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«Zuerst zweimal tief durchatmen»

Bis zu 50 Anrufe gehen täglich bei der Dargebotenen Hand unter der Nummer 143 ein. Am einen Ende der Leitung ist ein ratsuchender Mensch, am anderen Ende ein freiwilliger Mitarbeiter. Auch ein Toggenburger gehört zum Team.
Anina Rütsche
Neun Stunden dauern die Nachtdienste, welche der freiwillige Mitarbeiter aus dem Toggenburg mehrmals pro Monat bei Telefon 143 in St. Gallen leistet. (Bild: Reto Martin)

Neun Stunden dauern die Nachtdienste, welche der freiwillige Mitarbeiter aus dem Toggenburg mehrmals pro Monat bei Telefon 143 in St. Gallen leistet. (Bild: Reto Martin)

ST. GALLEN/REGION. Das Telefon klingelt, mitten in der Nacht, und reisst Andreas Hindermann aus dem Schlaf. Für ihn ist das beinahe Alltag. Sofort ist die Konzentration da, von null auf hundert. Der Pensionär steigt aus dem Bett und geht hinüber zum Bürotisch. Dann kommt sein Ritual: Zweimal tief durchatmen. Anschliessend greift er zum Hörer und sagt mit ruhiger und sonorer Stimme: «Dargebotene Hand, grüezi, worüber möchten Sie mit mir sprechen?»

Andreas Hindermann ist nicht der richtige Name des grauhaarigen Mannes aus dem Toggenburg, der seit 13 Jahren regelmässig in St. Gallen als Ehrenamtlicher für das Sorgentelefon mit der Nummer 143 im Einsatz ist. Wie er heisst, hält er geheim. Auch die Anruferinnen und Anrufer erfahren jeweils nicht, wem sie ihre Probleme anvertrauen, denn bei der Dargebotenen Hand verlaufen sämtliche Gespräche anonym. Die Anonymität ist gegenseitig – niemand muss im Gespräch seine Identität preisgeben.

Dickes Fell ist Voraussetzung

Dass man bei der Dargebotenen Hand nicht wisse, mit wem man rede, diene beiden Seiten als Schutz, sagt Andreas Hindermann. Ihm selbst helfe dies dabei, einen Abstand zu den Schicksalen wahren zu können, von denen er während seinen Einsätzen erfährt. «Am Telefon bin ich stets zu hundert Prozent für den Anrufer da», hebt der Toggenburger hervor. Er höre zu, geduldig und aufmerksam, frage nach, helfe bei der Suche nach Lösungen, zeige neue Sichtweisen auf. Doch danach müsse er das besprochene Thema «emotional zur Seite legen», um sich in seiner Rolle weiterhin sicher und wohl zu fühlen.

Für die Ratsuchenden wiederum ist die Anonymität in vielen Fällen eine Erleichterung, etwas, das sie im Alltag nirgends finden können, erklärt Andreas Hindermann. Im Dialog mit der Dargebotenen Hand entstehe eine Gesprächssituation ohne weitere Verpflichtungen, in der schwierige Themen plötzlich kein Tabu mehr seien. Und Andreas Hindermann findet: «Als Telefonberater braucht man ein ziemlich dickes Fell.»

Auf Inserat gemeldet

Dass Andreas Hindermann zur Dargebotenen Hand gekommen ist, beruht auf einem Zufall. Kurz nach der Jahrtausendwende hatte er in einem Zeitungsinserat gelesen, dass bei Telefon 143 weitere Freiwillige gesucht werden. «Ich fühlte mich sofort angesprochen, da ich gerne mit verschiedenen Menschen rede», sagt er. Daraufhin habe er sich bei der Regionalstelle Ostschweiz und Fürstentum Liechtenstein gemeldet. Und mehr als ein Jahrzehnt später sagt der Toggenburger noch immer: «Diesen Schritt habe ich noch keine Sekunde lang bereut.» Andreas Hindermann, der damals berufstätig war, durchlief neben seiner regulären Arbeit das Selektionsverfahren der Dargebotenen Hand. Mit Hilfe eines Bewerbungsgesprächs, eines Fragebogens sowie der Bewerbungsunterlagen wird ermittelt, ob sich ein Interessent für diese anspruchsvolle Aufgabe eignet. «Es geht um den Charakter, um die mentale Stärke und die Reife.»

«Seither ist viel passiert»

Nachdem er aufgenommen worden war, absolvierte Andreas Hindermann einen Ausbildungskurs der Dargebotenen Hand. «Dabei habe ich viel Wissenswertes über Gesprächsführung und aktives Zuhören gelernt, das ich heute am Telefon anwenden kann», fasst der grauhaarige Mann zusammen. Es folgte ein Praktikum in der Regionalstelle der Dargebotenen Hand Ostschweiz und Fürstentum Liechtenstein, die sich in St. Gallen befindet. «Zuerst hört man anderen Freiwilligen bei Beratungsgesprächen zu», sagt Andreas Hindermann. «Später telefoniert man im Beisein eines erfahrenen Mitarbeiters, der einem anschliessend eine Rückmeldung geben kann.» An sein erstes eigenes Telefonat bei der Dargebotenen Hand erinnert sich der Pensionär jedoch nicht mehr. «Wissen Sie, das ist schon eine Weile her, seither ist viel passiert», sagt er und lacht.

Am liebsten Nachtdienst

Bei der Dargebotenen Hand übernimmt Andreas Hindermann am liebsten die Nachtschichten. «Ich mag diese besondere Atmosphäre, wenn es draussen dunkel ist und die meisten Leute schlafen, aber eben nicht alle», verrät er. «In den Telefonaten kommen dann besonders spannende Themen zur Sprache.»

Die Einsätze dauern tagsüber vier und nachts neun Stunden am Stück, dies mehrmals pro Monat. Der Berater hält sich während dieser Zeit in einem Telefonzimmer in der Regionalstelle in St. Gallen auf. Im schlicht eingerichteten Raum befindet sich ein Tisch mit Telefon und Computer, einige Meter daneben ein Bett. «Das ist ein Büro, kein Wohn- oder Schlafzimmer», betont Andreas Hindermann. Wenn er eine kurze Auszeit brauche, gehe er hinüber in den Aufenthaltsraum, wo die Kaffeemaschine steht.

Als Mitarbeiter von Telefon 143 ist der Toggenburger verpflichtet, jeden eingehenden Anruf entgegenzunehmen, denn es handelt sich hierbei um eine offizielle, rund um die Uhr besetzte Notrufnummer. «Die heisse Phase ist jeweils von 22 Uhr bis Mitternacht», weiss Andreas Hindermann aus Erfahrung.

Den Menschen Mut machen

Dass der Pensionär bei der Dargebotenen Hand tätig ist, hat er nur seinen engsten Angehörigen anvertraut. «Es ist wichtig, in diesem Rahmen offen damit umzugehen, damit es keine Missverständnisse gibt», sagt er. Über die Inhalte der Telefonate darf er jedoch nichts preisgeben, denn er untersteht wie das gesamte Team der Dargebotenen Hand der Schweigepflicht. Um seine Erfahrungen zu verarbeiten, macht Andreas Hindermann stichwortartige Notizen und entsorgt diese jeweils am Morgen nach seiner Nachtschicht. «Die Blätter werden dann geschreddert.»

Auch Diskussionen mit anderen Beratern betrachtet der Toggenburger als wertvoll: «Der Austausch kann dabei helfen, das eigene Handeln zu überdenken.» Zudem finden bei der Dargebotenen Hand regelmässig Weiterbildungen und Coachings statt.

Und wenn einmal mehr das Telefon läutet, dann ist auch der Überraschungseffekt wieder da, der Andreas Hindermann an seiner Tätigkeit so sehr fasziniert. «Was auch immer passiert ist, ich möchte den Menschen Mut machen», sagt er, «ihnen zeigen, dass sie nicht alleine sind.»

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