Wo beginnt Frieden?

Warum fällt es den Menschen so schwer, in Frieden zusammenzuleben? Diese Frage hat mich in den letzten Monaten immer wieder beschäftigt. Der Konflikt in der Ukraine, der grausame Terror im Irak, die weiterhin ungelöste Situation in Palästina, drei Tragödien, die unvorstellbar viel Leid nach sich ziehen.

Pfarrer Christoph Anderegg, Wildhaus-Alt St. Johann
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Warum fällt es den Menschen so schwer, in Frieden zusammenzuleben? Diese Frage hat mich in den letzten Monaten immer wieder beschäftigt. Der Konflikt in der Ukraine, der grausame Terror im Irak, die weiterhin ungelöste Situation in Palästina, drei Tragödien, die unvorstellbar viel Leid nach sich ziehen.

Die einen seufzen auf: Nicht auch noch hier, in den Sonntagsgedanken! Lieber etwas Erbauendes, etwas zum Schmunzeln oder Nachdenken. Am Sonntag wollen wir nichts von Krieg hören.

Die anderen und da stimme ich mit ein: Doch, gerade am Sonntag! Im Alltag sind wir mit anderem beschäftigt. Und so gross unsere Ohnmacht ist, es ist etwas vom wenigen, das wir für die kriegsgeplagten Menschen tun können: Vergessen wir sie nicht!

Am Sonntag beginnt der Frieden. Nämlich in unseren Gebeten und unseren Herzen. Wenn wir es zulassen, reift in uns eine Überzeugung: Frieden ist mehr als ein politisches Programm, mehr als eine Option neben anderen. Er ist das Ziel, das Ziel Gottes für uns Menschen. Deshalb dürfen wir die Resignation nicht hinnehmen, die uns zuflüstert: der Frieden ist doch nur eine Utopie, in der Welt geht es um Behauptung und Durchsetzung. Und der Krieg war immer schon ein Mittel zum Zweck. Wir halten dagegen: der Frieden ist eine notwendige Hoffnung. Wir halten an ihr fest, auch wider alle Gegebenheiten, weil wir überzeugt sind, dass ihr eine Kraft innewohnt, die die Welt verändern kann. Wir nehmen Krieg nicht als etwas Schicksalsbestimmtes hin, sondern als Entscheidung von Menschen, zu der es Alternativen gibt.

Und die Geschichte zeigt es, der Mensch war und ist zu beidem fähig, zum Krieg und zum Frieden. Wie der Krieg ist auch Frieden die Folge von Entscheidungen, die Menschen fällen. Wir erfahren das schon im Kleinen. Ob Streit ausbricht oder nicht, kann von einem einzigen Wort abhängen. Frieden ist nicht ein zufälliger Gemütszustand, sondern eine bewusste Geisteshaltung.

Frieden beginnt dort, wo Menschen auf jegliche Form der Gewalt und auch des destruktiven Druckes verzichten. Frieden ist nicht umsonst zu haben. Denn ein solcher Verzicht bedeutet auch den Verzicht auf eigene mögliche Privilegien, darunter – wie gerade der Streit um die Religionen zeigt – das Privileg des Rechthabens.

«Glücklich, die Frieden stiften, denn sie werden Kinder Gottes genannt werden.» Mt 5,9