Würdevoller Tod – auch für Tiere

Erstmals darf in der Schweiz ein Landwirt seine Rinder auf der Weide töten. Das Zürcher Veterinäramt hat einem Bauer am Küsnachter Berg eine provisorische Bewilligung erteilt. In der Region wird diese Tötungsart als Option gesehen.

Heidy Beyeler
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Mutterkuhhalter Christian Vetsch aus Sevelen hat sich über die Weideschlachtung genau informiert. (Bilder: Heidy Beyeler)

Mutterkuhhalter Christian Vetsch aus Sevelen hat sich über die Weideschlachtung genau informiert. (Bilder: Heidy Beyeler)

REGION. Der Landwirt Nils Müller, Mutterkuhhalter aus dem Zürcher Oberland, hat nach langem Weg eine provisorische Bewilligung für zehn Weideschlachtungen erhalten. Der W&O hat sich bei Mutterkuhhaltern in der Region umgehört und nachgefragt, was sie von Weideschlachtungen halten. Einen absoluten Gegner dieser Methode war nicht auszumachen. Als Nischenprodukt für kleinere Betriebe sehen die Befragten durchaus gute Möglichkeiten.

Es sei unbestritten, dass die Rinder, die lebend zum Schlachthof transportiert werden, Stresssituationen ausgesetzt sind – «egal, wie lange der Transport dauert oder wie sorgsam das Verladen der Tiere erfolgt – die Tiere erleiden Stress, was die Fleischqualität beeinträchtigt», sagen die befragten Mutterkuhhalter aus der Region unisono.

Differenzierte Sichtweise

Christian Vetsch aus Sevelen liess sich genaustens erklären, wie die Weideschlachtung in der Schweiz vonstatten geht, bevor er sich dazu äusserte. Dann wurde er nachdenklich und sagte, «wenn das so ruhig abläuft, dann ist das eine gute Option für kleinere Mutterkuhbetriebe, die das Fleisch direkt beziehungsweise das Rind dem Dorfmetzger verkaufen». Ja, ihm sei bewusst, dass das Verladen der Tiere mit Stress verbunden sei. «Ich erlebe das ja selber, wenn unsere Tiere abgeholt werden. Man kann es mit grösster Sorgfalt machen, der Stress entwickelt sich schon vor dem Transport – alleine schon im Moment, wenn ein Tier aus der Herde genommen wird.»

Fasst Option ins Auge

David Wildhaber aus Flums hat vor etlichen Jahren seinen Betrieb auf Mutterkuhhaltung mit Dexterkühen umgestellt. Damit entschied er sich gleichzeitig für die Direktvermarktung. Schon damals wollte er auf den Transport seiner Rinder zum Schlachthof verzichten. Keine Chance. Um seinen Tieren möglichst wenig Stress zu bereiten, darf beim Verlad – ausser ihm – kein Mensch in der Nähe sein, auch wenn die Tiere bloss auf wenige Kilometer in den Schlachthof geführt werden. «Wenn der Kanton St. Gallen die Weideschlachtung bewilligt, dann ist das für mich ein klares Ja, diese Möglichkeit ins Auge zu fassen, um meinem inzwischen stattlichen Kundenstamm qualitativ noch besseres Fleisch anbieten zu können.»

Fördert Zweiklassengesellschaft

«Den grössten Stress erleiden die Rinder bei sogenannten Sammeltransporten, wenn Schlachtrinder abgeholt werden», ist Beni Kaufmann aus Frümsen überzeugt. «Da kommen gleich mehrere Faktoren zusammen: Einzelne Rinder werden aus ihrer ursprünglichen Herde (Familie) herausgerissen, erleben das ungewohnte Verladen zu völlig fremden Artgenossen und sind einigen Stunden unterwegs, bis sie völlig verschwitzt beim Schlachthof ankommen. Dort müssen sie warten – den Blutgeruch in der Nase – bis sie getötet werden.»

Bei der Befragung der Mutterkuhhalter kam klar zum Ausdruck, dass es sich bei der Weideschlachtung um ein so genanntes Premium-Produkt handeln wird, weil diese Methode qualitativ besseres Fleisch liefert, aber auch deutlich höhere Kosten verursacht. «Es wird ein Produkt geben, das sich nur gewisse Einkommensschichten leisten können», gibt Beni Kaufmann zu bedenken. Er beliefert Grossabnehmer, könnte sich aber vorstellen, die Weideschlachtung auf seinem Hof anzuwenden – für den Direktverkauf oder zum Verkauf an den Dorfmetzger.

Ja im Sinne des Tierwohls

Die Strafanstalt Saxerriet betreibt ebenfalls eine Mutterkuhhaltung. Bis jetzt werden die Tiere zum Schlachthof in Gams transportiert. Fritz Zwahlen, Verantwortlicher der Gutsbetriebe Saxerriet sagt, dass er die Weideschlachtung grundsätzlich befürworte – im Sinne des Tierwohls und im Interesse der Fleischqualität. Sicher seien zu diesem Thema in Zukunft noch weitere Diskussionen notwendig. «Ich bin aber froh, dass die Weideschlachtung in der Schweiz erstmalig öffentlich thematisiert wird, weil die jetzigen Methoden bezüglich Transport zum Schlachthof mit Verladen und Entladen der Tiere aus meiner Sicht ein ungelöstes Problem offenbaren.

Auf die Frage, was sie zur Weideschlachtung sagen, verhalten sich Metzger aus der Region eher bedeckt. «Wenn Lebensmittelgesetzgebung und Hygienevorschriften eingehalten werden, ist nichts einzuwenden», ist die einheitliche Antwort aus Metzgerkreisen. Die befragten Metzger sind sich einig, dass es sich um ein Nischenprodukt handeln wird. «Konsumenten müssen selber entscheiden, wofür sie sich entscheiden wollen», war der Tenor. Dass das Fleisch von ungestressten Tieren qualitativ besser ist, wurde von den Metzgern nicht bestritten. «Es wird aber ein Premium-Produkt bleiben, das sich nicht alle Leute leisten können.»

Mit diesem Spezialanhänger wird das getötete Tier abtransportiert.

Mit diesem Spezialanhänger wird das getötete Tier abtransportiert.