Wozu immer noch mehr Arbeitsplätze?

In einem Wahlinserat im «Tages-Anzeiger» (18. Juni) schreibt der Zürcher Nationalrat und Unternehmer Ruedi Noser, Eigentümer einer Softwarefirma mit 500 Angestellten: «Volle Auftragsbücher schaffen Arbeitsplätze. Seit den Bilateralen wurden 600 000 neue Stellen geschaffen.» Nun gut.

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In einem Wahlinserat im «Tages-Anzeiger» (18. Juni) schreibt der Zürcher Nationalrat und Unternehmer Ruedi Noser, Eigentümer einer Softwarefirma mit 500 Angestellten: «Volle Auftragsbücher schaffen Arbeitsplätze. Seit den Bilateralen wurden 600 000 neue Stellen geschaffen.» Nun gut. So sieht es ein Mann der Wirtschaft. Da geht es doch wohl einzig um Wachstum, Wertschöpfung, Profit.

Es gibt aber auch noch die andere Sicht der Wachstumseuphorie. Die wird von Wirtschaftsvertretern und politisch Verantwortlichen jedoch sehr oft zu wenig gesehen oder dann heruntergespielt:

• die jährliche Zuwanderung von rund 80 000 Personen (2014 gegen 100 000), darunter auch solche aus weniger entwickelten EU-Staaten; • der nicht mehr verantwortbare Verbrauch von Kulturland für den Bau von Produktionsstätten, Geschäfts- und Büroimmobilien samt Strassen und Parkflächen; • der enorme Bedarf an Wohnungen, Schulraum, Freizeitanlagen samt Versorgungs- und Entsorgungsinfrastruktur.

Da frage ich mich wirklich: Muss die reiche Schweiz möglichst viele gut Ausgebildete aus anderen Ländern anwerben, möglichst viele lukrative Aufträge ins (satte) Land holen, um die Produkte nach erfolgter Wertabschöpfung wieder ins Ausland zu exportieren? Wie wäre es, wenn man den Menschen in ihren Heimatländern Verdienst- und Entwicklungsmöglichkeiten bieten wollte? Verschiedene osteuropäische EU-Länder haben ohnehin noch Nachholbedarf. Stadler Rail und andere machen es vor! Das wäre die oft zitierte «Hilfe vor Ort!».

Zugewanderte stützten unsere Sozialwerke, heisst es. Stimmt so nicht. Die AHV-Beiträge zum Beispiel werden nach dem Umlagesystem gleich wieder an die heutigen Rentner ausbezahlt. Und wenn die heutigen Zahler dereinst in Pension gehen, werden unsere Nachkommen für deren Altersrenten aufkommen müssen – vielleicht unter schwierigeren Bedingungen. Unbegrenztes Wachstum und unbegrenzte Zuwanderung sind keine zukunftstauglichen Modelle! Ich empfehle daher, nicht blindlings den Wohlstands- und Wachstumsaposteln zu folgen und willfährigen Wirtschaftspolitikern zu vertrauen, sondern selber zu denken und zu urteilen.

Wir hätten einige Probleme weniger, lernten wir wieder vermehrt Mass zu halten. Aus Liebe zur Schweiz.

Sepp Kaufmann

Brunnenstrasse 21, 9470 Buchs

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