Weitblick hin zu Europas Zukunft

Das Werdenberger Kleintheater Fabriggli hat sich wagemutig für die Aufführung «Zukunft Europa» des Theaters Marie, Aarau, entschieden. Es ist ein anspruchsvolles Stück sowohl für Künstler wie auch fürs Publikum.

Heidy Beyeler
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Die blasphemische Szene zwischen aufgeblasen sein und herrschen zeigt die Widersprüche von Gegenwart und Hoffnung auf eine Zukunft in Europa auf. (Bild: Heidy Beyeler)

Die blasphemische Szene zwischen aufgeblasen sein und herrschen zeigt die Widersprüche von Gegenwart und Hoffnung auf eine Zukunft in Europa auf. (Bild: Heidy Beyeler)

Andreas Janki, Programmverantwortlicher im Fabriggli für Theater und Kabarett, führte in seiner Begrüssung zum bevorstehenden Auftritt der drei Schauspieler Judith Cuénod, Manuel Löwensberg und Christoph Rath, kurz in das Stück «Zukunft Europa» ein. Dazu sagte er: «Das Thema des heutigen Abends ist aufgrund der Tagesaktualität kaum mehr zu toppen.» Die Theatergruppe Theater Marie bezeichnet Janik vielversprechend als innovatives, mutiges, facettenreiches, vorwärtsgerichtetes, qualitativ hochstehendes Theater. Und er hatte nicht zu viel versprochen.

Billig eingekaufte Texte

Regisseur Olivier Keller verlor einige Worte zum Stück selber bzw. zu den fünf Kurzstücken. «Das erste Stück – möchte ich sagen – ist kein eigentliches Stück, sondern eine Textsammlung unter der Bezeichnung fiverr.com – eine Online-Plattform auf dem Internet, auf der Menschen aus aller Welt ihre Kreativkraft wie Schreiben, Singen, Komponieren etc. anbieten, zum Preis von fünf Dollar. Die Textproduktion wurde demzufolge in Billiglohnländer ausgelagert. Autoren aus aller Welt werfen einen kritischen Blick auf die europäische Kultur des Bewahrens – und das alles für je fünf Dollar.»

Die vorgetragenen Textsammlungen aus aller Welt sollten so etwas wie ein Wirrwarr an möglichen und unmöglichen Angeboten aus fiverr.com darstellen und aufzeigen, in welche Richtung sich das Computerzeitalter weiterentwickeln würde oder könnte. Oder die Schwarzmalerei über zehn schreckliche Dinge aus Europa, die hier und heute oder in Zukunft passieren und Angst verbreiten.

Und dann war da auch noch die Rede von der bitteren Wahrheit, die hinter dem Kontinent dent Europa steht, «ihr werdet oft von blinden und psychisch Kranken gelobt». Dieser Satz soll wohl an der Selbstverliebtheit der Europäer rütteln. Hier machte sich aber auch so etwas wie Galgenhumor breit, der dem bereitwilligen Zuhörer nicht gerade ein erbauliches Bild von Europa vor Augen hielt – in einer Art, die geradezu komisch war.

Solche Bilder entstanden aufgrund der Textsammlung, die Ariane Koch über fiverr.com für fünf Dollar in Auftrag gab. Tatsächlich kann aus diesen Texten – von Gedichtetem über Polemik bis hin zum übertriebenen Positivismus – kein Gesamtbild von Europa entstehen. Das Gute daran. Jeder einzelne Besucher im Fabriggli konnte sich aussuchen, in welche Richtung er zum Thema «Zukunft Europa» denken möchte.

Kritik mit einem Quentchen Wahrheit

Fünf Kurzgeschichten – jede davon wurde mit einem guten Fuder von Aspekten, Widersprüchen und Kritik dargeboten; das war nicht nur für die Theatermacher – inklusive der Schauspieler – äusserst anspruchsvoll, da waren die Besucher ebenso gefordert. Das spiegelte sich spätestens nach der pausenlosen Aufführung im Foyer des Kleintheaters Fabriggli wider.

Themen wie Flüchtlingsdramen, Sinnfragen zur gegenwärtigen Situation in Europa und auf der ganzen Welt sind so oder so schwere Kost. Wenn dann auch noch verbal Doppelbödiges serviert wird, in verflochtenen Andeutungen, dann müssen sich die Gedanken über das Erlebte und Gehörte erst einmal setzen können.

Vielleicht musste – oder konnte – man gar nicht alles verstehen, was die drei überaus talentierten Schauspieler vortrugen. Möglicherweise gehört das ja zum Konzept des Theaterstücks «Zukunft Europa» als Spiegelbild der Gegenwart und der Zukunft.