«Wahr ist, was bewiesen ist»

Die Präsidentin des Kreisgerichts Werdenberg-Sarganserland, Regula Widrig Sax, spricht in unserem Interview über Wahrheit, Wahrheitsfindung, Lügen und Unwahrheiten.

Reinhold Meier
Drucken
Teilen

Frau Gerichtspräsidentin Widrig Sax, was dient der Wahrheitsfindung vor Gericht?

Regula Widrig Sax: Schriftstücke sind die stärksten Beweise bei der Wahrheitsfindung, das, was schwarz auf weiss belegt ist. Es folgen Messungen und Expertenmeinungen, dann Zeugen und zuletzt die Parteiaussagen. Der Wahrheitsfindung dient auch, wenn mehrere dasselbe sagen.

Woran merken Sie, wenn man Sie anlügt?

Widrig Sax: Ich merke es nicht! Man meint vielleicht oft, man merkt es, aber man kann nie ganz sicher sein. Ich frage mich lieber umgekehrt: Sagt einer die Wahrheit? Als Richter hat man es einfach, denn wahr ist, was bewiesen ist. Daher rührt die Kluft zwischen Recht haben und Recht bekommen. Wenn sich etwas nicht beweisen lässt, nützt es wenig, Recht zu haben.

Inwiefern gehören die Geschichte und Persönlichkeit eines Täters oder einer Täterin zur Wahrheit seiner Tat?

Widrig Sax: Diese Frage betrifft die Strafzumessung. Da geht es um subjektive Faktoren. Wahrheit muss sich beweisen lassen, das individuelle Verschulden lässt dem subjektiven Empfinden Raum. Man muss prüfen, ob das, was einer gemacht hat, ihm auch zum Vorwurf zu machen ist, ob er schuldfähig ist. Es ist auch zu prüfen, wie strafempfindlich jemand ist. Eine kleinere Strafe kann für den einen schärfer sein, als für einen anderen eine grössere.

Welche Rolle spielen Stimmungen ausserhalb des Gerichtssaals bei der Wahrheitsfindung im Gerichtssaal?

Widrig Sax: Für mich keine. Ich hatte aber auch noch keinen Fall, der nationales Medienthema wurde. Ich würde mir nie eine Meinung wegen Publikumsmeinungen bilden, für mich zählt allein, was bewiesen ist.

Was unterscheidet einen Aprilscherz von einer Unwahrheit vor Gericht?

Widrig Sax: (lacht) Manchmal nicht so viel! Klar, der Aprilscherz ist humorvoll gemeint, die Lüge ist Ernst. Aber manchmal gibt es auch unglaublich dumme Zufälle, wo man sich kaum ein Lachen verkneifen kann.

Kann Lügen wertvoller sein, als die Wahrheit zu sagen?

Widrig Sax: Im Strafverfahren muss man gar nichts sagen. Das kann günstiger sein, als zu lügen. Denn Lügen birgt das Risiko, widerlegt zu werden.

«Keiner kann für sich den Besitz der Wahrheit beanspruchen, sonst wäre er unfähig zum Kompromiss und überhaupt zum Zusammenleben» (Richard von Weizsäcker). Ist das wahr oder unwahr?

Widrig Sax: Wahr. Es gibt keine objektive Wahrheit. Schon ein Rot ist für den einen dies und den anderen anders. Auch die Widersprüche bei Zeugenaussagen zeigen das. Sie lügen nicht, sondern sagen auf ihre Art ihre Wahrheit, das, was sie erlebt haben.

Im Zeitalter des Internets – dürfen alle alles wissen, was wahr ist?

Widrig Sax: Jeder ist für sich verantwortlich, welche Wahrheit er preisgibt. Wenn einmal etwas im Internet im Umlauf ist, lässt es sich kaum rückgängig machen.

Aktuelle Nachrichten