Er fährt kein Auto und liebt Natur und Geschichte: Grabserberger Lehrer This Isler geht nach 44 Jahren in Pension

This Isler prägte fast 40 Jahre lang die Primarschule am Grabserberg. Nun wird er pensioniert. Seine Freizeit war und ist von drei Themen bestimmt: Natur, das SAC-Rettungswesen sowie Kultur und Geschichte.

Hanspeter Thurnherr
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Der Lehrer This Isler posiert für ein Porträt im Schulhaus Berg, am Dienstag, 21. Mai 2019, in Grabs. ©Benjamin Manser / TAGBLATT

Der Lehrer This Isler posiert für ein Porträt im Schulhaus Berg, am Dienstag, 21. Mai 2019, in Grabs. ©Benjamin Manser / TAGBLATT

Am Ende des laufenden Schuljahres wird This Isler, Lehrer der 5. und 6. Klasse, in Pension gehen. «Ich werde dann 44 Jahre und 4 Monate als Lehrer unterrichtet haben. Davon fast 40 Jahre hier oben am Grabserberg», hat er ausgerechnet. Dabei war es keinesfalls so, dass er schon als Kind und Jugendlicher von diesem Beruf träumte. Isler erzählt:

«Der Berufsberater hatte die Idee. Ich fragte ihn: ‹Ernsthaft?›. Denn ich war kein Traumschüler. Vielleicht deshalb hatte ich später eher Verständnis für die lernschwächeren Schüler.»

Als er seinem Lehrer den Vorschlag des Berufsberaters unterbreitete und die Aufnahmeprüfung ans Lehrerseminar ins Spiel brachte, antwortete dieser: «Mach keinen Spass. Das nützt doch nichts.» Doch This Isler absolvierte erfolgreich das Semi in Sargans.

Aufgewachsen ist er in Grabs, wo seine Eltern die Milchzentrale führten. Er absolvierte im Dorf die Schule. Mit dem Lehrerpatent im Sack verschlug es ihn – in einer Zeit, als es an Lehrern mangelte – «zufällig» ins Iddaheim in Lütisburg, einem Heim für Schwererziehbare. Gewählt wurde er für die 5. Klasse, doch musste er schliesslich die 7. Sonderklasse übernehmen. «Ich wurde ins kalte Wasser geworfen. So musste ich gleich all die hehren pädagogischen Visionen vergessen, welche ich vom Semi mitbrachte.»

«Es gab nur eines: Wie bringe ich überhaupt Disziplin her.»

Es sei eine «prägende Schulung» für ihn gewesen.

Fünf Jahre blieb er im Iddaheim, wo er auch seine künftige Frau Bea kennen lernte, die dort ebenfalls als Lehrerin unterrichtete. Sie teilte und teilt seine Freude an der Natur und den Bergen.

Ende Schuljahr wird This Isler nach 40 Jahren als Lehrer am Grabserberg pensioniert.

Ende Schuljahr wird This Isler nach 40 Jahren als Lehrer am Grabserberg pensioniert.

Mehrere 6000er bestiegen

This Isler verwirklichte sich anschliessend den Traum von der weiten Welt. Mit drei Kollegen reiste er nach Alaska und bestiegt dort in 17 Tagen den 6190 Meter hohen Mount McKinley, den höchsten Berg Nordamerikas, der heute Denali heisst. Danach reiste er direkt nach Südamerika und bestieg mit seiner Frau und drei Kollegen zwei 6000er.

Zurück mit leerem Geldbeutel, arbeitete This Isler im Winter als Skilehrer in Wildhaus und machte sich auf Stellensuche. Schon immer wollte er in einer Bergschule unterrichten, doch war zu Beginn seiner Lehrerlaufbahn keine solche Stelle frei. Da kam der morgendliche Anruf des Grabser Schulpräsidenten, ob er Interesse für die Stelle als Lehrer der 4. bis 6. Klasse am Grabserberg habe, gerade recht. Am Mittag hatte der junge Lehrer die Stelle.

Wie erlebte er die Entwicklung des Schulwesens in den letzten 40 Jahren?

«Um es auf einfachen Nenner zu bringen: Anfangs hatten wir zu wenig Material und Möglichkeiten, heute zu viel. Ich vergleiche es mit einer Menü-Karte. Pro Fach waren es damals ein bis zwei Menüs, heute 150.»

Diese «Menüs» kämen in vielfältiger Form: Bücher, Hefte, CDs, Audio-Formate, Internet.

Das Schulmaterial ist vielfältig: Bücher, Hefte, CDs, Audio-Formate, Internet.

Das Schulmaterial ist vielfältig: Bücher, Hefte, CDs, Audio-Formate, Internet.

Und die Kinder? «Früher konnten sie mit wenig viel anfangen, heute bewegt das Viele bei ihnen manchmal wenig», sagt Isler. Kinder bräuchten auch heute noch dasselbe wie früher: viel Zuwendung, Zeit und Freiheit. Gerade Letztere sei durch die getaktete Freizeit beschnitten. Zudem herrsche ein gewisses Mass an Überbehütung durch alle Erziehenden.

«Man überfüttert sie zu oft und nimmt ihnen das Kind-sein.»

This Isler fährt kein Auto

This Isler ist nicht nur Lehrer. Drei Themen bestimmten und bestimmen nebst seiner Familie mit den heute drei erwachsenen Kindern sein Leben abseits der Schule: die Liebe zur Natur, das SAC-Rettungswesen sowie Kultur und Geschichte. «Wir leben hier in einem wunderschönen Gebiet mit vielen Wandermöglichkeiten, mit Bergen zum Klettern und Gipfeln für Skitouren. Dank Kalkfelsen gibt es Höhlen und damit eine Natur unter dem Boden», zählt Isler auf. Ebenso begeistern ihn Canyoningtouren. «Sie geben uns tiefe Einblicke in die Geologie.» Dazu faszinieren ihn die Pflanzen- und Tierwelt.

«Wenn ich die Natur nicht erleben könnte, wäre ich ein anderer Mensch.»

Sie sei für ihn die Tankstelle. Apropos Tankstelle: Isler fährt kein Auto. «Ich profitiere aber oft von anderen, die mich ihm Auto mitnehmen.» Doch meistens ist er mit dem Velo oder zu Fuss unterwegs. Er hat ausgerechnet, dass er auf diese Weise mindestens 1500 Mal die rund sechs Kilometer lange Strecke vom Dorf Grabs hinauf zum Grabserberg zurücklegte. «Aber seit zwei Jahren fahre ich E-Bike – und finde es fantastisch.»

Seit 40 Jahren ist er in der Rettungskolonne Sax des SAC dabei, durfte einen Lawinenhund haben, war Obmann und Zonenvertreter der Region Ostschweiz-Liechtenstein.

«Es ist nicht selbstverständlich, dass ich nie wegen Krankheit oder Unfall im Spital war, obwohl es in den Bergen Situationen gab, in denen ich Glück hatte. Aus Dankbarkeit wollte ich etwas zurückgeben.»

So erklärt er seine Motivation für diese Tätigkeit. Es sei zudem ein Gegengewicht zur Arbeit mit den Schulkindern. «Ich hatte mit Erwachsenen zu tun, lernte von Menschen mit tollem Charakter und grossem Können.»

Engagement fürs Schloss Werdenberg

Kultur und Geschichte sind Islers Lieblingsfächer. «Je mehr ich von Geschichte erfahren habe, umso mehr erkannte ich: Die Menschen sind lernresistent und machen immer wieder die gleichen Fehler. So haben wir beispielsweise nicht gelernt, welche Probleme durch den Unterschied zwischen Reich und Arm entstehen.» Beispielhaft zeige die Geschichte der Walser, was durch übertriebenen Verbrauch der Ressourcen passiert.

«In der Geschichte stecken auch Geschichten und Einzelschicksale. Wenn ich mich in Dokumente oder Lektüre vertiefe, lebt die Geschichte wieder auf.»

Aus seiner Liebe zur Geschichte ist auch sein Engagement für das Schloss Werdenberg zu verstehen. «Ich wollte, dass es im Schloss ein Museum gibt und bei der Zugänglichkeit keine räumliche Beschneidung vorgenommen wird. Auch inhaltlich sollten die Aktivitäten einen Bezug zum Schloss haben, was nicht zu jeder Zeit das Ziel des Projekts ‹Klangschloss› war. Aber wie es jetzt ist, da stehe ich voll und ganz dahinter. Das Schlossprogramm ist eine Bereicherung für die Region.»

«Wir werden die Kinder vermissen», sagt This Isler, der kurz vor der Pensionierung steht.

«Wir werden die Kinder vermissen», sagt This Isler, der kurz vor der Pensionierung steht.

Ein Abschied mit Wehmut

Er habe keine Ahnung, was er nach der Pensionierung machen werde. «Auch meine Frau, die mit mir zusammen unterrichtet und für die Schulgemeinde den Tonofen jahrzehntelang betreut hat, wird pensioniert. Wir lassen es auf uns zukommen. Die Leerstelle durch die wegfallende Arbeit in der Schule wollen wir bewusst nicht verbauen. Unser Abschied wird mit Wehmut verbunden sein.»

«Wir werden Einiges vermissen: die Kinder, die Arbeit, den Schulweg, das Schulhaus mit dem Blick ins Tal, das soziale Umfeld, Kolleginnen, Hauswarte, Eltern, den Schulrat und die anderen Lehrkräfte im Dorf. Denn die Schule Grabs hat noch ein richtiges Wir-Gefühl.»

«Im Verlauf der Zeit ergaben sich auch andere berufliche Angebote, aber letztlich hatte die Schule Berg immer das grösste Gewicht», schliesst This Isler.