Wissen und staunen

Zum Sonntag

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Es wird berichtet, dass der bedeutende Theologe und Rhetoriker Augustinus (354–430) am Meer spazieren ging. Er ist tief in seine Gedanken ver­sunken. Begleitet vom sanften Rauschen der Wellen grübelt er, ob und wie das Wesen Gottes zu erfassen ist. Da beobachtet er ein Kind, das mit einer Muschel Wasser aus dem Meer in eine kleine Grube schüttet. «Was tust du da?», fragt er freundlich. «Ich schöpfe das Meer aus», antwortet das Kind. Augustinus lächelt milde und sagt: «Ach Kind, das gelingt dir doch nie. Wie willst du das grosse Meer in diese Grube schaffen?» Das Kind schaut Augustinus an und macht unbeirrt weiter. Da trifft es Augustinus wie einen Blitz aus heiterem Himmel: «Es wird dem Kind eher gelingen, mit einer Muschel das Meer auszuschöpfen, als mir mit meinem Nachdenken, das Wesen Gottes zu erfassen!»

Soweit die Überlieferung. Ich stelle mir nun vor, wie die Geschichte weitergehen könnte. Augustinus fällt es wie Schuppen von den Augen. Das ganze Nachdenken, das tagelange Suchen und Fragen rund um die Existenz Gottes findet hier beim Kind eine Antwort. Augustinus ist erleichtert und erfreut. Er lacht laut auf, zieht seine Kleider aus und springt ins weite Meer. Er geniesst das Auf und Ab der Wellen, nimmt genüsslich einen Schluck Salzwasser und liegt ruhig im Wasser – bis Augustinus diesen tiefsinnigen Satz aus seinem eigenen Mund hören kann: «Unruhig ist mein Herz, bis es Ruhe findet in Dir.»

Nicht mehr allein das Wissen treibt Augustinus an. Es wird zum Staunen über das Wunder der Schöpfung. Im Staunen den Geheimnissen der Welt begegnen und dankbar sein, darin aufgehoben zu sein. Und beten so wie der Psalmist im Psalm 139,5: «Von allen Seiten umgibst Du mich und hältst deine Hand über mir.»

Wir sind eingeladen, in der nächsten Woche im Kleinen und Unscheinbaren zu staunen. Nicht achtlos daran vorbei­gehen, sondern wachsam sein. Sich nicht zumüllen mit Lärm, Hetze und Reizen, sondern bewusst im Alltag die Sinne offen zu halten für die Wunder und Geheimnisse des Lebens.

Pfarrer Patrick Siegfried, Evangelische Kirche Buchs