Wölfe mit Gewehrkugeln erziehen

Zwei Jungwölfe der Calanda-Familie dürfen ab sofort bis Ende März 2016 getötet werden. Das Bundesamt für Umwelt hat grünes Licht gegeben. Mit der umstrittenen Massnahme sollen die Wölfe lernen, Menschen und Siedlungen zu meiden.

Stefan Borkert
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Mutterwölfin F07 hat zusammen mit Wolf M30 das Calandarudel begründet. Sie schleppt für ihre Welpen Futter heran; zwei davon dürfen nun erschossen werden. (Bild: Peter A. Dettling)

Mutterwölfin F07 hat zusammen mit Wolf M30 das Calandarudel begründet. Sie schleppt für ihre Welpen Futter heran; zwei davon dürfen nun erschossen werden. (Bild: Peter A. Dettling)

VÄTTIS. Spätherbst. Die Morgendämmerung beginnt bei Unterkunkels am Calanda. Ein Jäger hält mit seinem Geländewagen an, kurbelt die Scheibe herunter und fragt den Schweizer Wolfsforscher Peter A. Dettling, wie es so gehe. «Ah, die Wölfe» fährt er fort. «Das ist schon gut, aber es sind ein bisschen zu viele. Zwei, drei sollen weg.»

Normal, aber lebensgefährlich

Szenenwechsel. An einer Septemberwanderung am Calanda, veranstaltet vom WWF, unter der Führung der Wildhut, wirbt der Wildhüter für den Abschuss von Jungwölfen, wenn diese sich in Siedlungsnähe befinden und wenn andere Mitglieder der Wolfsfamilie miterleben, dass Menschen potenziell tödlich sind. Der Wunsch von Jäger und Wildhüter geht drei Monate später in Erfüllung. Das Bundesamt für Umwelt (Bafu) hat gestern den Abschuss von zwei Jungwölfen aus der Calanda-Wolfsfamilie bewilligt. Die Tiere sollen lernen, dass Menschennähe lebensgefährlich sein kann. Selbst wenn das Verhalten der Jungtiere normales Wolfsverhalten ist. Dominik Thiel, Leiter des Amtes für Natur, Jagd und Fischerei des Kantons St. Gallen sagt: «Es geht im Wolfsmanagement nicht um normal oder nicht normal. Es ist das Ziel, dass Wölfe Menschen und Siedlungen meiden, und dass der Wolf den Menschen als potenzielle Gefahr sieht. Selbstverständlich wird auch in Zukunft ein Wolf mal nachts durch eine Siedlung spazieren, aber wenn er auf einen Menschen trifft, soll er flüchten.» Im Moment würden teils Wölfe am Tag durch Siedlungen spazieren und wenige Meter vor Menschen stehen bleiben, ohne zu flüchten. Im Verhaltensprotokoll der Wildhut finden sich für dieses Jahr allerdings nur drei solcher Vorkommnisse. Vorher gab es keine.

Problem Anfütterung

Aus verschiedenen Studien geht hervor, dass Wolfsattacken gegen Menschen in der Vergangenheit und im Ausland entweder durch Tollwut oder durch Anfütterung bedingt waren. Beim Bafu kennt man das Problem: «Wir sagen ganz klar, dass Luderplätze oder Futterplätze in Menschennähe im Wolfsgebiet nichts verloren haben. Unser Ziel ist es, eine klare Abgrenzung von Wölfen und den Siedlungen von Menschen zu erreichen», sagt Reinhard Schnidrig.

Juristische Schritte

Der Abschuss stösst teils auf massive Kritik. «Verfrüht, überflüssig und zweifelhaft in der Wirkung», sagt David Gercke von der Gruppe Wolf Schweiz. Wie der Wolfsforscher Peter A. Dettling verweist er auf Erkenntnisse, wonach die Bejagung von Wölfen zu mehr Nutztierrissen und verstärkt zu auffälligem Verhalten führt. Pro Natura und der WWF stellen ebenfalls den Lerneffekt in Frage. Und: «Wir prüfen rechtliche Schritte gegen die Verfügung», sagt WWF-Vertreter Gabor von Bethlenfalvy.

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