Wahrheit oder richtige Lüge?

Man bekommt es mit, ob man will oder nicht; keine Tagesschau ohne Berichterstattung über den US-amerikanischen Wahlkampf, keine Zeitung, ohne das Neueste über Trump, Clinton & Co.; als ob diese Wahlen für unser Land entscheidend wären. Sie sind es auch. Husten die USA, erzittert die ganze Welt.

Pfarrer Erich Guntli, Buchs
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Man bekommt es mit, ob man will oder nicht; keine Tagesschau ohne Berichterstattung über den US-amerikanischen Wahlkampf, keine Zeitung, ohne das Neueste über Trump, Clinton & Co.; als ob diese Wahlen für unser Land entscheidend wären. Sie sind es auch. Husten die USA, erzittert die ganze Welt. Wahlen in Russland werden selbstverständlich als undemokratisch und manipuliert abgehakt. Russland kann nicht demokratisch sein. Was Demokratie ist, bestimmen einzig die USA. Wie Demokratie funktioniert, wird in grossen Politshows auf den TV-Kanälen zelebriert. Ich muss es eigentlich nicht wissen, bekomme es trotzdem mit. Kandidaten versuchen sich über oder unter der Gürtellinie fertig zu machen, bezichtigen sich gegenseitig der Vertuschung, der Verheimlichung oder gar der Lüge. Entscheidend bei den Wahlen in den USA ist, wer richtig lügt. Das kostet Geld, viel Geld. Demokratie ohne Einsatz von viel Geld ist nicht möglich. Nun leben wir hier nicht in den USA. Doch ähnliche Mechanismen der Politszene funktionieren auch bei uns. Politische Kampagnen sind mit grossem finanziellem Einsatz verbunden, besonders dann, wenn versprochen wird, man wolle sich für den kleinen Bürger einsetzen, der sich keine grossen Kampagnen leisten kann.

«Wer in den kleinsten Dingen zuverlässig ist, der ist es auch in den grossen.» (Lk 16,10). So sagt es Jesus. Kehre ich den Spiess um, dann werde ich skeptisch. Wird im Grossen mit viel Werbe- und Geldaufwand versucht, die Lügen richtig zu plazieren, wie sieht es dann im Kleinen aus? Täglich werden wir viel mit Nachrichten eingedeckt. Wir können sie weder verarbeiten noch auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen. Es ist zu einem Ritual geworden. Beinahe auf jede Nachricht folgt eine Gegendarstellung. Was wahr sein könnte, kann Otto Normalverbraucher nicht überprüfen. Er ist aber auch nur als Nachrichtenkonsument interessant. Je besser und geschickter eine Lüge in eine glaubwürdige Geschichte verpackt wird, umso mehr steigt die Auflage der Zeitschriften, und, was inzwischen ebenso von Bedeutung ist, umso mehr wird ein Artikel auf den elektronischen Medien angeklickt. Das liefert die Grundlage für die Plazierung und den Verkaufspreis der Werbung.

«Was ist Wahrheit?» Diese Frage stellt schon Pilatus beim Prozess Jesu. Nun kann eingewendet werden, die Erzählungen der Bibel nehmen es mit der Wahrheit auch nicht so genau. Es ist zu wünschen, mit derselben Skepsis werden auch die richtigen Lügen begutachtet, die als Wahrheit auf den Markt der demokratischen Propaganda geworfen werden.