Kommentar

Auf ein gutes neues Jahr 2020: ein Jahrzehnt des Miteinander

Eine Stärke der Dorfgemeinschaften in früherer, materiell schwieriger Zeit war der Zusammenhalt. Auf diesen Aspekt müssen wir bauen, damit im neuen Jahr niemand auf der Strecke bleibt, schreibt Thomas Schwizer, Chefredaktor des «Werdenberger & Obertoggenburger», in seinem Leitartikel zum neuen Jahr.

Thomas Schwizer
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Thomas Schwizer.

Thomas Schwizer.

Bild: Urs Bucher

Wenn ältere Leute von früheren Zeiten erzählen, dann höre ich gerne zu. Da sind beispielsweise die Erlebnisse des über 90-Jährigen und seiner 87-jährigen Ehefrau, die in ihrer Kindheit und Jugend die Jahre vor und während des Zweiten Weltkriegs erlebt haben. Auch wenn sie die schlimmsten Schreckenstaten nicht am eigenen Leib erfahren haben: Verzicht war damals in ihren Familien an der Tagesordnung, Essensrationierungen mit Lebensmittelkarten waren Alltag. Familienzulagen und eine Pensionskasse gab es damals noch nicht. Wenn das Paar über die damalige entbehrungsreiche Zeit und die wirtschaftlich schwierigen Nachkriegsjahre berichtet, wird mir bewusst, wie gut es uns heute geht.

Materieller Wohlstand bedeutet nicht Zufriedenheit 

Materiell können wir vergleichsweise aus dem Vollen schöpfen.

Sind wir deshalb zufriedener als die Generationen vor uns? Wenn man sich umhört und ehrlich zu sich selbst ist, fällt die Antwort wohl zwiespältig aus.

Um das tägliche Essen und ein Dach über dem Kopf müssen wir uns zwar kaum Sorgen machen. Die Arbeitslosigkeit in unserem Land ist dank der starken Wirtschaftskraft vergleichsweise tief. Für das dichte Angebot und die Leistungen des öffentlichen Verkehr werden wir von Menschen aus anderen Regionen Europas und der Welt beneidet. Die Gesundheitsversorgung ist von hoher Qualität. Wer krank oder gebrechlich ist und Unterstützung braucht, kann auf Institutionen zählen, welche ihm Hilfe bieten. Für Menschen, denen es weniger gut geht, verfügen wir in unserem Land über ein dichtes soziales Auffangnetz.

Doch auch in der Schweiz und in unserem Kanton müssen wir im neuen Jahrzehnt Lösungen finden für Themen, welche für unsere Zukunft sehr wichtig sind. Die Sicherung der Altersvorsorge, die weiter steigenden Gesundheitskosten und die Klima- sorge gehören dazu.

Viele soziale Treffpunkte fehlen heute

Wir leben in einer Zeit der Veränderungen, und zwar in einem Tempo und in einem Ausmass, das wohl noch nie so gross war wie heute. Es liegt in der Natur des Menschen, dass dies Verunsicherung hervorruft. Die Digitalisierung und die Social-Media-Welt bieten viele neue Chancen, aber auch enorme Herausforderungen für unsere immer individualisiertere Gesellschaft, in der das Ich gegenüber dem Wir immer mehr Gewicht hat.

Viele «Dorfbeizen», die eine wichtige soziale Funktion haben, machen dicht. An der Kasse im Laden, am Bank- oder Postschalter – sofern es sie im Dorf noch gibt – herrscht Zeitdruck. Im Gesundheitswesen wird gemäss Tarmed abgerechnet, und auch hier gilt deshalb zunehmend: Zeit ist Geld.

Für soziale Gespräche bleibt oft kaum noch Zeit. Das fördert die Vereinsamung.

Manche Menschen, vor allem ältere, laufen Gefahr, angesichts der rasanten technologischen Veränderungen abgehängt zu werden. Manche von ihnen können keinen Computer bedienen, sie erledigen Einzahlungen noch mit dem «gelben Büchlein» statt mit Online-Banking. Erschwerend kommt hinzu, dass es im Zeitalter der beruflichen Mobilität nicht mehr selbstverständlich ist, dass die Kinder, Enkel oder Urenkel gleich nebenan wohnen und bei (technischen) Herausforderungen schnell zur Unterstützung gerufen werden können.

Gemeinschaftssinn aus früherer Zeit wieder leben

Deshalb wünsche ich mir für das neue Jahrzehnt, dass wir uns mehr Zeit nehmen für jene, die auf der Strecke zu bleiben drohen. Zeit für ein kurzes Gespräch, Zeit, um sie beim Billettkauf am SBB-Automaten zu unterstützen. Das sind gesellschaftliche Werte, die heute, wo Veränderung scheinbar die einzige Konstante ist, zunehmend wichtig sind. Die Zeit wird kommen, in der wir selbst dankbar sind, wenn sich andere um uns kümmern.

Ich wünsche mir und unserer Gemeinschaft, dass der 1. Januar 2020 der Start in ein Jahrzehnt des Miteinander wird. In ein Jahrzehnt, in dem wir das Positive der heutigen Zeit mit dem Gemeinschaftssinn und Zusammenhalt aus früherer Zeit verbinden.