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WERDENBERG: Es geht um Grenzen, Begrenzung, um Leben und Tod

Der bekannte Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg las am Freitagabend in der Landvogtstube im Schloss Werdenberg aus seinem neusten Buch «Der weisse Freitag».
Esther Wyss
Adolf Muschg hielt eine Lesung im Schloss Werdenberg zur Einstimmung ins Jahresprogramm. (Bild: Esther Wyss)

Adolf Muschg hielt eine Lesung im Schloss Werdenberg zur Einstimmung ins Jahresprogramm. (Bild: Esther Wyss)

Der Kachelofen in der Landvogtstube war eingeheizt und verströmte eine wohlige Wärme. In familiärer Atmosphäre las der Dichter, Schriftsteller, Denker und Aufbegehrer Adolf Muschg aus seinem neusten Buch «Der Weisse Freitag». Vor der Lesung stellte Mirella Weingarten den Autor dem Publikum vor.

Muschg erzählte humorvoll und witzig, wie das Buch entstanden ist. Alles begann mit einem Treppensturz. Er fiel vom Schlafboden in die Tiefe und verletzte sich, sodass ein Spitalaufenthalt notwendig wurde. Für die Tage im Spital nahm der profunde Goethekenner das Buch von der zweiten Winterreise Goethes mit.

Dem Schicksal kann man nicht entfliehen

Muschg spürt in der Erzählung der Wanderung Goethes nach und verwebt sie mit seinem eigenen Schicksal. Auf der einen Seite die jungen Leute aus dem 18. Jahrhundert, die trotz Warnung den winterlichen Furkapass überqueren, auf der anderen Seite der alternde Schriftsteller Muschg, der mit der Diagnose Krebs konfrontiert wird. Bei beiden geht es also um Tod oder ­Leben.

Mitten im Winter, am 12. November 1779, machte sich Goethe mit seinem Freund Herzog Carl August, dem Reitknecht und zwei Bergführern auf den Weg, den Furkapass durch den meterhohen Tiefschnee zu bezwingen. Ein gefährliches Unterfangen, das leicht mit dem Tod hätte enden können. Goethe forderte das Schicksal heraus. Muschg muss sich aufgrund der Diagnose Krebs, mit der Tatsache, dass er dem Schicksal nicht entfliehen kann, beschäftigen.

Verbindende Gemeinsamkeiten

Er erklärte: «Goethe inszenierte die Wanderung als Abschiedsreise. Tod oder Wiedergeburt? Aber sicher kommt man als ein anderer wieder.» Bei Muschg hat sich der Lebensraum gegen den Tod hin verkleinert. Er ist mit seiner Frau in das Atelierhaus umgezogen. Sie haben Ballast abgeworfen, Bücher und einige Möbel weggegeben. Der japanisch anmutende Garten hat enge Grenzen. Muschg vergrössert ihn mit Spiegeln. Die Faszination für Spiegel und die Liebe zu Wörtern sind Gemeinsamkeiten, die Goethe und Muschg verbinden. Die Spiegel, die der Schriftsteller anbringt, multiplizieren den Garten, heben Grenzen auf, schaffen Weite. Angesichts der Krebsdiagnose schreibt er: «Das Leben wird auch merklich, was es ist: begrenzt.»

Adolf Muschg ist ein genauer Beobachter und Sprachkünstler. Er versteht es, das Gesehene in Worte zu fassen, sodass die Leser in die kalte Winterwelt eintauchen und sich Bilder vor dem inneren Auge entrollen. Er beschreibt die tiefverschneite Bergwelt, die Farbe des Himmels im fahlen Winterlicht, die Spalten und Klüfte, aus denen das Vitriolblau zündet, die schwarzen Punkte, die gegen die Schneemassen ankämpfen und sich nur langsam entfernen. Im Gegensatz dazu seine Beschreibung des Gartens. Muschg beschäftigen Grenzen und die Frage nach dem Gelingen des Lebens im Angesicht des Todes.

«Der Weisse Freitag» ist ein sehr persönliches Buch, in dem der Dichter seine Situation geschickt mit der tollkühnen Wanderung Goethes verwebt. Die Erzählung gleicht einer Reise zu sich selbst.

Während der Lesung entstand der Eindruck, man komme dem längst verstorbenen Goethe, aber auch dem lebenden Schriftsteller Muschg näher.

Esther Wyss

redaktion@wundo.ch

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