die Abstandsregel ad acta legen. Die lichten Reihen füllen sich, der Motivationsschub für die auftretenden Künstler wird enorm sein und sie zu Höchstleistungen inspirieren.

Die neu gewonnene Freiheit im Fabriggli hat seinen Preis: Neben dem gekauften Ticket stellt das Covid-Zertifikat eine Art zusätzliche Eintrittskarte ins Kulturleben dar. «Wir müssen es nun aushalten, dass uns nicht alle toll finden», sagt Katharina Schertler und erklärt weiter:

«Wir führen 3G nicht zum Spass ein. Es war ein unglaublich langes Abwägen. Wir haben sogar eine Liste mit dem Dafür und dem Dawider geführt.»

Die Sehnsucht nach Normalität in den eigenen vier Wänden, zu Gunsten der Künstler, dem Publikum aber auch für sie selbst schwang letztlich obenaus.

Bevor der endgültige Entscheid für 3G getroffen wurde, hat das Fabriggli-Team das Dafür und Dawider genau geprüft.

Bevor der endgültige Entscheid für 3G getroffen wurde, hat das Fabriggli-Team das Dafür und Dawider genau geprüft.

Bild: Urs Baerlocher

Schockierende Vergleiche

Die Reaktionen zu dieser Massnahme blieben nicht aus. Mitglieder und Stammgäste des Fabriggli fühlen sich nun ausgeschlossen. «Sie werfen uns vor, dass wir für eine Zweiklassengesellschaft sorgen», schildert Schertler. Novotny merkt kopfschüttelnd an:

«Was mich persönlich schockiert hat, dass man unser Vorgehen mit der Apartheidpolitik in Südafrika oder den Nazis gleichsetzt. Hier werden wirklich schlimme historische Ereignisse mit unangenehmen Einschränkungen verglichen.»

Bedenklich findet Schertler, dass man keine Fragen nach dem Wieso stellt, sondern vorab nur Kritik äussert. Der Wille, einen Entscheid verstehen zu wollen, sei nicht vorhanden. «Mich erstaunt, dass Leute einem Sachen vorwerfen, ohne überhaupt in unsere Rolle hineinzusehen.» Immerhin: Es gab auch die anderen E-Mails. Wie die Fabriggli-Präsidentin sagt, habe es Reaktionen wie «Bravo» und «Danke» gegeben. Negative und positive Voten zu 3G halten sich demnach die Waage.

Verträge mit Künstlern können eingehalten werden

Für das Fabriggli hat die 3G-Regelung Hand und Fuss: Verträge mit Künstlern, welche vor der Coronapandemie abgeschlossen wurden, können eingehalten werden. Wie Claudia Novotny erklärt, werden vielfach Publikumskapazitäten zugesichert. Denn in den Gagen sind Beteiligungen am Zuschaueraufmarsch festgemacht. «Mit Abstand halten und Masken tragen können wir das nicht einhalten.»

Vertragsbrüche, die zu Absagen der Künstler führen würden, käme einem Dolchstoss für alle Beteiligten gleich. Denn auf der Strecke bliebe nicht nur das Fabriggli. Auch die Künstler, welche sich etwas mehr oder endlich wieder mal Gage erhoffen. Und schliesslich auch all jene, welche die zuletzt entstandene kulturelle Leere wieder füllen wollen.

Präsidentin Schertler ist überzeugt, dass das Fabriggli nicht die Gesellschaft teilt: «Kultur gemeinsam geniessen ist etwas unglaublich Verbindendes. Wir bieten etwas an, das Graben schliessen kann. Der Coronaskeptiker und der Impfbefürworter können sich gemeinsam über das Geschehene auf der Bühne austauschen und kommen sich auch sonst näher und reden wieder miteinander.»

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