Altersheim-Debakel in Sennwald: Die Gemeinde wird Strafanzeige gegen den ehemaligen Heimleiter und dessen Frau einreichen

Das Altersheim Forstegg wurde zwischen 2014 und 2018 finanziell an die Wand gefahren. Waren ungetreue Geschäftsführung (eventuell Betrug), Veruntreuung (eventuell Diebstahl), Urkundenfälschung sowie ordnungswidrige Führung der Geschäftsbücher im Spiel?

Heini Schwendener
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Nachdem die Überprüfung der Buchhaltung des Altersheims Forstegg abgeschlossen ist, wird die Gemeinde, in Absprache mit dem Kanton, Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft einreichen.

Nachdem die Überprüfung der Buchhaltung des Altersheims Forstegg abgeschlossen ist, wird die Gemeinde, in Absprache mit dem Kanton, Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft einreichen.

Bild: Heini Schwendener
  • Am 16. Februar 2019 berichtet der W&O erstmals über den Fall: In vier Jahren wurden die 2,4 Millionen Franken Reserven des Heims trotz guter Auslastung fast vollständig aufgebraucht. 
  • Der Heimleiter kündigt. Nicht etwa wegen der Vorfälle im Altersheim, wie er betont, sondern weil er sich beruflich verändern wolle.
  • Gemeindepräsident Peter Kindler übernimmt die volle Verantwortung für das finanzielle Debakel, denn es stellt sich heraus, dass der Heimleiter ohne Kontrolle durch die Behörde wirken konnte.
  • Im W&O vom 1. Mai 2019 beteuert Peter Kindler erneut, dass es keine Anhaltspunkte dafür gebe, dass der Heimleiter Gelder veruntreut habe.
  • Im W&O vom 18. Mai 2019 werden die Ergebnisse einer externen Betriebsanalyse präsentiert: Dabei ist die Rede von «sehr unsorgfältiger Geschäftsführung». Weiter heisst es: «Einzelne Buchungsvorgänge könnten den Tatbestand der Bilanzfälschung erfüllen.»

Nach einer aufwendigen Überprüfung der Forstegg-Buchhaltung der Geschäftsjahre 2014 bis 2018 durch ein externes Revisionsbüro steht nun fest: Die Gemeinde Sennwald wird bei der Staatsanwaltschaft eine Strafanzeige gegen den ehemaligen Heimleiter und dessen Frau einreichen. Die Überprüfung der Buchhaltung habe nämlich «Hinweise auf Unregelmässigkeiten durch unbelegte Bank- und Kassabezüge mit dem Verdacht auf Privatentnahme» festgestellt, schreibt die Gemeinde in ihrer Medienmitteilung.

Schadensumme beläuft sich auf 100000 Franken

Die Schadensumme inklusive der Folgekosten (für den Prüfbericht usw.) beläuft sich laut Medienmitteilung der Gemeinde auf rund 100000 Franken. Sie wurde vorsorglich bei den Versicherungen angemeldet. Für den ehemaligen Forstegg-Heimleiter in der Zeit von 2014 bis 2019 und seine Frau gilt die Unschuldsvermutung.

Die Strafanzeige wird eingereicht wegen ungetreuer Geschäftsführung (eventuell Betrug), Veruntreuung (eventuell Diebstahl), Urkundenfälschung sowie ordnungswidriger Führung der Geschäftsbücher. Die Gemeinde Sennwald hat sich zu diesem Schritt in Absprache mit dem Kanton entschieden.

Auslöser für eine externe Überprüfung der Buchhaltung

Unnatürlich hohe Debitorenbestände waren der Auslöser für die Überprüfung der Buchhaltung. Diese mussten per Ende 2018 um rund 600000 Franken als ausserordentlicher Aufwand zulasten der Altersheimrechnung bereinigt werden.

Bessere Kontrolle, Entflechtung, neue Heimleitung

Die Gemeinde Sennwald hat auf das Altersheim-Debakel, das im Februar 2019 öffentlich wurde, reagiert. Ziel war es, das «Forstegg» organisatorisch und finanziell so schnell wie möglich wieder auf Kurs zu bringen. So wurde beispielsweise die erst seit Mitte 2018 bestehende Altersheimkommission durch Fachleute erweitert. Es kam auch zu Kündigungen, denn von 2014 bis 2018 war der Personalbestand in den Bereichen Küche und Hausdienst, nicht aber in der Pflege, stark ausgebaut worden. Das Altersheim Forstegg hat unterdessen mit Jeanette Mösli eine neue Heimleiterin. Ihr obliegt die operative Führung, also die eigentliche Heimleitung. Die Altersheimkommission ist für die strategischen und finanziellen Belange zuständig und die buchhalterischen Aufgaben wurden einem externen Büro anvertraut. Institutionalisiert ist nun auch das periodische Finanzcontrolling. Diese Entflechtung der verschiedenen Ebenen gab es vorher nicht. Ohne eine solche gegenseitige Kontrolle war der Fall Forstegg überhaupt erst möglich. (she)

Die Überprüfung hat ergeben, dass diese Debitorenbestände hauptsächlich darauf zurückzuführen sind, dass zwei Lohnläufe (einmal inklusive 13. Monatslohn) in der Höhe von rund 430000 Franken nachträglich in der Buchhaltung gelöscht und als Debitorenguthaben gegengebucht wurden.

Man kann vermuten, dass dadurch die ohnehin schon schlechten Zahlen der Altersheimheimrechnung etwas geschönt wurden.

Debitorendifferenz ist geklärt

Zur Klärung der restlichen 170000 Franken wurde ein Prüfauftrag erteilt. Das Resultat: Die nachträgliche Löschung der Lohnläufe erfolgte nicht netto, sondern die gesamte Bruttolohnsumme (inklusive Arbeitnehmerabzüge und Arbeitgeberbeiträge) wurde gelöscht. Insgesamt wurde also Lohnaufwand in der Höhe von 600000 Franken nicht verbucht. Die Gemeinde ist laut Gemeindepräsident Peter Kindler erleichtert, dass damit die Debitorendifferenz vollständig geklärt ist. Diese Verbuchungen bedeuten aber auch, dass die Bilanzen der Geschäftsjahre 2016 und 2017 falsch waren.

Seit dem Amtsantritt des ehemaligen Heimleiters im Oktober 2014 seien die Bücher des Altersheims Forstegg nicht mehr ordnungsgemäss geführt worden. Dies hat die Überprüfung durch ein externes Revisionsbüro ergeben. Das Ergebnis wird in der Medienmitteilung der Gemeinde Sennwald wie folgt geschildert: «Die Debitorenzahlungen auf das Bankkonto wurden in den betroffenen Geschäftsjahren unterjährig überhaupt nicht mehr verbucht. Die Übereinstimmung des Bankkontos mit dem effektiven Banksaldo gemäss Kontoauszug wurde jeweils zum Bilanzstichtag mit einer einzigen Buchung ‹Bank an Debitoren› erreicht.»

Damit war eine fortlaufende, lückenlose und chronologisch korrekte Buchführung nicht gegeben.