Vier Räder, die die Welt bedeuten

Jonny Giger aus Gams gehört zu den besten Flatground-Skatern der Welt. Sein Sport brachte ihn bereits an viele Orte der Welt, doch trotz des grossen Erfolgs ist der 22-Jährige bescheiden geblieben. Dem W&O erzählt er aus seinem Leben.

Johanna Senn
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Jonny Giger in Action: Ein Kickflip beim Gymnasium in Vaduz. (Bild: Ramon Mindel)

Jonny Giger in Action: Ein Kickflip beim Gymnasium in Vaduz. (Bild: Ramon Mindel)

GAMS. Als der grossgewachsene junge Mann aus Gams das Restaurant betritt, ist es kaum vorstellbar, dass er Tricks auf dem Skateboard macht wie kaum ein anderer. Er setzt sich an den Tisch, die schwarze Kapuze seiner Jacke über den Kopf gezogen. Darunter gucken die braunen Haare hervor. Er nimmt Platz, bestellt einen Kamillentee. Die Kapuze nimmt er ab, sein Cap legt er auf den Tisch vor sich. Mit einer kurzen Handbewegung streicht er durch sein dunkelbraunes Haar. Er trägt Kleider seiner Sponsoren; ein Beanie von Force, das Shirt von Revive, die Schuhe von Etnies.

Seit neun Jahren auf dem Brett

Sein erstes Skateboard hielt er im Alter von 12 Jahren in den Händen. «Mein Vater hatte mir damals ein Skateboard gekauft.» Doch die Leidenschaft für das Skaten entflammte nicht sofort. «Ich liess es ein Jahr lang im Regen stehen. Schliesslich benutzte ich es als Transportmittel, irgendwann kam ich dann dahinter, dass man damit auch andere Sachen machen kann.» Diese «Sachen» wurden zu seiner Spezialität – dem Flatground-Skating.

Flatground-Skating

«Das sind Tricks, die ich auf dem Boden mache», erklärt er. In dieser Kategorie gehört er zu den besten der Welt. «Ich denke mir viele Tricks aus, die noch nie jemand so gemacht hat», fügt er mit seiner rauhen Stimme an und wärmt sich die Hände an der Tasse. Los Angeles, Singapur, London, Paris… – die Liste an Orten, die er durchs Skaten besuchen konnte, liest sich wie eine Woche im Leben von Donald Trump.

Nachwuchs fördern

«In Paris war ich als Leiter eines Skate-Camps dabei. 120 Kinder! Das war manchmal schon etwas anstrengend. Vor allem die Verantwortung über so viele Kinder zu haben ist anspruchsvoll.» Dass ihm der Skate-Nachwuchs am Herzen liegt, merkt man sofort. Auch seine grosse Fangemeinde nimmt er ernst. «Ich will die Kids motivieren. Positiv. Im Moment sind Scooter im Trend. Ich will ihnen zeigen, dass Skaten auch seinen Reiz hat.» Mittlerweile hat er 13 000 Follower auf Instagram. Er unterhält ausserdem einen YouTube-Channel und sein Facebook-Profil. «Naja. Davon leben kann ich noch nicht. Aber seit einiger Zeit habe ich eine reelle Chance auf eine Karriere als Skater. Das ist unglaublich», erzählt er mit leuchtenden Augen.

Grosser Karrieresprung

Ein wichtiger Schritt war die Reise nach Los Angeles an das «Battle at The Berrics». Dort messen sich Profis mit Joe's – also Amateuren. Er war zwar als Amateur dabei, doch um sich als «Joe» dort zu qualifizieren, braucht es schon einiges: «In London gewann ich die Qualifikation – so konnte ich schliesslich nach L. A. reisen und dort an den Finals teilnehmen. Gewonnen hat er zwar nicht, doch er schaffte es als einziger Schweizer nach L. A. und war nur einer der 16 Joe's, die sich qualifizierten – und mit seiner Leistung zufrieden. «Allgemein die Zeit in L. A. war unvergesslich. Auch die Menschen die ich kennenlernen durfte, waren alle unglaublich freundlich.»

Kein Leben im Luxus

Auch in so manchem tollen Hotel durfte er schon ein- und ausgehen. Er spielt nervös mit seiner Tasse, rückt sie auf dem Untersetzer zurecht. «Natürlich, das ist schon cool» – er grinst. Dann wird er etwas nachdenklich. Die braunen Augen auf die Teetasse geheftet. «Aber die Leute, die nur Geld machen, um sich ihren Luxus leisten zu können, das kann ich nicht nachvollziehen. Es gibt doch noch mehr im Leben. Ich arbeite, um zu leben. Nicht umgekehrt.» Am Boden halten Jonny auch seine Freunde «sie sind mir sehr wichtig». Momentan arbeitet er im Freeberg-Bike-Shop in Buchs. «Die Leute da sind selbst ambitioniert und haben Verständnis, dass ich versuche, meine Brötchen auf etwas unkonventionelle Weise zu verdienen.»

Begrenzte Möglichkeiten

Bei schlechtem Wetter skatet er in Tiefgaragen und in einer kleinen Skate-Halle in Buchs. «Die Halle ist zu klein für viele Skater. Das Bedürfnis nach einer grösseren Halle ist schon lange vorhanden. Im Winter fahre ich fast jeden Abend in eine Skate-Halle in Dornbirn, doch diese wird nun bald geschlossen.» Verbringt er seine Tage nicht mit Skaten oder um Skate-Filme für seinen YouTube-Channel oder seine Kumpels aufzunehmen, ist Musik seine zweite grosse Leidenschaft. «Wenn ich frei habe, schlafe ich bis so um 10 Uhr, dann spiele ich zwei Stunden Gitarre, checke meine Profile und dann ab in den Skate-Park.» Mit guter Musik fühle er sich einfach wohl. «Ben Howard höre ich am liebsten.» Abends übe er dann nochmals zwei Stunden auf seiner Gitarre und liest oft noch etwas, bevor er schlafen geht. «Im Moment liegt ein Buch von Herrmann Hesse auf meinem Nachttisch. Hört sich schlau an, nicht?!», meint er und muss lachen.

Projekt in Laax

Doch der letzte Gedanke vor dem Einschlafen gehöre dann wieder dem Skaten. «Oft habe ich dann schon einen bestimmten Trick im Kopf, den ich unbedingt ausprobieren möchte. So kann ich es anschliessend kaum erwarten, aufzustehen und aufs Board zu steigen.» Nach dem zweiten Kamillentee muss der 22-Jährige wieder los. Zum Skaten nach Laax. «Ich arbeite dort noch an einem Projekt. Aber darüber darf ich noch nichts verraten», grinst schelmisch, und macht sich wieder auf den Weg zu seinem kleinen roten Auto.