«Balsam für die Seele»: Weshalb Flachländer in der Coronakrise ins obere Toggenburg flüchten

Wer kann, flüchtet aus dicht besiedelten Gebieten und hält sich im ländlichen Raum auf. Etwa im Obertoggenburg.

Adi Lippuner
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Kurze Rast mit Blick von der Wildhauser Letzi Richtung Grabserberg und Rheintal.

Kurze Rast mit Blick von der Wildhauser Letzi Richtung Grabserberg und Rheintal.

Bilder: Adi Lippuner

Ob Besitzer von Zweitwohnungen oder Tagesgäste: Spaziergänger sind im obersten Toggenburg dieser Tage immer wieder anzutreffen. Die meisten bewegen sich allein oder zu zweit, oft auch in Begleitung ihres vierbeinigen Freundes.

Zweitwohnung ist ein Stück Daheim

Leise oder teilweise auch lautere Kritik von Einheimischen, dass die Leute doch eigentlich zu Hause bleiben sollten, wird von offizieller Seite zurückgewiesen.

Rolf Züllig, Gemeindepräsident.

Rolf Züllig, Gemeindepräsident.

Bild: Keystone

Der Gemeindepräsident von Wildhaus-Alt St.Johann, Rolf Züllig, sagt:

«Jede Zweitwohnung ist auch ein Stück Daheim. Und der Aufenthalt in diesem Domizil kann auch in der aktuellen Situation niemandem verwehrt werden.»

In der Gemeinde Wildhaus-Alt St.Johann liegt der Anteil an Zweitwohnungen bei knapp 63 Prozent und ist somit ein wichtiger Wirtschaftszweig.

Zahlreiche Umbuchungen und Stornierungen

Oliver Schmid von «Berg & Bett», der Vermietungsorganisation von Ferienwohnungen im obersten Toggenburg, bestätigt, dass in jüngster Zeit einige Gäste im Seniorenalter Wohnungen gemietet haben. «Meist sind es zwei oder drei Personen, die auch sonst in einem gemeinsamen Haushalt leben und hier die intakte Natur und den Freiraum geniessen wollen.»

An der oberen Munzenrietstrasse sind einige der Ferienhäuser bewohnt, bei anderen sind die Fensterläden zu.

An der oberen Munzenrietstrasse sind einige der Ferienhäuser bewohnt, bei anderen sind die Fensterläden zu.

Demgegenüber habe es zahlreiche Umbuchungen und auch Stornierungen gegeben, «wobei für alle Gäste eine möglichst gute Lösung gesucht wurde».

Die Buchungen bis an Ostern waren gut gebucht

Von den 29 Wohnungen, die über «Berg & Bett» angeboten werden, seien für Ostern 70 bis 80 Prozent gebucht gewesen, so Geschäftsführer Oliver Schmid. «Wegen der geschlossenen Grenzen können Gäste aus dem Ausland nicht anreisen und auch Familien, bei denen mehrere Generationen zusammen die Ostertage verbringen wollten, verzichten.»

Wer jetzt anreise, halte sich an die Regeln und Vorgaben. Man kommuniziere dies auch gegenüber den Gästen.

«Spazieren gehen, wandern, sich in der freien Natur sportlich betätigen, das ist nach wie vor erlaubt. Und diese Abwechslung gönnen wir unseren Gästen.»

Die Vorgaben des Bundes werden eingehalten

Ganz vereinzelt gebe es aktuell Buchungen für den Sommer und den Herbst. Bewusst Werbung für die «heile Welt im obersten Toggenburg» werde aber nicht gemacht.

Man gehe auf die Wünsche der Gäste ein und halte sich an die Vorgaben des Bundesamtes für Gesundheit (BAG). Dies bedeute auch, dass die einzelnen Objekte nicht an grössere Gruppen vermietet werden, betont Oliver Schmid.

Balsam für die Seele

Beim Rundgang im Munzenriet, einem Flachmoor von nationaler Bedeutung, sind Spaziergänger anzutreffen. Das ist einmal ein Ehepaar aus dem Kanton Zürich. «Wir geniessen ein paar Tage im Haus unserer Freunde, die im Gesundheitswesen arbeiten und deshalb in der Stadt bleiben müssen. Die Weite und die herrliche Natur sind in dieser nicht einfachen Zeit Balsam für die Seele», sind sich die Beiden einig.

Ein Stück weiter spazieren zwei Frauen mit ihren vierbeinigen Begleitern. «Hier dürfen wir unsere Hunde noch frei laufen lassen, rufen sie aber immer zu uns, wenn sich andere Menschen nähern», so die Aussage. Sie seien als Tagesgäste hier, «in unserem Dorf sind die Leute aktuell sehr angespannt.» Auch wenn die beiden nicht genau verraten wollen, woher sie kommen, ist der Dialekt ganz eindeutig dem Fürstentum Liechtenstein zuzuordnen.

Nicht auf alle Fragen gibt es eine Antwort

Regelmässig unterwegs ist auch ein Paar im Seniorenalter. Sie fahren jeweils kurz vor Mittag mit ihrem Auto mit Tessiner Kennzeichen auf dem grossen Parkplatz der Bergbahnen. Beide verhüllen ihr Gesicht mit einem Schal und ziehen die Kapuze des Anoraks über den Kopf. Begegnen sie anderen Menschen, wird ein weiter Bogen gemacht und auf Fragen gibt es keine Antwort.

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