Abenteuerliche Flucht aus Syrien nach Sevelen

Krieg ist auch für die Seele eine Extremsituation. Aisha Abdo aus Sevelen gewährt einen kleinen Einblick in ihr Innerstes.

Monera Abdilah
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Vorwärtsschauen und doch nicht die Vergangenheit vergessen: Das ist Aisha Abdo (links) wichtig, wie sie im Gespräch mit Monera Abdillah von #refujournalists erklärt.

Vorwärtsschauen und doch nicht die Vergangenheit vergessen: Das ist Aisha Abdo (links) wichtig, wie sie im Gespräch mit Monera Abdillah von #refujournalists erklärt.

Bild: PD

Können Sie sich vorstellen, wie jemand vor Ihren Augen getötet wird? Natürlich müssen Sie die Frage nicht beantworten. Sie können sich sogar entscheiden, nicht über so etwas nachzudenken. Doch die Menschen in den Kriegsgebieten dieser Welt haben diese Wahl nicht. Sie werden tagtäglich mit solchen Situationen konfrontiert, ohne dass sie die Augen davor verschliessen könnten. Eine von ihnen ist Aisha Abdo aus Afrin im Norden Syriens. Aisha Abdo ist Kurdin und stammt aus Afrin im nördlichen Teil Syriens. Die 35-Jährige lebt mit ihrem Mann und ihren fünf Kindern in Sevelen.

Welche Erinnerungen hast du an dein Heimatland Syrien?

Ich erinnere mich an den Alltag. Wie ich jeden Morgen mit meiner Mutter und meiner Nachbarin Kaffee getrunken habe und wir ein bisschen miteinander plauderten. Wurde jemand krank, halfen wir dieser Familie. Oder wir gingen zusammen einkaufen. Ich habe auch Erinnerungen an meine Kindheit. Da konnten wir draussen spielen so wie die Kinder hier in der Schweiz. Mit meinen Schulfreunden hatte ich viele schöne Erlebnisse.

Und dann kam der Krieg.

Ja. Meine Nachbarin wurde vor meinen Augen getötet. Sie und ihre Kinder.

Denkst du oft daran?

Ich träume sogar davon. Das ist wirklich sehr schwer für mich.

Wie bist du in die Schweiz ­gekommen?

Meine Familie und ich sind zuerst nach Jordanien geflohen, von dort aus über Ägypten nach Libyen und anschliessend mit einem Boot übers Mittelmeer.

Was habt ihr mitgenommen, als ihr fliehen musstet?

Es geht mir nahe, wenn ich daran denke. Eine Bombe oder eine Rakete ist bei uns eingeschlagen und hat unsere Sachen zerstört. Alles war weg. Ich bedauere es immer wieder, dass ich unsere Fotoalben nicht retten konnte oder sonst etwas.

Wie habt ihr euch in der Schweiz eingelebt?

Am Anfang war es wirklich schwer. Die Kinder haben ihre Freunde sehr vermisst. Auch die Sprache zu lernen war für sie nicht einfach. Aber jetzt sind sie sehr zufrieden. Sie gehen zur Schule und haben neue Freunde kennen gelernt. Ich selbst besuche zurzeit einen Deutschkurs. Und ansonsten bin ich vorwiegend für meine Familie und den Haushalt da. Meine Kinder haben Vorrang.

Deine älteren Kinder haben den Krieg in Syrien auch miterlebt. Sprecht ihr zu Hause noch davon?

Ja, immer wieder. Und aus den Nachrichten erfahren wir nach wie vor Neues. Aber ebenso erinnern sie sich daran, was sie als kleine Kinder erlebt haben, zum Beispiel bei ihrer Grossmutter. Ich wünsche mir, dass meine Kinder das nicht vergessen. Genauso wie ich meine eigene Kindheit nicht vergessen will.

Was erhoffst du dir von der Zukunft?

Ich hoffe, bald eine Anstellung zu bekommen. Ich habe Berufserfahrung als Coiffeuse. Aber es gestaltet sich etwas schwierig. Die meisten Arbeitgeber erwarten, dass man Vollzeit arbeitet, aber ich möchte meinen ­Kindern zuliebe nur in einem 50-Prozent-Pensum arbeiten. Wenn es eines Tages wieder möglich ist, möchte ich gerne nach Syrien zurückkehren. Ob ich aber wieder an denselben Ort zurückkehre, weiss ich nicht: Dort würde wahrscheinlich alles wieder hochkommen, was uns damals widerfahren ist.

Aber im Moment ist eine Rückkehr wohl keine ­Option,

Zurzeit ist die Situation ganz schlimm. Die Türkei ist in den nördlichen Teil Syriens einmarschiert und geht gewaltsam gegen die Kurden vor. Nun wird man versuchen, alles zu unterdrücken, was an die Kurden erinnert, sogar die Schrift und die Sprache.