Walter Hess: «Ich bin kein Zögerer»

Mit 61 kehrte Walter Hess der aktiven Politik den Rücken. Er ging in seinen erlernten Beruf zurück – ungeplant und befristet. Die Politik verfolgt er noch immer. Sein Urteil fällt ernüchternd aus: Es werde heute zu oft nicht nach Lösungen gesucht und nur noch Wahlkampf gemacht.

Regula Weik
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Walter Hess im Garten seines Zuhauses in Oberriet. (Bild: Ralph Ribi)

Walter Hess im Garten seines Zuhauses in Oberriet. (Bild: Ralph Ribi)

OBERRIET. Und dann stand er wieder im Klassenzimmer, wie dazumal, 23 Jahre früher, vor seiner Wahl zum Gemeindepräsidenten von Oberriet. Walter Hess ist von Haus aus Sekundarlehrer, Mathematik sein Hobby. Doch es war nicht diese Passion, auch nicht jene für Latein und Altgriechisch, die ihn zurück vor eine Schulklasse führte. Es war der «Gwunder». Als er für eine Stellvertretung angefragt wurde, habe es ihn «einfach gestochen». Er wollte hautnah erfahren, ob die heutige Jugend tatsächlich so anders, so schwierig sei. Sein Fazit nach zwei Jahren Unterricht, erst in Speicher, dann in Diepoldsau: «Die Jugendlichen sind noch dieselben, das Umfeld ist anders.» Sein Ansatz als Lehrer: «Ich bin felsenfest überzeugt, dass jeder im Klassenzimmer viele Talente hat und auf irgendeinem Gebiet der Beste ist. Wir müssen nur herausfinden, wo. Als Lehrperson kann ich die Jugendlichen bei dieser Suche unterstützen und begleiten.»

Abmachung getroffen

Der Lehrer-Aushilfsjob war Hess' erster – und bisher einziger – nach seinem Rückzug aus der aktiven Politik. Das war Ende 2010. Er habe damals unzählige Anfragen von Organisationen erhalten. Doch Hess hatte mit seiner Frau abgemacht: absagen, absagen und nochmals absagen. Er habe es nicht ganz geschafft.

23 Jahre hatte Hess der Gemeinde Oberriet vorgestanden. Einmal war er versucht gewesen, dem Gemeindehaus im Rheintal den Rücken zu kehren – und in die Pfalz in St. Gallen einzuziehen. Es hat nicht geklappt. Es war der zweite Wahlgang zu den Regierungswahlen 2004. Der bisherige Gesundheitsdirektor Anton Grüninger war im ersten Durchgang nicht wiedergewählt worden; die Pläne, Landspitäler zu schliessen, waren ihm zum Verhängnis geworden. Hess wurde noch am Wahlsonntagabend von der Partei angefragt, ob er für eine Kandidatur bereit sei. Er überlegte – und sagte zu. «Ich bin kein Zögerer.»

Sein Entscheid wurde nicht allerorts verstanden. Hess' Glaubwürdigkeit wurde angezweifelt. Der Grund: Im Herbst zuvor hatte er sich aus dem Nationalrat verabschiedet. «Ich werde zu Hause gebraucht», hatte der fünffache Familienvater seinen Rückzug aus Bern begründet. Vier Jahre hatte Hess auf nationaler Ebene politisiert. «Ich stand sieben Tage im Einsatz und hatte null Zeit für meine Familie. Ich hielt selber nicht ein, was ich als CVP- und Familienpolitiker predigte.» Daher habe er die Konsequenzen gezogen und nicht mehr kandidiert. Das sei ihm schwergefallen, der Entscheid sei aber richtig gewesen.

Hess, den auch die politischen Gegner als «geradlinig, kommunikativ, sach- und zielorientiert» taxierten, spürte plötzlich Gegenwind. Er hätte «einen ganzen Laden», jenen des Gemeindepräsidenten, gegen «einen Job», jenen des Regierungsrats, getauscht, erklärt er seine damaligen Ambitionen. Und sich nicht, wie mit dem Nationalratsmandat, zusätzlich etwas aufgeladen. Die Wahlniederlage sei schade gewesen – «aber absolut kein Drama».

Schweigen ausgelöst

Hess' Nationalrats-Intermezzo war zu kurz, als dass er tiefe Spuren in Bern hinterlassen hätte. Als Highlight bezeichnet er einen Antrag, den er bei der Militärgesetzrevision stellte – und im Plenum als Einzelkämpfer eine Mehrheit dafür gewann. Hess forderte, dass Auslandeinsätze der Schweizer Armee freiwillig und die Teilnahme an Kampfhandlungen zur Friedenserzwingung verboten seien.

Gerne erinnert er sich auch an sein Statement vor der OSZE in Wien – vor dem Irak-Krieg. Die Runde in der Hofburg bestand aus Diplomaten und Militärattachés. Hess war der einzige Politiker; er war damals in Bern Präsident einer Task-Force «Innere Sicherheit». Die Diplomaten hätten sich gegenseitig auf die Schultern geklopft – da sei ihm der Kragen geplatzt, er habe das Wort verlangt und festgehalten: «Nur als Lob-Club braucht es uns nicht.» Es sei mucksmäuschenstill geworden, und nach der Mittagspause sei sein Statement in allen Amtssprachen auf den Pulten gelegen. «Genützt hat es nichts», schmunzelt er heute, «der Krieg brach trotzdem aus.»

Hess wird von politischen Begleitern als konziliant geschildert. Für einen Kompromiss Hand zu bieten, bedeute nicht, seine Überzeugungen aufzugeben und seine Herkunft zu verleugnen, sagt er. Weit schlimmer sei, «in ideologischer Reinheit zu verharren» und so jegliche Problemlösung und jegliches Weiterkommen zu verunmöglichen.

Vermisst der heute 66-Jährige die aktive Politik? Er verneint. Er habe keine Entzugserscheinungen. Er habe früh gelernt, loszulassen. Er überlegt und sagt dann: Wenn er heute durchs Dorf gehe, werde er noch immer mit «Hoi Walter» gegrüsst, wie früher als Gemeindepräsident; doch er halte sich strikte aus der kommunalen Politik draussen.

«Parapolitisch» freilich ist Hess heute noch aktiv – im Vorstand «Freundeskreis der CVP Rheintal», im Vorstand der Vereinigung ehemaliger CVP-Kantonsräte – er gehörte dem Gremium acht Jahre an – und aktuell als Wahlstabsleiter für Thomas Ammann, National- und Ständeratskandidat der St. Galler CVP. Und dann seien da noch ein paar andere «Jöbli». Hess engagiert sich in caritativen und sozialen Stiftungen und Organisationen. So ist er Berater des Klosters Maria Hilf in Altstätten und Beirat der Weihnachtsaktion der Tagblatt Medien «Ostschweizer helfen Ostschweizern». «Helfen in der ganzen Breite», fasst er seine Engagements zusammen.

Rauher und offener

Im Hintergrund zwitschern Vögel. Die Voliere – «ein Uralt-Modell» – sei ein Überbleibsel vom Hobby des jüngsten Sohnes. Hess' Garten ist auch das Zuhause mehrerer Hühner und Schildkröten. Heute dreht Hess öfter auch den Hausschlüssel und bricht auf zu einer Städtereise oder erkundet ferne Destinationen wie Ukraine oder Usbekistan.

Hess ist kein gebürtiger Rheintaler. Er wuchs in Jonschwil auf. Mit 29 zog er nach Marbach. Nach den Mentalitätsunterschieden zwischen Toggenburgern und Rheintalern gefragt, sagt er: Der Rheintaler sei rauher, offener, sage schneller mal «du Schoofseckel», sei im Herzen aber feinfühlig und warmherzig; der Toggenburger öffne sich nicht so rasch, sei vorsichtiger. Und wo ist heute seine Heimat? «Heimat ist dort, wo man liebe Mitmenschen kennt.»