WARTAU/MELS: «Jedes Leben hat seinen Wert»

Stephanie Sutter macht einen ungewöhnlichen Job. Die junge Wartauerin leitet die erste Hospizwohnung im Kanton St. Gallen. Was bewegt sie dazu?

Reinhold Meier
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Mit ruhiger Hand: Stephanie Sutter hat gefunden, wonach sie suchte – echte Begegnung. (Bild: Reinhold Meier)

Mit ruhiger Hand: Stephanie Sutter hat gefunden, wonach sie suchte – echte Begegnung. (Bild: Reinhold Meier)

Eins wird schnell klar, wenn man Stephanie Sutter begegnet: Die Frau hat eine ruhige Hand. Unaufgeregt und sicher gibt sie Auskunft. Bevor sie spricht, überlegt sie und formuliert dann präzise. Das Lachen kommt dabei nicht zu kurz. Der Kontakt mit ihr ist unterhaltsam, jedenfalls sehr unkompliziert. Und nebenbei nimmt sie sich ganz unauffällig Zeit für ihre vierjährige Tochter, die jetzt eigentlich lieber spielen will. Die Frau hat ein Händchen für Menschen.

Dabei hat Sutter durchaus aufregende Zeiten hinter sich. Die waschechte Wartauerin mit Wurzeln in Trübbach und Weite besuchte nach der Schule die Pflegefachausbildung HF im bündnerischen Ilanz. Im vierten Lehrjahr musste sie an die Palliative-Station des Kantonsspitals Chur wechseln, die damals, 2009, im Aufbau war. «Ich wurde eingeteilt und hatte grossen Respekt vor der Aufgabe», erinnert sie sich. Aber schon bald habe sie gemerkt: «Ich will nirgends anders mehr hin.»

Die Sache liegt ihr «sehr am Herzen»
Zuvor hatte sie für ihre erste Stelle bereits eine Zusage erhalten, auf der Neurochirurgie. Diese trat sie auch gewissenhaft an und machte wertvolle Erfahrungen, wie sie erzählt. «Trotzdem wollte ich zurück zur Palliative Care.» Es klappte und dann blieb sie sechs Jahre dort, bis zum April letzten Jahres. Menschen am Lebensende umfassend zu betreuen, sei eine besondere Herausforderung, betont sie. Aber eine einzigartige, sie liegt ihr am Herzen. «Die Beziehung steht im Vordergrund, nicht die Funktion», sagt sie im Gespräch mit dem W&O. Deshalb schätze sie das Zusammenarbeiten über die fachlichen Grenzen hinweg, mit Medizin, Pflege, Therapie, Psychologie und Seelsorge. «Ich habe grossen gegenseitigen Respekt erlebt.» Das Interdisziplinäre wirke sich auch förderlich auf den Umgang mit den Patienten aus, die ja neben leiblichen und psychischen, auch soziale und spirituelle Anliegen hätten. Vor drei und vier Jahren bekam sie zwei Kinder, sie musste ihr Pensum reduzieren und hat im letzten Jahr zur Spitex Sarganserland gewechselt.

«Im letzten Januar kam die Geschäftsleiterin Vreni Britt auf mich zu.» Sie wollte wissen, ob Sutter Interesse an der Führung der Hospizwohnung hätte, die gerade im Bau war. Hatte sie. Und sie war glücklich, dass man ihr die Aufgabe zutraute. In den letzten Wochen war die neue Leiterin denn auch vollauf damit beschäftigt, Pläne auszuarbeiten, fachliche und administrative für den Ernstfall. «Es war kurz und intensiv.» Momentan hat zwar noch niemand das Angebot im Hospiz in Anspruch genommen, aber parat wäre man. «Und das Interesse ist da.»

Das Hospiz ist ein Angebot, das die Lücke schliesst
Sutter hat auf der Palliative-Station in Chur erfahren, dass in der letzten Phase oft eine Anschlusslösung fehlt. «Spital oder Pflegeheim sind nicht immer der passende Ort.» Die meisten Menschen wollten in vertrauter Umgebung sterben, am liebsten daheim. Ein Hospiz sei da ein gutes Angebot, das die Lücke schliesse. «Man kann hier alles sehr persönlich gestalten.» Und wie macht sie das für sich, ganz persönlich für sich sorgen? «Zwei Kinder, den Mann und die Berge», sagt sie kurz entschlossen. Sie geht auch gerne Skifahren und sie liest. Am liebsten Lebensgeschichten. «Es gibt kein Leben, in dem man nichts Wertvolles erkennen kann.» Ja, das ist wohl eine stimmige Sichtweise, wenn man im Beruf so für die Menschen da ist.