Buchs: Der Reporter Hansruedi Rohrer wird heute Donnerstag 70 Jahre alt, ist aber noch lange nicht müde

Hansruedi Rohrer verkörpert die Lokalzeitung wie kein anderer. 1990 konnte H.R.R. seine Berufung zum Beruf machen, seither ist der Reporter ständig auf Achse und möchte derart aktiv mindestens 100 Jahre alt werden.

Heini Schwendener
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H.R.R. in seinem Reich, dem Archiv mit Hunderttausenden von Fotos und schriftlichen Dokumenten. (Bild: PD)

H.R.R. in seinem Reich, dem Archiv mit Hunderttausenden von Fotos und schriftlichen Dokumenten. (Bild: PD)

Am 1. Februar 1990 haben Hansruedi Rohrer und Thomas Schwizer ihre Stelle beim W&O angetreten. «Auf dem Tisch standen ein Blumenstrauss und der Duden», erzählt Rohrer und erinnert sich auch daran, dass sein neuer Kollege geraucht habe wie ein Bürstenbinder. Schwizer hat seine Sporen andernorts abverdient und kam dann als Chefredaktor zum W&O zurück. Das Kürzel H.R.R. seines einstigen Bürokollegen war zu jenem Zeitpunkt bereits zum Markenzeichen geworden, Rohrer ist eine Institution, ja der Inbegriff für den W&O. Kein Chefredaktor, schreibt er noch so brillant und kommentiert noch so pointiert, konnte und kann H.R.R. dies streitig machen.

Schlüsselerlebnis auf der Obertili

Mit dem Hauch eines verschmitzten Lächelns im Gesicht erinnert sich Rohrer an seine jungen Jahre: «Ich hatte fast autistische Züge, konnte nicht auf Leute zugehen, war nie an Festen und ich habe nicht geraucht und trank keinen Alkohol.» Erlernt hat er einen handwerklichen Beruf. Nach einem Schlüsselerlebnis im Jahr 1966 wusste er:

«Dieser Beruf erfüllt mich nicht, da werde ich nicht alt.»

Das Schlüsselerlebnis auf der Obertili seines Elternhauses, in dem er heute noch lebt, war die Entdeckung einer Kartonschachtel voller alter Briefe und Fotopostkarten. Die Liebe zu alten Bildern und Dokumenten war auf einen Schlag geweckt.

Ein einzigartiges und gut dotiertes Archiv

In den Jahrzehnten seither hat er sich ein unglaublich gut dotiertes Werdenberg-Archiv aufgebaut. Zu den alten Fotografien und schriftlichen Dokumenten kam er aber nur, indem er auf andere Leute zuging, mit ihnen kommunizierte und ihr Vertrauen gewann, damit sie ihm die Bilder zur Reproduktion anvertrauten. Aus dem «Autisten» wurde allmählich ein geselliger Zeitgenosse. Rohrer begann auch, selber zu fotografieren und damit selber Zeitdokumente für die Nachwelt zu schaffen.

So kennt man ihn überall: Der Buchser Hansruedi Rohrer, unterwegs mit der Fotokamera auf der Suche nach einem guten Bild und einer interessanten Geschichte. (Bild: Heini Schwendener)

So kennt man ihn überall: Der Buchser Hansruedi Rohrer, unterwegs mit der Fotokamera auf der Suche nach einem guten Bild und einer interessanten Geschichte. (Bild: Heini Schwendener)

So kam er mit dem W&O in Kontakt und wurde ab 1976 regelmässiger Korrespondent. Als er 1990 gar als Reporter angestellt wurde, ging ein geheimer Traum in Erfüllung. Nichts liebt H.R.R. inzwischen mehr als den Kontakt zu anderen Menschen.

«Wenn ich aus der Redaktion raus konnte, war dies für mich wie ein Ausflug. Eigentlich wie Ferien.»

Richtige Ferien hatte Rohrer seither nur noch auf dem Papier. Seine sich selbst auferlegten Arbeitszeiten spotteten jeder Arbeitszeitregelung, gefühlt war er an 365 Tagen und vielen Nächten immer für den W&O unterwegs – oder er arbeitete für sein Archiv. Nie wurde ihm etwas zu viel, nie hat ihn etwas gelangweilt. Im Gegenteil, H.R.R. war sich für keine «Hundsverlochete» zu schade und Routinejobs, die andere verschmähten, hat er mit Vorliebe erledigt.

Aus der Berufung wurde Rohrers Beruf

Schnell wurde klar, dass Rohrer die wohl lange in seinem Innern schlummernde Berufung zum Beruf hatte machen können. Darin lebte er auf. Mit dem W&O hat H.R.R. den Bund fürs Leben geschlossen. Angesichts dieses Engagements für «seine» Zeitung verwundert es, woher er die Zeit und die Energie für seine anderen Steckenpferde nahm, nämlich sein Archiv, seine Tätigkeit als Buchser Chronist seit 1996 und seine Leidenschaft für Filme. Die Antwort ist einfach: Rohrer war und ist ein nimmermüder Schaffer. Ferien? Müssiggang? Fehlanzeige, «das wäre ja ‹verplemperte› Zeit.» Rohrer scheint einer inneren Mission zu folgen. Sein Archiv ist eine Lebensaufgabe ohne Ende, als Chronist arbeitet er noch immer analog, und damit viel aufwendiger als nötig. «Aber so ist es museumsgerecht», betont er.

Hansruedi Rohrer ist seit 1996 auch der Buchser Stadtchronist. (Bild: PD)

Hansruedi Rohrer ist seit 1996 auch der Buchser Stadtchronist. (Bild: PD)

Mit dem 6. Juni 2014 wartete heute vor fünf Jahren das Pensionsalter auf H.R.R. Würde er, der mit seinem Arbeitsplatz verheiratet ist, danach in ein Loch fallen? Diese Sorge machte sich allenfalls sein Umfeld, nicht aber Hansruedi Rohrer. Er bringt seine damalige Gefühlslage auf den Punkt: «Der Arbeitgeber bot mir eine Pensionsberatung an. Was glaubten die? So etwas hatte ich doch nicht nötig. Ich habe ihnen gesagt, mir reicht die Anmeldung für die AHV.»

Am 70. Geburtstag noch voll im Schuss

70 Jahre alt wird H.R.R. heute Donnerstag. Ein Grund, sich etwas auszuruhen oder kürzer zu treten ist das noch lange nicht. Rohrer arbeitet noch immer für den W&O und hat mit der Chronik und dem Archiv «Arbeit ohne Ende» vor sich. Er rühmt die Vorteile der Pension, weil er sich jetzt nicht mehr ans Zeitkorsett der W&O-Redaktion halten und an langen Sitzungen teilnehmen muss, die ihm selten viel Freude bereitet haben. Ferien oder einen freien Tag gibt es weiterhin nicht im Leben des Reporters, Chronisten und Archivars. «Das wäre mir zu langweilig.» Weil aber heute der Zeitdruck einer Redaktion weggefallen sei, «stoore» er bei der Arbeit manchmal schon ein wenig herum.

Bekannter als der sprichwörtliche rote Hund ist H.R.R. im Werdenberg. Manchmal braucht er eine Stunde vom Rathaus bis zum Bahnhof, denn so viele Leute sprechen ihn unterwegs an. Im Jahr 2009 ist ein Buch über Hansruedi Rohrer und sein Archiv erschienen – eine tolle Wertschätzung für seine Arbeit. Und erst kürzlich war H.R.R. im Film «Home run» einer der Protagonisten. Seine Popularität hat dies weiter erhöht. Diesen W&O-Artikel zu seinem 70. Geburtstag wollte H.R.R. eigentlich nicht. Sonst brauche er künftig noch länger durch die Bahnhofstrasse, sagt Rohrer. Das hält ihn letztlich ja vom Arbeiten ab. Daher sagt er im Brustton der Überzeugung:

«Ich will mindestens 100 Jahre alt werden, ich habe noch so viel zu tun.»

Ob es bis dann seine Braut, den W&O, wohl noch gibt?