Waschbrettbauch – aber sofort

77 Prozent der Jugendlichen wünschen sich laut einer gestern veröffentlichten Studie mehr Muskeln. Der Weg dahin geht aber nicht allen schnell genug. Deshalb helfen sie vermehrt mit Anabolika und Nahrungsergänzungsmitteln nach.

Chris Gilb
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Die Mehrzahl der heutigen Teenie-Stars wie Schauspieler Taylor Lautner haben einen Sixpack. (Bild: superficialguys)

Die Mehrzahl der heutigen Teenie-Stars wie Schauspieler Taylor Lautner haben einen Sixpack. (Bild: superficialguys)

Was Monika Caliano aktuell in der Fitnessszene erlebt, macht die Fitnessstudio-Besitzerin nicht glücklich: «Jungs zwischen 15 und 20 Jahren wollen sich innert kürzester Zeit in Muskelpakete verwandeln und helfen mit allerlei Mittelchen nach.» Caliano ist schon 25 Jahre im Geschäft und besitzt zwei Studios namens Klever fit in St. Gallen. Mit Mittelchen meint sie Dopingmittel wie Anabolika. Wer auf Google die beiden Stichwörter «Anabolika» und «kaufen» eingibt, stösst auf diverse, auf Dopingmittel spezialisierte Onlineshops. Viele werben mit der «unkomplizierten Lieferung» in die Schweiz.

Unrealistische Vorbilder

48 Prozent von 371 befragten Jugendlichen zwischen 13 und 17 Jahren wünschen sich mehr Muskeln, 29 Prozent wollen sogar viele Muskeln. Dies geht aus einer gestern veröffentlichten Studie der Gesundheitsförderung Schweiz und der ZHW hervor. Chiara Testera Borrelli von der Gesundheitsförderung Schweiz sagt: «Werbung, Film und Social Media suggerieren Jugendlichen das Schönheitsideal eines muskulösen Mannes, dem sie nacheifern.» Sport müsse wieder Spass machen und nicht nur wegen optischer Ziele betrieben werden. Dazu müssten auch die Fitnessstudios ihren Beitrag leisten: «Mit Muskeln zu werben, die nicht durch normales Training erreicht werden können, ist nicht sinnvoll.»

Billiger als Rindfleisch

Das Muskelwachstum zu beschleunigen, verspricht die boomende Nahrungsergänzungsmittel-Branche. Bodybuilder Stiv Marro verkauft in seinem Laden Bodystuff in St. Gallen unter anderem Proteinkonzentrate mit Namen wie Casein Hardcore. Er rechnet vor, wie viel günstiger es sei, seine Produkte zu konsumieren, als den Körperfettanteil durch den Verzehr von Rindfleisch zu erhöhen. Auch er stellt einen Wandel fest: «Die Jugendlichen, die früher auf der Strasse herumlungerten, trainieren jetzt ihren Körper.» Teils müsse auch er seinen Kunden die Illusion nehmen. Denn Nahrungsergänzungsmittel würden kein Wunder bewirken. «Der Muskelaufbau funktioniert nur unter Einhaltung der Regenerationszeiten», sagt Stiv Marro.

Etliche Konsequenzen

Andere Sporttreibende greifen statt zu umstrittenen Nahrungsergänzungsmitteln vermehrt zu Doping: Zwischen 2009 und 2013 hat sich die Anzahl von Verfahren wegen Dopingmittel beim deutschen Zoll um das 19-Fache erhöht. Der Schweizer Zoll griff 2008 110 Pakete mit illegalen Dopingsubstanzen auf, 2014 waren es schon 482.

Der St. Galler Sportmediziner Patrik Noack kennt die Konsequenzen des Muskelwahns: «Die Patienten kommen angeblich zu einer normalen Vorsorgeuntersuchung. Ich erkenne dann aber an den Leberwerten, was sie in Wirklichkeit abklären wollen.» Von Tumoren bis zu erhöhter Aggression aufgrund des veränderten Hormonhaushaltes: Das Feld von körperlichen und psychischen Konsequenzen sei gross. Die Jugendlichen würden es mit ihrer Sehnsucht nach einem definierten Körper übertreiben. «Die Folge sind Überlastungserscheinungen. Sie fühlen sich schon morgens kraftlos», sagt der Mediziner.

Dopingkontrollen eingeführt

Michael Ammann, Chef der Update Fitness AG, hat wegen dieser gesellschaftlichen Entwicklung in seinen Fitnessstudios Dopingkontrollen eingeführt. «Wenn ein Verdacht besteht, bitten wir den Kunden, einen Vertrag zu unterschreiben. Darin erklärt er, dass wir spontane Kontrollen bei ihm durchführen dürfen und er sich für unschuldig hält. Ist die Probe negativ, tragen wir die Kosten, sonst er», sagt Ammann.

Der Kunde habe aber auch die Möglichkeit, den Vertrag abzulehnen; dann würden ihm vorausbezahlte Abo-Gebühren zurückerstattet und die Mitgliedschaft entzogen. «Man will in unserer Gesellschaft nicht mehr warten, sondern in jedem Bereich alles sofort bekommen», nennt er eine Ursache des Anabolika-Missbrauchs.

Branche in Verruf

Diese Entwicklung bringe die gesamte Branche in Verruf, meint Studiobetreiberin Monika Caliano aus St. Gallen: «In meinen Augen sind wir am gleichen Punkt wie in den 1980er-Jahren. Damals haben wir uns erkämpft, als seriös wahrgenommen und von den Krankenkassen anerkannt zu werden. Aber heute spüre ich wieder einen Rückwärtstrend.» Als Studiobetreiberin könne sie nicht viel gegen den Dopingmissbrauch unternehmen, ausser Dealer und extreme Konsumenten rauszuwerfen und selber ein gutes Vorbild zu sein: «Werfen wir einen raus, trainiert er eben in einem anderen Fitnessstudio weiter.»

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