Buch Jona wird von vier Werdenbergern in hiesigen Dialekt übersetzt

Vier Personen mit Beziehungen und Wurzeln im Werdenberg - Elsbeth Maag, Irene Seifert, Marilene Hess und Daniel Hanselmann - beteiligen sich am Projekt Coronabibel.

Hanspeter Thurnherr
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Menschen sind eingeladen, während der Coronazeit ein Kapitel der Bibel von Hand abzuschreiben. Vier Werdenberger sind dieser Einladung gefolgt.

Menschen sind eingeladen, während der Coronazeit ein Kapitel der Bibel von Hand abzuschreiben. Vier Werdenberger sind dieser Einladung gefolgt. 

Sandra Ardizzone / BAD

Der evangelische Pfarrer Uwe Habenicht und der katholische Seelsorger Roman Rieger, beide aus St. Gallen, laden in diesen Coronazeiten die Menschen in der Stadt und Region ein, jeweils ein Kapitel der Bibel von Hand abzuschreiben. Dazu bräuchten sie 1189 Menschen, welche sich davon angesprochen fühlen.Uwe Habenicht: 

«Schreiben bedeutet, den Horizont zu öffnen und sich eine Auszeit zu nehmen von den Sorgen.»

Wer mag, kann sich als Einzelperson oder auch als Familie, Gruppe, Verein, Gemeinde einbringen, auch mit Illustrationen oder Kommentaren. Genaue Informationen finden Interessierte auf www.kathsg.ch/coronabibel. Als Abschluss des Projektes soll ein Fest in der Kathedrale St. Gallen sein, bei dem die Coronabibel der Stiftsbibliothek als Zeitzeugnis überreicht wird. Der Termin ist zurzeit natürlich noch nicht bekannt und wird letztlich vom Virus abhängen. 

Bibel-Kapitel in Werdenberger und Wartauer Dialekt

Hier kann man auch «sein» Bibel-Kapitel reservieren. Vier Persönlichkeiten mit Beziehung und Wurzeln im Werdenberg haben bereits entschieden, sich am Projekt auf eigene Weise zu beteiligen. Die Vier werden das Buch Jona nicht nur abschreiben, sondern es auch in den eigenen Werdenberger oder Wartauer Dialekt übersetzen.

Elsbeth Maag

Elsbeth Maag

Bild: Urs Bucher

Die Buchser Lyrikerin und Dichterin Elsbeth Maag schreibt zwar zumeist in Hochdeutsch. «Es gibt aber immer wieder Möglichkeiten, den Buchser Dialekt auch ausserhalb der Lyrik anzuwenden. Zu viert das Buch Jona in unseren Dialekt zu übersetzen ist eine schöne Gelegenheit, unsere Mundart in dieses einmalige Zeitzeugnis einzubringen.» Zusätzlich werde sie das erste Kapitel des Lukasevangeliums abschreiben. «Ich finde die Idee Coronabibel grossartig und spannend», ergänzt sie.

«Dialekt bedeutet für mich Bodenständigkeit»

Irene Seifert

Irene Seifert

Bild: PD

Die 83-jährige Wartauerin Irene Seifert wurde von Elsbeth Maag ermuntert, beim Projekt mitzumachen: «Beim Schreiben der Coronabibel bin ich gerne dabei. Dass ich mein Kapitel in meinem Dialekt schreiben darf, freut mich besonders. Dialekt bedeutet für mich Heimat und Bodenständigkeit.» Als ehemalige Mesmerin der Kirche Gretschins sind ihr die biblischen Geschichten vertraut. Auch durfte sie den Kindern in der Schule mehrere Jahre Religionsunterricht erteilen.

Marilene Hess

Marilene Hess

Bild: PD

Die aus Grabs stammende Theologin Marilene Hess dürfte dem einen oder der anderen ein Begriff sein, weil sie 2018 und 2019 mit dem musikalisch-sprachspielerischen Kabarett «Röbi & die Reformanzen» und dem Programm «Lückenbüsserinnen, Lästermäuler und Lockvögel» unterwegs war. Für sie ist das Spiel mit der oft altertümlichen Sprache der Bibel und unseren Bildern und Vorstellungen sehr anregend.

«Beim Übersetzen in unsere Mundart merke ich, dass viele Sachverhalte und Ausdrücke aus einer ganz anderen Zeit und Kultur stammen und dass daher die wörtliche Übersetzung nicht unbedingt die Treffendste ist. So muss sich wohl Luther vor 500 Jahren gefühlt haben, als er die Bibel in damals noch nicht wirklich existierende Deutsche übertragen und dabei nicht nur die deutsche Sprache, sondern auch viele markige Sprachbilder und Redensarten erschaffen hat», erzählt die heute in St.Gallen-Tablat wirkende Leib- & Seelsorgerin.

«Biblische Texte kommen näher in eigener Sprache»

Daniel Hanselmann

Daniel Hanselmann

Bild: PD

Daniel Hanselmann, aus dem Werdenberg stammender Theologe und Autor, ist Pfarrer in den Dörfern Sagogn, Laax und Falera. Für ihn ist Muttersprache Heimat.

«Biblische Texte kommen einem in der eigenen Sprache viel näher. Bei der Übersetzungsarbeit ist es wichtig, jedem einzelnen Wort in seiner Ursprache auf den Grund zu gehen.»

Die Herausforderung bestehe darin, den Sinn in die eigene Muttersprache zu übertragen. «Seit ich Pfarrer in Sagogn bin, lerne ich Rätoromanisch. Ich merke, wie die Werdenberger tatsächlich ‹allemanisierte Romanen› sind. Wir haben über die Jahrhunderte Laute und Wörter aus unserer ‹Ursprache› erhalten und brauchen sie noch immer in der Alltagssprache. So nehme ich den Einkauf in einem ‹Scharnuz› mit nach Hause. Auf dem Heimweg ‹dischgeriere› ich mit den Nachbarn. Selbstverständlich habe ich immer ein ‹Fazanetli› in der Hosentasche.»

Der Reformator Martin Luther habe den «Leuten aufs Maul» geschaut, als er die Bibel übersetzte. Eine wortwörtliche Übersetzung könne den eigentlichen Sinn oft nicht wiedergeben – es gehe um die Übertragung des ursprünglichen Wortsinnes. «Darum freue ich mich sehr, einen Bibeltext ins Werdenbergische zu übersetzen», so Daniel Hanselmann.