Angehörige von Menschen mit Demenz brauchen Entlastung

Von einer kleinen Tagesstätte hat sich das Zentrum Wiitsicht zu einem KMU mit 50 Mitarbeitenden entwickelt. Margrit Raimann-Kühne und ihr Team haben in zehn Jahren vieles bewirkt rund ums Thema Demenz.

Corinne Hanselmann
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15 Plätze für Menschen mit Demenz bietet die Pflegewohngruppe in Trübbach. (Bilder: PD)

15 Plätze für Menschen mit Demenz bietet die Pflegewohngruppe in Trübbach. (Bilder: PD)

Eine ältere Frau blättert in der «Landliebe». Eine andere strickt am Küchentisch. Es riecht köstlich nach Zmittag. Im lichtdurchfluteten Wintergarten des Hauses Wartburg in Trübbach döst ein Mann friedlich in einem Sessel. Auf den ersten Blick deutet nichts darauf hin, dass all diese Menschen krank sind.

Bei einem zweiten Blick fallen die Desinfektionsmittel-Spender bei den Eingängen auf. Zudem stehen da und dort Rollstühle und Pflegebetten. 15 Plätze für Menschen mit Demenz bietet diese Pflegewohngruppe des Zentrums Wiitsicht. Einer davon ist ein Ferienplatz, der immer früh ausgebucht ist, wie Margrit Raimann, Gründerin und Leiterin des Zentrums Wiitsicht, sagt.

Ebenfalls zum Unternehmen gehört die Tagesstätte in Grabs. Rund 20 verschiedene Menschen mit Demenz verbringen dort jede Woche einen oder mehrere Tage – auch, um die Angehörigen zu entlasten.

«Die Arbeit der Pflegenden ist sehr anspruchsvoll»

Betreut werden sie und die Bewohner in Trübbach von 48 Frauen, welche die Arbeit von 22 Vollzeitstellen unter sich aufteilen. «Wir begrüssen Teilzeitarbeit. So sind die Frauen hoch motiviert, weil sie Familie und Arbeit unter einen Hut bringen und zum Beispiel zwei Tage pro Woche arbeiten gehen können», so Margrit Raimann. «Wir begrüssen es auch deshalb, weil die Arbeit mit an Demenz erkrankten Menschen sehr anspruchsvoll ist. Man benötigt genügend Zeit, um abzuschalten und etwas anderes zu machen. Das ist uns sehr wichtig.»

Angesprochen auf das immer wieder präsente Thema Mangel an Pflegepersonal sagt Margrit Raimann:

«Gute Leute zu finden, welche auch unsere ‹Melodie› verstehen, ist sicher nicht einfach.»

Doch häufig kommt sie dank Mundpropaganda ihrer Angestellten an neue Mitarbeiterinnen. «Ich denke, wir sind im Pflegebereich ein attraktiver Arbeitgeber. Aber es muss einem gegeben sein, mit Menschen mit Demenz zu arbeiten. Man muss Nähe ertragen, körperlich aber auch emotional. Den schweren Abbau von Fähigkeiten, der mit dieser Krankheit einhergeht, muss man ertragen können.» Einige Mitarbeiterinnen arbeiten abwechslungsweise in beiden Häusern des Zentrums Wiitsicht – also in Grabs und in Trübbach – und sie schätzen diese Abwechslung. In Trübbach steht mehr die Pflege im Vordergrund, in Grabs sind es eher die Betreuung und Gespräche.

Rund 20 verschiedene Menschen mit Demenz verbringen in der Tagesstätte in Grabs einen oder mehrere Tage pro Woche.

Rund 20 verschiedene Menschen mit Demenz verbringen in der Tagesstätte in Grabs einen oder mehrere Tage pro Woche.

Stiftungsrat gibt Freiheiten

Häufig erhält die Chefin Rückmeldungen von Mitarbeiterinnen, die vorher in grossen Heimen gearbeitet haben. «Zeit ist ein wichtiger Faktor. Bei uns hat man mehr Zeit für die Menschen. Auch dank dem Luxus, dass wir privat organisiert sind. Dadurch haben wir zwar keine Unterstützung von öffentlicher Hand. Aber der Stiftungsrat steht hinter uns und gibt uns Freiheiten. Wenn wir zum Beispiel eine Investition machen möchten, etwa für Spezialrollstühle, dann haben wir sehr schnelle Wege und müssen nicht über drei Instanzen gehen, bis entschieden wird.»

Das Zentrum Wiitsicht ist auch ein Ausbildungsbetrieb. Je eine Lernende wird in den Berufen Fachfrau Betreuung und Fachfrau Gesundheit ausgebildet.

Werkstatt zum Basteln, Malen, Musikhören

Magrit Raimann führt hinaus in den Hinterhof der Wartburg. Dort plätschert ein Brunnen. Noch ist es etwas zu kühl, um draussen zu sitzen. Doch im über 200 Jahre alten ehemaligen Waschhaus ist kürzlich die «Werkstatt» fertig geworden, wie sie freudig erzählt. Dank Unterstützung von Gönnern und Stiftungen konnte der Raum ausgebaut werden. In der Mitte des hübschen Raums steht eine alte Werkbank. Zudem gibt es verschiedenes, altes Werkzeug. Die Werkstatt wird gerne genutzt, um zu malen, zu basteln oder Musik zu hören.

Die Werkstatt wird gerne genutzt, um zu basteln. (Bild: Corinne Hanselmann)

Die Werkstatt wird gerne genutzt, um zu basteln. (Bild: Corinne Hanselmann)

Viel bewirkt – aber noch nicht genug

Seit zehn Jahren setzt sich Margrit Raimann für die Bedürfnisse von Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen ein und leistete viel Aufklärungsarbeit. Das Zentrum Wiitsicht hat sich zu einem Vorzeigeobjekt entwickelt. Nach wie vor gibt es nichts Vergleichbares in der Region. Vieles konnte sie in dieser Zeit bewirken. «Ich denke, wir haben einen grossen Beitrag dazu geleistet, dass die Menschen sensibilisiert worden sind», so Margrit Raimann. Das Bewusstsein für die Bedürfnisse von Menschen mit Demenz sei gewachsen. Das ist ihr wichtig, denn nur ein kleiner Teil der Kranken kommt ins Zentrum Wiitsicht. «Wir arbeiten sehr gut mit Spitälern und Ärzten zusammen und können helfen bei der Weitervermittlung an geeignete Plätze in anderen Heimen.»

«Nicht verändert hat sich in den zehn Jahren die grosse Not, die Angehörige immer noch haben.»

Demenz sei einfach eine spezielle Krankheit, die nach aussen lange nicht sichtbar ist. «Darunter leiden Angehörige immens», weiss die Fachfrau. «Oft haben Aussenstehende das Gefühl, die Angehörigen übertreiben, denn dem Kranken fehlt auf den ersten Blick nichts. Dass die erkrankte Person aber vielleicht den ganzen Tag unruhig im Haus auf und ab geht und im Abstand von fünf Minuten immer und immer wieder dasselbe fragt oder erzählt, das bekommen Aussenstehende nicht mit. Ein Schwerpunkt ist deshalb immer noch, dass wir Angehörigen ein Gehör und Verständnis schenken und dass sie jederzeit telefonisch eine Ansprechperson haben.» Der Beginn der Krankheit sei häufig am schlimmsten. Wenn die erkrankte Person selber merkt, dass etwas nicht mehr stimmt und dadurch total unter Stress steht oder gar aggressiv wird.

«Wir sind keine Luxusresidenz»

Das Zentrum Wiitsicht ist krankenkassenanerkannt und auf der kantonalen Pflegeheimliste. Das bedeutet, dass ein Teil der Pflegekosten von der öffentlichen Hand und ein Teil von der Krankenkasse übernommen wird, genau gleich wie in einem öffentlichen Pflegeheim. Bei einem Anspruch auf Ergänzungsleistungen werden die ungedeckten Kosten übernommen. «Der Zugang ist für jedermann möglich – wir sind keine Luxusresidenz», betont Margrit Raimann.

Die hohen Ansprüche an die Betreuung von Menschen mit Demenz fordern überdurchschnittlich viel Personal. Die Kosten dafür und die Betriebskosten der Pflegewohngruppe können knapp gedeckt werden. Doch für Investitionen bleibt kein Geld übrig, hierfür ist die Stiftung Marai auf Unterstützung durch andere Stiftungen und durch Spenden angewiesen.

Tagesstätten sind nicht rentabel

Bei der Tagesstätte ist der Betreuungsaufwand noch intensiver. «Hierhin kommen ja Menschen mit Demenz oft gerade deshalb, weil sie sehr umtriebig sind und eine 1:1-Betreuung brauchen», erklärt Margrit Raimann. Zudem brauche man einen Fahrdienst, um die Gäste abzuholen und nach Hause zu bringen, denn die Entlastung der Angehörigen sei auch wichtig. Die Personalkosten sind deshalb hoch und es entsteht jährlich ein Defizit von gegen 100000 Franken. «Bis jetzt hatten wir stets das Glück, dass wir genügend Spenden und Beiträge von Stiftungen erhielten, um das Defizit zu decken.» Tagesstätten seien eine Herausforderung und nicht rentabel. Nicht umsonst seien verschiedene von Altersheimen in der Region eröffnete Tagesstätten bald wieder geschlossen worden. «Von den Finanzen her würde auch unsere Tagesstätte aus dem Angebot fallen. Aber es gehört zu unserem Konzept, dass wir uns einsetzen für Menschen mit Demenz und für ihre Bedürfnisse – und dafür brauchen wir die Tagesstätte.»

Der Arbeitstag beginnt um 7 Uhr

Margrit Raimanns Arbeitstage beginnen meist um 7 Uhr in der Pflegewohngruppe Trübbach, beim Übergaberapport von der Nachtwache an die Tagesleitung. Anschliessend gehts sofort weiter nach Grabs zum Rapport um 8.15 Uhr. In beiden Betrieben kann sie auf zuverlässige Tagesverantwortliche zählen. Daneben erledigt die Leiterin viel Büroarbeit und berät Betroffene im Rahmen der Fachstelle Demenz.

Bisher hatte Margrit Raimann noch nie eine Stellvertretung. Wenn nötig – etwa bei Todesfällen – ist sie auch in den Ferien oder an Wochenenden erreichbar. Doch wenn die 58-Jährige in sieben Jahren pensioniert wird, soll eine neue Geschäftsleitung übernehmen. «Wir sind dabei, dies aufzugleisen», sagt sie. Auch aus finanzieller Sicht versucht der Stiftungsrat, eine sichere und stabile Zukunft zu schaffen. «Wir strecken unter anderem die Fühler aus nach ähnlichen Institutionen.»

«Am Anfang war es die Lust, etwas zu bewirken»

Auf die Frage, wie sie seit zehn Jahren diese grosse Motivation aufbringt, antwortet Margrit Raimann: «Am Anfang war es die Lust, etwas zu bewirken für jemanden, der schwach ist – also für Menschen mit Demenz. Mittlerweile ist es vor allem das ‹Hammer›-Team, das hinter uns steht und mit dem zusammen wir eine solch wichtige und gute Arbeit machen.» Das grosse Wohlwollen gegenüber dem Zentrum Wiitsicht sei dabei eine riesige Freude.

Mitarbeiterinnen freuen sich auf Ausflug

Als Belohnung für die wichtige Arbeit und um das zehnjährige Bestehen zu feiern, werden in diesem Sommer alle Mitarbeiterinnen auf einen Ausflug eingeladen. Ziel und Programm sind eine Überraschung. Die Organisation ist eine logistische Meisterleistung, muss doch der Betrieb im Zentrum Wiitsicht aufrechterhalten werden. Das Team macht den Ausflug deshalb in zwei Tranchen. Margrit und Herbert Raimann wie auch das gesamte Team freuen sich sehr auf diesen Tag.