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WARTAU: Stille Nacht ... einsam wacht?

Weihnachten ist eine besonders emotionale, für viele auch eine sentimentale Zeit. Vier ältere Alleinstehende, die im Betagtenheim Wartau leben, erzählen, wie sie die Feiertage verbringen. Was ihnen Weihnachten noch bedeutet. Und ob sie sich einsam fühlen.
Ursula Wegstein
Zahlreiche Engel und Lichter schmücken den Eingangsbereich des Betagtenheims Wartau. (Bilder: Ursula Wegstein)

Zahlreiche Engel und Lichter schmücken den Eingangsbereich des Betagtenheims Wartau. (Bilder: Ursula Wegstein)

Ursula Wegstein

ursula.wegstein@wundo.ch

Gertrud Ryser (90)

«Weihnachten ist für mich wie jeder andere Tag auch. Weihnachten selbst bedeutet mir nichts mehr. Was hab ich noch davon? Den Christbaum unten schaue ich mir schon an. Ob ich traurig bin? Fürs Traurigsein bin ich zu alt! Da s lohnt sich doch nicht! Eigentlich denke ich an Weihnachten auch nicht zurück, wie das früher war. Das lohnt sich nicht mehr! Wenn ich will, kann ich mich schon zu anderen hier in Gesellschaft begeben. Aber ich bleibe lieber hier auf meinem Zimmer. Ich höre Musik oder schaue Fernsehen. Das bin ich gewohnt. Ich fühle mich hier wohl. Ich bin gern allein.»

Hans Schlegel (81)

«Mit Weihnachten verbinde ich eigentlich nicht gerade viel. Ob ich mich darauf freue? Das war einmal. Für mich ist das aber auch in Ordnung so. Weihnachten ist ein Fest für die Kinder! Und für Junggebliebene! Für Alte ist das nichts mehr! Vor allem, wenn man – wie ich – keine Familie oder Nachkommen hat. Wer das hat, ist gut dran. Ich habe das alles nicht. Man ist sowieso allein. Ich bin ja schon immer ständig allein. Das macht mir aber nichts! Das wird auch so bleiben! Wenn ich so zurückdenke an die ersten Weihnachtsfeste, an die ich mich noch erinnern kann, war damals auch nicht ­alles so schön. Das war ja noch während des Krieges. Damals sind an Weihnachten die Amerikaner über uns herum­geflogen. Das ist eigentlich unglaublich, was ich noch alles weiss.

Damals war da ja noch die Kirche an erster Stelle, die uns den Glauben ein­gehämmert hat. Das bedeutet mir alles überhaupt nichts. Trotzdem kann man ja aus jedem Fest etwas machen. Als ­Geschenk bekam ich vielleicht ein Buch, ein Hemd und ein paar Socken. Ich hab mir immer Käse gewünscht! Über Käse habe ich mich am meisten gefreut! Bloss keine Schokolade!

An Weihnachten passiert hier im Betagtenheim allerhand. Da wird gesungen, und da bin ich auch gerne dabei.

Ob ich etwas vermisse? Mein Fahrzeug, das ich bis vor einem halben Jahr hatte. Damit konnte ich 45 km/h fahren. Damit bin ich bis nach Bern gefahren. Das riskiere ich nicht mehr.

Ich bin ein zufriedener Mensch. Warum sollte ich an Weihnachten traurig sein? Ich habe niemanden, also erwarte oder vermisse ich auch niemanden. ­Meinen Fernseher habe ich schon lange liquidiert, da ich herausgefunden habe, dass man vom Fernsehen im besten Fall noch dümmer wird. Also bin ich viel am Lesen, Rätsel oder Sudoku machen. Lange­weile kenne ich nicht. Ich brauche ja auch noch Zeit zum Schlafen.»

Robert Müller (74)

«Ich bin überhaupt nicht traurig. Alles, was ich brauche, habe ich hier. Wenn es mir langweilig wird, fange ich an, Bilder zu malen. Ich male einfach von Foto­grafien ab. Eigentlich ist es mir aber nie langweilig. Ich habe es hier tipptopp. Mit meiner Tochter habe ich regelmässig Kontakt. Sie kommt auch an Weihnachten hier vorbei. Zwischendurch habe ich noch kleinere Arbeiten zu machen. Ich bin hier also gut beschäftigt.

Mir fehlt hier auch niemand. Ich habe hier eigentlich mit allen Kontakt. Wir jassen oder sitzen zusammen. Bei schönem Wetter gehen wir in einer kleinen Gruppe zusammen spazieren.

Ich bin wunschlos glücklich. Ich geniesse den Moment und Weihnachten so, wie es jetzt ist. Wir haben ja unten ­einen Christbaum und alles, was wir wollen. Auch ein richtig grosses Fest hatten wir bereits vergangene Woche. Mir gefällt das wunderbar. Ich möchte das gar nicht mehr anders.»

Vreni Loosli (67)

«Ich freue mich eigentlich auf Weihnachten. Auf die Ruhe. Auf die Weihnachtsmusik im Radio oder im Fernsehen. Besonders viel Freude habe ich an meiner Weihnachtsbeleuchtung hier vor meinem Fenster. Was mir fehlt, ist ein Christbaum. Leider habe ich dafür hier keinen Platz mehr. Nach Weihnachten besucht mich mein Bruder. Weihnachten selbst verbringe ich allein. Mit den an­deren älteren Menschen habe ich ein bisschen Mühe. Immerhin bin ich hier mit Abstand die Jüngste. Die Dame neben mir am Tisch ist fast 30 Jahre älter als ich. Da wird immer viel von früher ­erzählt. Das mag ich nicht so. Das inte­ressiert mich auch nicht. Ich rede dann eher weniger.

Einsam oder alleine fühle ich mich deswegen nicht. Am Tag höre ich Musik. Am Abend schaue ich Fernsehen. Zwischendurch mache ich selbst noch ein bisschen Musik mit meiner Handorgel und mit der Trompete. Einmal alle zwei Wochen mache ich für die anderen Musik zum Singen. Meinen Hund vermisse ich schon. Manchmal denke ich schon an früher, wie es schön war. Wie alles als Kind war. Das macht mich aber nicht traurig.»

Beatrice Disch (Heimleitung)

«Ich sehe ja nicht in die Menschen hinein. Mein Eindruck ist, dass die Menschen es sehr schätzen, dass sie hier sein dürfen und dass sich jemand um sie kümmert. Viele haben ja vorher zu Hause einsam gelebt und sind darum zu uns gekommen. Das ist der Vorteil: Hier gehört ­jeder zur Familie. Jeder kennt jeden. Einzelne sind zwar allein, sie sind aber umsorgt. Sie haben die Zeit für sich und müssen sich um nichts kümmern. Jeder hat ja die Wahl, alleine zu sein oder ins Café nach unten zu gehen. Das ist wichtig für alle: die Wahl zu haben.

Natürlich bieten wir immer Aktivi­täten an. Vergangenen Freitag haben wir alle Angehörigen zur Weihnachtsfeier eingeladen. Für jeden Alleinstehenden haben wir auch jemanden eingeladen, zu dem die Person eine Beziehung hat. Und der/die ihr an diesem Tag seine/ihre Aufmerksamkeit schenkt. Das war für Hans Schlegel sein langjähriger Auto­mechaniker.

Darauf freut er sich jedes Jahr wieder. Der 24. 12. ist ja auch ein sehr emotionales Datum. Da machen wir für alle, die nicht zu Verwandten gehen, eine kleine Feier am Nachmittag. Es kommt ein Pfarrer. Wir singen gemeinsam. Wir hören auch die Weihnachtsgeschichte».

Fazit: Allein zu sein bedeutet nicht unbedingt, auch einsam zu sein. Einsam ist aus psychologischer Sicht nur, wer alleine auch unglücklich ist.

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