Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

1000 Kindern auf die Welt geholfen

Am Sonntag feierte die Sevelerin Katharina Gyr ihren 95. Geburtstag. Von den späten 50er- bis in die frühen 80er- Jahre war sie als Hebamme bei der Geburt von 1000 Kindern in Sevelen, Wartau und Grabs dabei.
Alexandra Gächter
Katharina Gyr an ihrem Wohnort Sevelerberg mit Blick hinunter aufs Dorf, wo sie unter anderem als Hebamme tätig war. (Bild: Alexandra Gächter)

Katharina Gyr an ihrem Wohnort Sevelerberg mit Blick hinunter aufs Dorf, wo sie unter anderem als Hebamme tätig war. (Bild: Alexandra Gächter)

«Ich bin immer noch zwäg», sagt die 95-jährige Katharina Gyr und lächelt. Dieses Lächeln war das erste, das etliche Werdenberger Neugeborene der Jahrgänge 1958 bis ungefähr 1983 sahen. In dieser Zeit war Katharina Gyr Hebamme und stand bei 1000 Geburten in Sevelen, Wartau und Grabs helfend zur Seite.

Eigentlich wollte Katharina Gyr Lehrerin werden. Das kam aber nicht in Frage. Keines der acht Kinder durfte in die Realschule, nicht einmal ihre Brüder. Also arbeitete Katharina Gyr nach der Schule in der Seveler Tuchfabrik. «Der Lohn war gut dort. 80 bis 100 Franken gab es alle 14 Tage», weiss die Seniorin zu berichten. Später arbeitete sie als Kindermädchen, Haushaltshelferin und Pflegerin. «Da gab es nur noch 40 bis 80 Franken im Monat.»

Nachts aus dem Schlaf gerissen

Als die Gemeinden Sevelen und Wartau eine Hebamme suchten, ermutigte sie der Dorfpfarrer, sich zu melden. Eigentlich war sie mit 33 Jahren zu alt dafür. Trotzdem wurde sie genommen und durfte zusammen mit fünf anderen Frauen die Hebammenschule in St. Gallen besuchen. Zwei Jahre dauerte diese. Als Unterkunft diente ein Zimmer, in dem alle sechs angehenden Hebammen schliefen. Baden durften sie nur einmal in der Woche. Die Schulkosten wurden von den Gemeinden Sevelen und Wartau übernommen. Den Hebammenkoffer musste sie selber berappen. «Dieser kostete mich 600 Franken, das habe ich bis heute nicht vergessen.» Im ersten Jahr der Ausbildung habe sie nichts verdient, im zweiten Jahr zuerst 50 und dann 70 Franken pro Monat.

1958 trat Katharina Gyr in den Dienst der beiden Gemeinden. Lag eine Frau in den Wehen, klingelte bei ihr das Telefon. Sie war auf Abruf bereit – zu jeder Tages- und Nachtzeit. «Ich mochte es aber gar nicht, nachts geweckt zu werden. Wurde ich aus dem Tiefschlaf gerissen, rann mir der Schweiss nur so runter.» Zur Ausübung ihrer Tätigkeit benötigte Katharina Gyr nicht nur ein Telefon, sondern auch ein Auto. Sie war eine der ersten Frauen im Werdenberg, die ein Auto besass. Die Strassen waren zu jener Zeit im Winter nicht immer gepflügt. So kam es vor, dass das Kind vor ihr da war oder dass sie von Oberschan nach Sevelen zu Fuss nach Hause musste.

Alleinerziehend und berufstätig

Alle Geburten vermerkte Katharina Gyr in ihrem Notizheft. Sie schrieb dazu, bei welchen Frauen sie aufpassen musste, dass die Kinder nicht blau anliefen. «Das passierte dann, wenn die Frau vor Schmerzen aufhörte zu pressen.»

Selber hat Katharina Gyr nur ein Kind zur Welt gebracht. Sie war damals bereits 41 Jahre alt. Die Geburt war schwer und endete mit einem Notkaiserschnitt. Ihre Gebärmutter wurde durch die Geburt derart in Mitleidenschaft gezogen, dass sie danach keine weiteren Kinder mehr zur Welt bringen konnte. Ihre Eltern, in deren Haus auf dem Sevelerberg sie heute noch wohnt, starben bald darauf. Als ihre Tochter elf war, starb auch ihr Ehemann. Fortan war Katharina Gyr alleinerziehende Mutter. Unterstützung erhielt sie von ihrem Bruder.

Im Jahr 1967 gab sie ihre Stelle als Gemeindehebamme von Sevelen und Wartau auf und wechselte in das Spital Grabs. Hier gab es geregelte Arbeitszeiten. Um für ihre Tochter sorgen zu können, übernahm sie meist die Nachtschicht, welche von 22 bis 6 Uhr dauerte. So kam Katharina Gyr jeweils morgens um halb sieben Uhr von der Arbeit, weckte ihre Tochter und bereitete das Morgen- und Mittagessen vor. «Im Haushalt habe ich nur das Nötigste gemacht. Wenn die Küche sich zu drehen begann, wusste ich, dass es höchste Zeit fürs Bett war.» Erholsam sei der Schlaf tagsüber jedoch nicht gewesen, da sie Motorengeräusche am Tiefschlaf gehindert hätten. «Eine wahnsinnig strenge Zeit ist das gewesen. Das war mitunter der Grund, wieso ich in den 80er-Jahren meinen Beruf an den Nagel hängte.»

Mit Ausnahme der Augen noch völlig gesund

Am Sonntag feierte die ehemalige Hebamme ihren 95. Geburtstag. Sie kann sich gut erinnern, wie eine Frau in jungen Jahren zu ihr sagte, wie alt sie wegen des Schlafmangels doch aussehe. «Im hohen Alter hörte ich hingegen, wie jung ich aussehe», schmunzelt sie. Geschlafen habe sie mittlerweile nämlich genug. Darüber hinaus kann sie sich über ihre geistige und körperliche Fitness freuen. Nur leider sieht sie nicht mehr gut. «Schade eigentlich, jetzt wo ich endlich genügend Zeit zum Lesen und Stricken habe.»

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.