Wohnen an der Armutsgrenze

Für Menschen mit niedrigem Einkommen sind hohe Mietkosten ein Schuldenrisiko. Das Hilfswerk Caritas fordert daher preisgünstigen Wohnraum für Armutsgefährdete. Eine entsprechende Strategie gibt es in der Ostschweiz nicht.

Christoph Zweili
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Immer mehr Menschen können ihre Wohnungsmiete nicht mehr bezahlen. (Bild: Hannes Thalmann)

Immer mehr Menschen können ihre Wohnungsmiete nicht mehr bezahlen. (Bild: Hannes Thalmann)

Ein Ehepaar hat drei Kinder im Alter von 1, 3 und 4. Die Familie braucht eine 4 1/2- bis 5 1/2-Zimmer-Wohnung. Die Miete beträgt 1750 Franken, das Einkommen netto 4900 Franken. Im Normalfall kommt die Familie damit zu Rande, dass sie 35,7 Prozent ihres Einkommens fürs Wohnen ausgibt. Dann wird der Vater krank. Und plötzlich ist alles anders: Das Einkommen bricht ein auf 3920 Franken, 80 Prozent vom vollen Lohn. Jetzt frisst die Miete plötzlich 44,6 Prozent vom Budget. Die Familie zahlt zwar den Mietzins, kann aber die andern grossen Rechnungen zum Jahresanfang nicht mehr bestreiten: die Steuern, die Haushaltversicherung, die Nebenkostenabrechnung der Wohnung, die Strassenverkehrssteuer…

Kartenhaus fällt zusammen

Nun beginnt eine Abwärtsspirale. Als erstes wird die Krankenkasse nicht mehr bezahlt – bei einer fünfköpfigen Familie sind das schnell 900 Franken. Zusammen mit dem Mietzins hat die Familie feste monatliche Kosten von 2650 Franken – bei normalem Lohn bleiben 2250 Franken zum Leben. Im Krankheitsfall sind es noch 1300. Das geht dann oft über Monate. Die Familie versucht es mit Ratenzahlungen, stopft 50- und 100-Franken-Löcher.

Solange, bis es nicht mehr geht. «Und das Kartenhaus zusammenbricht», sagt Lorenz Bertsch, Fachleiter der Sozial- und Schuldenberatung bei der Caritas St. Gallen-Appenzell. «Irgendwann landen diese Menschen dann bei uns.» Ein gängiges Muster, kein Einzelfall. Schweizer Haushalte mit einem monatlichen Einkommen unter 4600 Franken geben im Schnitt über 30 Prozent ihres Einkommens für Wohnen und Energie aus. Quer über alle Einkommensklassen sind es laut Bundesamt für Statistik im Verhältnis «nur» über 15 Prozent des Bruttoeinkommens, den ein durchschnittlicher Haushalt für Wohnen und Energie ausgibt.

Das Beispiel zeigt, dass Wohnen für Menschen mit geringem Einkommen zum Problem werden kann. «Diese Haushalte sollten nicht mehr als 25 Prozent des Einkommens dafür ausgeben müssen. Doch die Realität sieht oft ganz anders aus», warnt Bertsch. Das Hilfswerk spricht von vier klassischen Schuldenfallen, die in sieben von zehn Fällen in die Armut führen: Langzeitarbeitslosigkeit, Unfall, Krankheit, Scheidung.

7,6 Prozent sind armutsbetroffen

Laut Caritas sind 600 000 Menschen in der Schweiz «armutsbetroffen» – das sind 7,6 Prozent der Schweizer Bevölkerung. Spricht man von «Armutsgefährdung», kommen noch einmal 1,2 Millionen Menschen dazu. Das sind Schätzungen – genaue Zahlen gibt es nicht. Umgerechnet auf die Region Sarganserland-Werdenberg etwa, wo sich Bertsch auskennt, sind damit 6000 Menschen von Armut betroffen. «Davon beziehen aber nur 1200 Sozialhilfe. Die restlichen 4800 sind <Working Poor>, also Menschen, die mindestens 90 Prozent arbeiten, aber nicht von ihrem Lohn leben können.»

Daher die Forderung der Caritas: Es brauche bei Gemeinden und Kantonen Wohnungen, «die zahlbar sind für Menschen, die in Armut leben». Eine Strategie im Bereich Wohnen und Armut gibt es bei den Ostschweizer Kantonen nicht. Der gemeinnützige Wohnungsbau konzentriert sich vor allem auf Stadt und Region St. Gallen. Und er ist zu langsam, um die Probleme rasch zu lösen.

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