Zäune sind keine Lösung

Stellen Sie sich vor, Sie leben in einem Land, das reich an Rohstoffen ist. Leider hat Ihr Land aber eine Regierung, die sehr korrupt ist. Zusätzlich wird diese von reichen Industrienationen gestützt, die vom Abbau der Rohstoffe profitieren und davon immer noch reicher werden.

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Stellen Sie sich vor, Sie leben in einem Land, das reich an Rohstoffen ist. Leider hat Ihr Land aber eine Regierung, die sehr korrupt ist. Zusätzlich wird diese von reichen Industrienationen gestützt, die vom Abbau der Rohstoffe profitieren und davon immer noch reicher werden.

Ist es da verwunderlich, dass Sie sich zusammen mit Gleichgesinnten für mehr Demokratie einsetzen? Und ist es da verwunderlich, dass die herrschende Regierung Sie ins Gefängnis wirft und foltert und auch Ihre Familie bedroht? Und ist es da verwunderlich, dass Sie die erstbeste Gelegenheit ergreifen und fliehen, auch wenn Sie keinen Reisepass haben?

Stellen Sie sich vor, Sie haben ein Studium abgeschlossen, bekommen aber auch nach Jahren keinen Job irgendwelcher Art, denn weder Sie noch Ihre Verwandten haben Beziehungen zu den «richtigen» Leuten oder Geld, um diese zu schmieren. Ist es da verwunderlich, dass Sie irgendwann genug haben und Ihr Glück in der Fremde suchen? Natürlich haben Sie davon gehört, dass es gefährlich werden wird, aber Sie sind zuversichtlich. Es kann nur besser werden. Denken Sie.

Ihre Reise dauert Jahre. Sie werden bestohlen, verfolgt, ins Gefängnis geworfen, verbringen Tage auf Lastwagen zusammengepfercht und Wochen zu zehnt oder noch mehr in winzigen Wohnungen, sind Hitze und Kälte ausgesetzt, werden kontrolliert, schikaniert, verfolgt und, wenn Sie eine Frau sind, mehr als einmal vergewaltigt.

Nach Jahren des brutalsten Überlebenskampfes ergattern Sie endlich, dank des Geldes Ihrer Familie, einen Platz in einem Boot übers Mittelmeer und schaffen auch die Weiterreise nach Frankreich. Sie verbringen Monate in den Wäldern um Calais, um endlich auf einen Lastwagen aufspringen zu können und so nach dem «gelobten Land» zu kommen. Denken Sie, höhere Zäune würden Sie dann davon abhalten?

Barbara Gähwiler Neugutgrabenstrasse 4, Buchs