«Wir sind zu wenig beweglich»

Seit Kurzem präsidiert der Walenstadter Jürg Lymann die grösste St. Galler Ärztevereinigung. Der Frauenarzt über hochbezahlte Kollegen, bedrohte Landspitäler, seine Berufung, die Abstimmung am 5. Juni und die Faszination der Gynäkologie.

Andri Rostetter
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«Teenager gehen lieber zu Gynäkologinnen»: Jürg Lymann in seinem Büro im Spital Walenstadt. (Bild: Ralph Ribi)

«Teenager gehen lieber zu Gynäkologinnen»: Jürg Lymann in seinem Büro im Spital Walenstadt. (Bild: Ralph Ribi)

Herr Lymann, wollten Sie schon als Kind Arzt werden?

Jürg Lymann: Nein. Ich komme nicht aus einer Arztfamilie, mein Vater war beim Bankverein. Die Medizin hat mich aber früh fasziniert.

Warum?

Lymann: Es klingt verrückt, aber es war der Gedanke, den Menschen helfen zu können. Das fand ich toll, als ich jung war.

Heute nicht mehr?

Lymann: Doch, natürlich. Aber es ist nicht mehr der alleinige Antrieb. Ich arbeite sehr gern mit Menschen zusammen, egal ob das Patienten oder Mitarbeitende sind. Dazu kommt, dass mein Fachgebiet enorm vielseitig ist.

War die Gynäkologie von Anfang an Ihr Ziel?

Lymann: Nein, während des Studiums war das nie ein Thema für mich. Im Gegenteil, es war eines der mühsameren Fächer.

Trotzdem sind Sie Frauenarzt geworden.

Lymann: Ja. Ich habe am Spital Grabs mit Chirurgie begonnen. Einmal musste ich ein halbes Jahr auf meine nächste Stelle warten. Diese Lücke habe ich mit Gynäkologie gefüllt. Und da hat einfach alles gepasst. Das Team, damals noch unter Franz Limacher, war grossartig. Wir hatten es mit allem zu tun: ungewollten Kindern, Kaiserschnitt, konventionellen Geburten, Missbildungen, Totgeburten, manchmal alles am gleichen Nachmittag. Da habe ich erkannt, wie spannend die Gynäkologie ist. Geburt, Tod, Medizin, Psychologie, Ethik: In der Frauenheilkunde kommt alles zusammen. Dieses Spektrum gibt es sonst nirgends.

In der Gynäkologie geht der Trend noch stärker in Richtung weibliche Ärzte als in anderen medizinischen Fächern. Ein Nachteil für Männer?

Lymann: Nein. Es stimmt zwar, dass wir über alle Disziplinen gesehen bald 70 Prozent Frauen im Arztberuf haben. In der Gynäkologie sind es bald 90 Prozent. Aber damit sind wir Männer wieder im Vorteil. Es gibt mittlerweile so wenige von uns, dass wir wieder gefragt sind.

Spüren Sie als Mann Vorbehalte von Patientinnen?

Lymann: Nein. Teenager gehen zwar lieber zu Gynäkologinnen, aber ab einem gewissen Alter spielt den Frauen das Geschlecht keine Rolle mehr. Wichtig ist ihnen dann, dass sie ernst genommen werden und dass der Arzt Zeit für sie hat.

Was raten Sie einem Arzt, der gerade sein Studium beginnt?

Lymann: Offen bleiben! Viele junge Mediziner reservieren schon während des Studiums zig Stellen und haben einen fixen Plan für ihre Fachausbildung. Hätte ich das so gemacht, wäre ich nie hier gelandet.

Sie reden als einer, der seine Berufung gefunden hat.

Lymann: Ja, aber darum geht es nicht. Die meisten Studienabgänger bleiben heute in den grossen Zentren, wo sie die Ausbildung absolviert haben. Deshalb haben wir an der Peripherie so ein enormes Versorgungsproblem. Wären die jungen Mediziner offener, würden sie eher mal in einer Randregion arbeiten. Sie würden sich vielleicht verlieben und dann auch dort bleiben.

So wie Sie . . .

Lymann: Genau. Ich kann aber auch nachvollziehen, warum das nicht immer gelingt. Wenn man als junger Arzt zwei Jahre in einem Spital arbeitet, dann kennt man das Haus, das Team, die Abläufe. Wechselt man dann Spital und Fachgebiet, muss man wieder ganz unten beginnen. Und zwar nicht nur fachlich.

Wo denn noch?

Lymann: In der Wertschätzung. Die Leute werden an jedem neuen Ort wieder wie Anfänger behandelt. Klar, fachlich beginnen sie wieder bei null. Aber wenn jemand schon zwei Jahre Innere Medizin mitbringt, dann ist das doch grossartig. Das muss man honorieren. Man muss die Leute entsprechend integrieren.

Die fehlende Offenheit der jungen Mediziner ist aber eher das Problem von Randregionen.

Lymann: Man weiss aus Untersuchungen, dass es in Regionen mit medizinischen Fakultäten viel mehr Hausärzte gibt und viel weniger ausländische Ärzte. Ich meine das keinesfalls wertend, ohne Ausländer würde unser Gesundheitssystem nicht funktionieren. Was ich damit sagen will: Wenn der Kanton St. Gallen bald selber Ärzte ausbildet, können wir das Problem teilweise entschärfen.

Teilweise?

Lymann: Die Frage ist dann immer noch, ob wir die richtigen Ärzte ausbilden. Der klinische Unterricht darf jedenfalls nicht nur in St. Gallen stattfinden. Wir werden uns darum bemühen, dass sie auch zu uns in die Regionen kommen.

Der Ärztegesellschaft ist der Medical Master zu wenig. Sie hätte lieber eine komplette Fakultät.

Lymann: Natürlich, das wäre der Idealfall. Aber wir wissen, dass das politisch nicht machbar ist, und unterstützen die vorgeschlagene Lösung voll und ganz. St. Gallen braucht diesen Medical Master.

Der Arztberuf hat an Prestige eingebüsst. Hat der Nachwuchsmangel auch damit zu tun?

Lymann: Weniger. Eine grössere Rolle spielt die Work-Life-Balance. Früher war der Arzt Einzelkämpfer, Unternehmer und Pionier. Heute ist er ein normaler Angestellter, der gern geregelte Arbeitszeiten hat. Dieser Entwicklung müssen wir Rechnung tragen.

Wie denn?

Lymann: Wir müssen uns organisieren. Ich habe im Team mehrere Ärztinnen, die Teilzeit arbeiten. Das passt für alle. Sie sind topmotiviert, sie sind da, wenn man sie braucht. Dazu muss aber die Infrastruktur auch ausserhalb des Spitals angepasst werden.

Nochmals zum Prestigeverlust: Der Arzt gilt im Gesundheitswesen immer mehr als Kostenverursacher.

Lymann: Wir sind weder Halbgötter in Weiss, noch sind wir blosse Kostentreiber. Natürlich gibt es überall schwarze Schafe. Aber die meisten Ärzte wollen in erster Linie ihre Patienten gut behandeln. Dafür lege ich meine Hand ins Feuer.

Wie lassen sich denn Jahreslöhne von 400 000 Franken für Spezialärzte rechtfertigen?

Lymann: Einerseits erzielen immer weniger Spezialärzte solche Einkommen, andererseits verdienen Topleute in der Wirtschaft tendenziell mehr. Dann stellt sich die Frage, ob die Arbeit und Kunst der Spezialärzte mehr wert ist als die Triage und die Arbeit des Hausarztes. Der Spezialist hat eine deutlich längere Weiterbildung und er hat in seinem Gebiet die letzte Verantwortung.

Der Kanton St. Gallen gibt in den nächsten Jahren eine Milliarde Franken aus für Spitalneubauten. Der richtige Weg?

Lymann: Für eine gute Versorgung braucht es eine gute Infrastruktur. Die Frage ist, ob wir dieses enge Netz noch brauchen, wenn wir immer mobiler werden.

Das tönt, als wären Sie mit dem gescheiterten Vorschlag für ein Rheintaler Zentrumsspital gar nicht unglücklich gewesen.

Lymann: Nein. Die Zeit war damals nicht reif dafür. Es drängte, da einige Spitäler dringend sanierungsbedürftig sind.

Machen die kleinen Spitäler immer noch zu viel?

Lymann: Es wird sicher Änderungen geben. Nicht, was die Standorte angeht – aber was die Leistungen der einzelnen Standorte angeht. Wir werden nicht mehr überall alles anbieten. Alle Spitäler müssen am Ende auch finanziert werden können, und dies kann nur durch vermehrte Einnahmen oder Kosteneinsparungen geschehen. Wie das in den kommenden Jahren aussieht, wird die Zukunft zeigen.

Am 5. Juni stimmen wir über die Präimplantationsdiagnostik (PID) ab. Kritiker warnen vor Designer-Babies, Missbräuchen und sinkender Akzeptanz für Behinderte.

Lymann: Für mich hat die Vorlage ein klares Ja verdient. Es kann nicht sein, dass wir die Leute für eine PID ins Ausland schicken müssen. Es gibt einfach Krankheiten, die das Leben so massiv beeinträchtigen, dass es keinen offensichtlichen Sinn mehr hat. Und wenn diese Krankheiten mit grösster Wahrscheinlichkeit weitergegeben werden, dann ist die Belastung auch für die Eltern enorm. Wir sollten ethisch schwierige Verfahren nicht an andere Länder delegieren. Die PID braucht aber klar definierte Spielregeln. Und die wird sie auch bekommen.

Als Präsident der Ärztegesellschaft werden Sie weniger mit Patientinnen zu tun haben. Stört Sie das nicht?

Lymann: Ich werde mit anderen Menschen zu tun haben! Aber ernsthaft: Ich will am Bild der Ärzte in der Öffentlichkeit, an der Wertschätzung arbeiten. Der einzelne Patient schätzt seinen Arzt immer noch sehr, das ist kein Problem. Aber in der politischen und öffentlichen Diskussion sind wir zu wenig beweglich, zu wenig organisiert und zu wenig präsent. Wir müssen besser zusammenfinden. Die Bevölkerung schätzt uns. Aber nicht unser gesundheits- und standespolitisches Auftreten.

Ihr Vorgänger kommt aus der Stadt, Sie aus der Peripherie. Steht der Ärztegesellschaft ein Richtungswechsel bevor?

Lymann: Jein. Wir sind ein Kollegialgremium, ich bin Primus inter Pares und bringe sicherlich den Standpunkt der Peripherie vermehrt und konstant ein. Ich will mehr öffentliche Präsenz für die Ärzteschaft.