«Kritik lege ich nicht auf die Goldwaage»: Bergbeizer über Lust und Frust bei ihrer Arbeit

Das Wirtepaar am Aescher gibt auf. Es wurde ihnen zu viel: zu viele Touristen, zu wenig Platz, zu wenig Geld für Renovationen. Idealismus und Hüttenromantik - oder sind Berggastwirte nahe am Burnout? Wie geht es Berggastronomen in der Region Werdenberg und Obertoggenburg?

Ursula Wegstein
Drucken
Teilen
Das Wandern erfreut sich wieder grösster Beliebtheit - das merken auch die Berggasthäuser. (Bild: Jeannine Nigg)

Das Wandern erfreut sich wieder grösster Beliebtheit - das merken auch die Berggasthäuser. (Bild: Jeannine Nigg)

Wandern liegt wieder im Trend. Sich in der Natur bewegen und sich an ihr erfreuen, Abstand vom Alltag finden, ist auch in der Region Werdenberg und Obertoggenburg beliebt.

Dass die Familie Knechtle das beliebte Berggasthaus Aescher zum Ende der Saison 2018 aufgibt, löste Diskussionen aus.

Die Infrastruktur am Aescher könne nicht mehr mit der steigenden Gästezahl mithalten, so die Begründung der Knechtles. Bereits bei Sonnenaufgang surrten schon die ersten Drohnen vorbei. Erste Touristen stünden auch schon am Weg. «Für unser Herzblut war nicht mehr genug Platz», sagte Nicole Knechtle gegenüber dem «St. Galler Tagblatt». Es gebe kein fliessendes Wasser. Auch die Stromversorgung sei begrenzt. Die Kunde, dass der Aescher der vielleicht schönste Ort der Welt sei, verbreitete sich in Windeseile, seit das Magazin «National Geografic» das Gasthaus 2015 in einem Buch über die 225 spektakulärsten Ort der Welt auf die Titelseite gesetzt hat und der amerikanische Schauspieler Ashton Kutcher dies auf seiner Facebookseite geteilt hat. Sie hätten voller Enthusiasmus begonnen, die Entwicklung hin zum Massentourismus am Berg habe den Knechtles aber die Freude genommen.

Der «W&O» hat in der Region nachgefragt, ob Berggastwirte hier mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben. Und wie sie diesen Sommer erlebt haben, der mit seinen heissen Temperaturen auf der Suche nach Abkühlung viele in die Berge gelockt hat.

Die Betreiber des Bergrestaurants Strahlrüfi waren in diesem Sommer fast am Anschlag. (Bild: Heini Schwendener)

Die Betreiber des Bergrestaurants Strahlrüfi waren in diesem Sommer fast am Anschlag. (Bild: Heini Schwendener)

Marlies Hardegger vom Bergrestaurant Strahlrüfi:

«Uns macht die Arbeit im Bergrestaurant Stralrüfi viel Freude. Dieser Sommer war allerdings schon speziell. Wir hatten strenge Zeiten. Wegen des schönen Wetters kamen sehr viele Leute. Ein bisschen waren wir schon auch am Anschlag und sind an unsere Grenzen gekommen. Im Grunde sind wir hier zu dritt. Plus Aushilfen. Am Wochenende hilft die Familie mit. Ohne das wäre es nicht möglich.»

«In der Mittagszeit von 11 Uhr bis um 16 Uhr ist es hier rampenvoll.»

«Es gibt sehr viele Bestellungen. Zu uns kommen viele Gruppen und Vereine. Wir bieten nur eine kleine Karte an. Es gibt ein Tagesmenü. Wir machen jedoch alles von Hand. Was Strom und Wasser betrifft, sind wir hier auch eingeschränkt. Wir haben eine kleine Solaranlage und eine Wasserturbine. Wegen der Trockenheit mussten wir die Turbine abstellen. Und hatten daher weniger Strom. Eine Spülmaschine haben wir nicht. Zwei Personen sind hier ganztags mit Abspülen beschäftigt. Kritik lege ich nicht auf die Goldwaage. Natürlich gibt es hier Kommentare wie ‹Warum gibt es bei euch keine Pommes? Hat es auch frisches Obst? Oder nur Fruchtsalat in Dosen?›. Jedem kann man es sowieso nicht recht machen. Ich habe Freude an den Leuten. Und an der Natur. Wir brauchen das.»

Katrin Bicker von der Gipfelhütte Alvier:

«Diesen Sommer hatten wir auf der Gipfelhütte Alvier eine ganze Reihe sehr strenger Tage. Das lag an der langen Schönwetterphase. Sonst gibt uns das Wetter auch einmal eine Pause. Die Bergidylle geniessen können wir auch nicht jeden Tag. So wie beim Aescher geht es aber nicht zu. Wir haben Glück, dass wir nicht bis zum Gipfel mit dem Bähnli erreichbar sind. Der Weg zu uns ist teilweise steil und ausgesetzt. Deshalb ist der Andrang weniger extrem. Was mich am Morgen motiviert? Die Begegnung mit den Gästen und die gemeinsame Freude an der Aussicht und der Natur. Der Sommer 2018 ist meine dritte Saison. Nach den vier Monaten auf der Alp freuen wir uns alle wieder auf das, was danach kommt. Und wir sind stolz darauf, was wir hier oben gemeinsam geschafft haben.»

«Für Freizeit und Privatleben bleibt wenig Raum. Wir sind eine spartanische Hütte.»

«Ich selbst habe für mich nur ein kleines Zimmer. WC und Wasserhahn teile ich mit den Gästen. Eine richtige Dusche haben wir hier nicht. Wir duschen uns indisch, das heisst kurz und mit nur wenig Wasser. Für den Gastbetrieb sammeln wir das Regenwasser vom Dach in einer Zisterne. Wir haben ein Bio-WC. Den Abwasch machen wir per Hand. Auf unserem Holzherd bereiten wir eine Tagessuppe zu. Sonst gibt es kalte Küche.»

Die Gamsalp ist mit der Sesselbahn erreichbar. (Bild: PD)

Die Gamsalp ist mit der Sesselbahn erreichbar. (Bild: PD)

Oliver Drude, Gamsalp und Oberdorf:

«Diesen Sommer hatten wir auf der Gamsalp schon mehr Arbeit als in anderen Sommern. Man merkt das den Mitarbeitern auch an. Sie hatten weniger Ruhephasen und weniger Gelegenheiten, einmal durchzuschnaufen. Sie sind mehr gefordert. Vielleicht manchmal auch dünnhäutiger.»

«Seit Ende Mai haben wir hier wenig Spielraum. Manche weniger dringende Arbeiten, bleiben dann auch einmal unerledigt.»

«Für den Umsatz war der Sommer jedenfalls gut. Unsere Kapazität, die für das Wintergeschäft ausgelegt ist, könnte auch noch mehr Gäste vertragen. Was die Wasserversorgung betrifft, so sind wir mit unserer Quelle auf der Gamsalp gut versorgt. Spülmaschinen haben wir auch. Natürlich bleibt persönlich vieles auf der Strecke. Freizeit habe ich aktuell wenig. Wenn das Haus gut gefüllt ist, bleibt auch weniger Zeit für ein nettes Gespräch.»

«Der Blick am Morgen über das Rheintal, wenn die Sonne aufgeht, gefällt mir schon sehr. Von 6.30 Uhr bis 7.30 Uhr mache ich Büroarbeit. Danach beginnt das Tagesgeschäft, das heisst Frühstück machen. Dann kommen auch schon die ersten Wanderer für einen Kaffee oder Gipfeli. Manche Tage gehen durchaus auch bis Mitternacht. Ich bleibe solange wie der letzte Gast, denn ich bin gerne mit Menschen zusammen.»