Wirklich – Hildegard kann fliegen

Im Buchser Kleintheater fabriggli gastierten am Wochenende die sechs Männer der Schweizer Gruppe «Hildegard Lernt fliegen». Die Musikgruppe ist heute schon legendär, begeisterte Zuhörer in aller Welt.

Pius Bamert
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«Hildegard Lernt Fliegen», eine Band, deren Musik man eigentlich gar nicht beschreiben kann. Auftritt im Werdenberger Kleintheater fabriggli. (Bild: Pius Bamert)

«Hildegard Lernt Fliegen», eine Band, deren Musik man eigentlich gar nicht beschreiben kann. Auftritt im Werdenberger Kleintheater fabriggli. (Bild: Pius Bamert)

BUCHS. Als der eigentliche Mentor der Band darf sicher der Berner Komponist und Vokalkünstler Andreas Schaerer genannt werden. Was diese Musiker auf der Bühne bieten, ist erlebtes Kino im Kopf. An Konzerten empfinde er oft «einen Zustand, als werde ich fremdgesteuert. Ich muss in der freien Improvisation riskieren, dass sie schief geht. Wenn sie aber gelingt und authentisch bleibt, passiert etwas Magisches», sagt Schaerer. Er studierte nach Kinder- und Jugendjahren im Emmental und Wallis bis zum Primar- und Reallehrerpatent 1997 im Lehrerseminar Hofwil. Erste Bühnenerfahrungen sammelte er als Gitarrist der Punkband «Hektor lebt».

Die Tücken der Musikstile

Bunt beleuchtet stehen die vielen Micros und die verschiedensten Instrumente auf der Bühne. Saxophone in allen gängigen Stimmlagen, ein Kontrabass, Posaune respektive Tuba und ein Schlagzeug. Irgendwo ein Tischchen, darauf steht eine alte Schreibmaschine. Sie wird etwas später zum rhythmischen Einsatz kommen und das Schlagzeug ersetzen. (Rolf Liebermann hat es eigentlich erfunden mit seinem Konzert für 156 Büromaschinen.) Einstieg ins erste Musikstück: Die Querflöte macht den Anfang, das Baritonsax setzt synkopisch ein, der Mann hinter der «Küche» wechselt zum Marimbaphon, ein kurzes Solo des Posaunisten, dann die Stimme von Schaerer. Man erinnert sich an die alte Schallplatte aus den Dreissigern. «Mein Bruder macht im Tonfilm die Geräusche.» Nur, Schaerer «macht» nicht nur Geräusche, sie sind in jeder Tonlage. Unmöglich herauszufinden, durch wie viele Oktaven er «fliegt», singt im Duo mit dem Saxophon, abwechslungsweise – wer gerade am Spielen ist, ist nicht einzuordnen, ist es jetzt das Blasinstrument oder kommt der schnelle Lauf vom Sänger? Irgendwann verschiedene Vogelstimmen, Urwaldgeräusche, in der Ferne Trommeln und gutturaler Gesang, alles zur gleichen Zeit, übereinander geschichtete Klänge, und das aus einem einzigen Mund.

Ein Ausnahmetalent

Der Mann scheint mindestens drei Kehlen zu besitzen. Irgendwoher zaubert er eine «Maultrommel». Wer so ein Ding schon ausprobiert hat, weiss um die Not, einige Klänge, einige Töne auf dem Metallfederinstrument hervorzubringen, die das Publikum nicht aus dem Saal vertreibt. Und was macht dieses Ausnahmetalent? Er singt zugleich noch dazu. Die Zuhörer sind irritiert, verunsichert, offene Münder verfolgen das Geschehen. Der Applaus ist keineswegs verhalten, er ist frenetisch. Zum Schluss des Konzertes haben es seine Mitmusiker verdient, namentlich genannt zu sein: Andreas Tschopp (Posaune, Tuba), Benedikt Reising wurde 1978 in Basel geboren (Bariton-, Alto-Saxophon, Bassklarinette), Christoph Steiner spielt Schlagzeug, Schreibmaschine, Küchengeräte und was nicht niet- und nagelfest ist (Schlagzeug, Percussion, Marimba), Marco Müller spielt den Kontrabass, Matthias Wenger ist Saxophonist und vollendeter Gentleman, der Schalk sitzt ihm im Nacken und auf der Schulter die Muse (Alt-, Sopran-Saxophon).