Viele der Flüchtlinge sind sehr krank

In der Marienburg in Thal wurden bisher 60 syrische Flüchtlinge von den St. Galler Gemeinden betreut. Weitere 60 werden bis Ende dieses Jahres erwartet – Sorgen machen der Gesundheitszustand und die hohen Folgekosten.

Christoph Zweili
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Seit August 2014 sind im ehemaligen Internat Marienburg in Thal syrische Flüchtlinge untergebracht. (Bild: Peer Füglistaller)

Seit August 2014 sind im ehemaligen Internat Marienburg in Thal syrische Flüchtlinge untergebracht. (Bild: Peer Füglistaller)

THAL. Im August 2014 zogen die ersten syrischen Flüchtlinge in der Marienburg in Thal ein. Im Oktober folgte eine zweite Gruppe, zusammen 60 an der Zahl – «alle traumatisiert, weil sie einen Elternteil oder den Ehegatten verloren haben», sagt Projektleiter Michael Forster. Im ehemaligen Internat werden sie medizinisch versorgt und rund um die Uhr psychiatrisch betreut. Für Beat Tinner (Azmoos), den Präsidenten der St. Galler Gemeinden, macht das Pilotprojekt des Bundes auch in Zukunft Sinn. «Diese frühestmögliche Integration ist das Beste, was wir machen können.»

Geschichten hinter der Türe

Die Projektträger informierten vergangene Woche in Thal. Der Saal ist gut gefüllt. Die Fremden sind ein Thema – für Einheimische und Journalisten. Denn sie sind praktisch unsichtbar. Die Zwischenbilanz nach sechs Monaten wirkt daher blutleer. Gezeigt werden TV-Bilder von syrischen Flüchtlingen in einem Lager in Libanon. In der Marienburg hat das Elend kein Gesicht, mit wenigen Ausnahmen: spielende Kinder, kochende Frauen.

Forster gleicht das Defizit aus, indem er die Türe ein wenig öffnet. Und Geschichten vom Leben und Arbeiten in der Marienburg erzählt: Die Flüchtlinge, fürstlich empfangen mit einem grossen libanesischen Buffet, haben sich an das hiesige Essen gewöhnt. Ab und zu wird syrisch gekocht. Sie kaufen sich vom Sackgeld gespendete Kleidungsstücke für einen Franken im hauseigenen Shop. Die Kinder haben im Schulunterricht Uniform zu tragen, ein T-Shirt. Beim Essen wird geschöpft, weil sonst zu viel weggeworfen wird. Wenn Flüchtlinge selber kochen, kochen sie immer zu viel – für sie ein Zeichen von Wohlstand. Und sie kannten vorher nur Weissbrot, das sie ohne Rinde essen.

Die Schweiz hat sich verpflichtet, bis Ende 2015 ein Kontingent von 500 besonders verletzlichen Personen hier anzusiedeln. Die St. Galler Gemeinden bereiten daher 120 Personen auf das künftige Leben vor – im Auftrag des Bundes.

Noch bis Ende Jahr

55 von 60 eingereisten Flüchtlingen sind bereits wieder auf fünf St. Galler Gemeinden verteilt. Weitere 60 werden in Thal erwartet. Sie werden bis spätestens Ende Jahr betreut, dann laufen die Miet- und Arbeitsverträge aus. «Zuvor müssen wir aber klären, wer zahlt, wenn ein Kind in die Gehörlosen- oder die Heilpädagogische Schule muss», sagt Tinner. Der Bund wäre in der Pflicht, «doch wir verhandeln noch».

Das Modell funktioniert

Der miserable Gesundheitszustand der Flüchtlinge sei die grösste Überraschung gewesen, heisst es. Das meiste aber läuft gut. Die Kinder, nach vier Jahren Lagerleben und ohne Tagesstruktur, waren anfangs nervös, suchten Zuneigung und Wärme, wo immer es ging. «Jetzt können sie dem Unterricht in einer Regelklasse folgen», freut sich eine Oberstufenlehrerin.

Das Modell funktioniert so gut, dass sich Tinner vorstellen kann, dass es im Rahmen der Asylreform nach 2017 schweizweit zum Tragen kommt. Dann, wenn der Bund auch die Verfahrenszentren in Altstätten und Kreuzlingen in Betrieb nimmt. Und der Kanton St. Gallen nur noch jene Asylsuchenden betreut, die nicht hier bleiben können. Für die, die hierbleiben, wären dann weiterhin die Gemeinden zuständig.