WILDHAUS: Singen als Lebenselixir

Gleich nach der Konfirmation, das war vor 70 Jahren, trat Alice Hürlimann dem evangelischen Kirchenchor bei. Ihre Singstimme wird auch im fortgeschrittenen Alter sehr geschätzt.

Adi Lippuner
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Alice Hürlimann blickt kurz vor dem 86. Geburtstag auf ein spannendes Leben zurück. (Bild: Adi Lippuner)

Alice Hürlimann blickt kurz vor dem 86. Geburtstag auf ein spannendes Leben zurück. (Bild: Adi Lippuner)

Adi Lippuner

Ein Gespräch mit Alice Hürlimann, Jahrgang 1931, ist ein Genuss. Die in Basel geborene Frau blickt auf ein Leben mit vielen Höhepunkten, aber auch einigen Schicksalsschlägen zurück. Jammern gehört nicht zu ihrem Repertoire, denn Alice Hürlimann hat wichtige Gaben: Immer mit Gottvertrauen vorwärts schauen, annehmen, was nicht zu ändern ist, und aus allem das Beste machen.

Kraft holt sich die bald 86-Jährige einerseits bei den Proben im Kirchenchor, denn sie schätzt nicht nur das gemeinsame Singen, sondern auch die Kameradschaft. Andererseits unternimmt sie bei jedem Wetter ihren täglichen Spaziergang. Und damit es im «Oberstübchen» auch weiterhin funktioniert, werden Kreuzworträtsel gelöst und aus «Buchstabensalat» Wörter zusammengesetzt.

Der Präsident ist zur Gratulation gekommen

Angesprochen auf die Bedeutung des Singens, meint sie bescheiden: «Das hat mir schon immer grosse Freude bereitet, singen ist ein Lebenselixier. Im Kirchenchor habe ich mich von Anfang an wohlgefühlt.» Während vieler Jahre war ihre Alt-Stimme geschätzt, später wechselte sie dann zum Tenor, also der höchsten Männerstimme. Dass sie, trotz Spitalaufenthalt Ende Januar, an der Hauptversammlung in Wildhaus dabei sein konnte, erfüllt Alice Hürlimann mit grosser Freude. «Der Präsident des Schweizerischen Kirchengesangsbundes, Hermann Stamm, war anwesend und hat mir gratuliert.» Aktuell muss die vife Seniorin allerdings etwas zurückstecken, denn einen Tag vor Weihnachten erlitt sie einen Herzinfarkt, musste einige Zeit im Spital verbringen und einen Erholungsmonat im Wohnheim Speer, Ebnat-Kappel, einschalten. Doch die Rückkehr in die eigenen vier Wände ist bereits organisiert. «Mit Unterstützung der Spitex-Haushaltshilfe und einem Notfallknopf werde ich dies bewältigen,» ist sie überzeugt.

Rückblende: Die Kinder- und Jugendjahre verbrachte Alice Hürlimann in Kleinbasel. Ihre Eltern betrieben dort ein Lebensmittelgeschäft und sie und ihre zwei Jahre ältere Schwester halfen tatkräftig mit. «Während der Kriegsjahre mussten wir die Lebensmittelmarken einkleben, Zucker und Mehl abwägen und einfach überall anpacken, wo es nötig war.»

Mit dem Wechsel ins Toggenburg, ihr Vater stammte aus dem Tal am Fusse der Churfirsten, die Mutter war Baslerin, gab es für die ganze Familie eine Neuorientierung. Ihr Daheim war die «alte Post», heute ist in diesem Gebäude auf der Passhöhe Foto Forrer. «Die ersten Jahre wurde im Erdgeschoss noch die Poststelle betrieben und meine Eltern handelten im Wohnzimmer mit handgefertigten Holzsachen aus der Region», blickt Alice Hürlimann zurück.

Mit dem Wegzug der Post ins neue Gebäude habe die Möglichkeit bestanden, das Geschäft zu vergrössern. «Meine Schwester und ich arbeiteten, mit Unterbrüchen durch Sprachaufenthalte in der Westschweiz und in England, im Geschäft der Eltern mit,» so Alice Hürlimann. Wenn sie von der Bekanntschaft mit ihrem späteren Ehemann, Fridolin, allen bekannt als Fido Hürlimann, spricht, leuchten ihre Augen. «Er war der Sohn der Garage Hürlimann, heute Central Garage in Nesslau.»

Familie und Geschäft unter einen Hut gebracht

Unvergessen bleibt das Erlebnis in England: «Fido holte mich mit dem Auto ab, wir unternahmen eine Reise Richtung Norden, konnten so das Land kennen lernen und sind erst anschliessend in die Schweiz zurückgekehrt. Heute ist Reisen für junge Leute ganz selbstverständlich, damals war dies eine grosse Ausnahme.»

Die Reiselust ist dem Ehepaar Hürlimann geblieben, auch wenn nach der Heirat im Jahr 1955 zuerst die Familien- und Geschäftsphase folgte. Insgesamt sechs Kinder, dazu im Jahr 1966 die Übernahme des Geschäfts von den Eltern: Die jungen Eltern hatten ein gerüttelt Mass an Arbeit zu bewältigen. «Glücklicherweise konnten wir lange auf unsere treue Angestellte, Anna Knaus von der Nesselhalde in Unterwasser, zählen. Sie war bereits bei unsern Eltern und für meine Schwester und mich wie eine zweite Mutter. Später, für unsere Kinder, war es dann die zweite Grossmutter,» blickt Alice Hürlimann dankbar zurück.

Der älteste Sohn lebt in Kanada, Grund genug für das Ehepaar Hürlimann, ihn öfter zu besuchen. «Zusammen mit meinem Mann habe ich viele Reisen im Wohnmobil durch dieses wunderbare Land unternommen. Ich bin froh, dass wir uns diesen Genuss gegönnt haben.» Im Jahr 2004 ist der Ehemann von Alice Hürlimann gestorben und sie ist aus dem grossem Haus im Riet in eine zentral gelegene Eigentumswohnung umgezogen.

Angesprochen auf Wünsche und Pläne, ist zu erfahren: «Wenn es mir besser geht, möchte ich nach Kanada fliegen und die Familie meines Sohnes besuchen.» Insgesamt gehören zur Familie von Alice Hürlimann nebst den fünf Kindern, ein Sohn ist leider in jungen Jahren tödlich verunglückt, acht Enkel und bald fünf Urenkel. Drei Urenkel leben in Kanada, einer in Kopenhagen.

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