Verschollen und nie gesucht

Das Kreisgericht Werdenberg-Sarganserland hat im Amtsblatt einen Verschollenheitsruf für Maria Theresia Wilhelm veröffentlicht, die 1960 verschwand. Über ihr Schicksal gibt es ein Buch – es war Vorbild für den Film «Das Deckelbad».

Andreas Kneubühler/sda
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MELS. Im Amtsblatt des Kantons St. Gallen vom 6. Juli steht folgende Meldung: «Wer Nachrichten über die Verschollene geben kann, wird ersucht, sich innert der Frist von einem Jahr zu melden.» Publiziert hat den Verschollenheitsruf das Kreisgericht Werdenberg-Sarganserland. Gesucht wird Maria Theresia Wilhelm, Jahrgang 1911. Sie wäre heute 104 Jahre alt.

Die im Jahr 1960 verschwundene Frau ist inzwischen zu so etwas wie einer Person der Zeitgeschichte geworden. Über ihr unglückliches Leben hat der Autor und «WoZ»-Redaktor Stefan Keller 1991 ein Buch mit detaillierten Recherchen veröffentlicht: «Maria Theresia Wilhelm, spurlos verschwunden».

Verfilmt in «Das Deckelbad»

An ihre Geschichte lehnt sich auch die Handlung des Spielfilms «Das Deckelbad» des Werdenberger Regisseurs Kuno Bont an. Das Drama wurde an den diesjährigen Solothurner Filmtagen gezeigt und lief danach in verschiedenen Schweizer Kinos. Nun wurde der Film auch am West-Film-Festival von Montreal (Kanada), das vom 27. August bis 7. September stattfindet, gezeigt.

In Kellers Buch – und in Bonts Film – wird geschildert, wie die lebenslustige Frau Katharina Walser aus dem Vorarlberg nach einer Affäre mit dem Grabser Wildhüter Ulrich Gantenbein von der Obrigkeit drangsaliert und wie ihre Persönlichkeit in der Heil- und Pflegeanstalt St. Pirminsberg durch Elektroschocks und Deckelbäder systematisch gebrochen wurde. Ihre Kinder wurden ihr weggenommen und als Pflege- oder Verdingkinder versorgt. Ein Schicksal, das auch die reale Maria Theresia Wilhelm teilte.

Spurlos verschwunden

Am 20. Juli 1960 sei Maria Theresia Wilhelm von Grabs aufgebrochen, um in Buchs Schuhe zu kaufen, heisst es im Buch von Stefan Keller. Und: Es sei ein kalter Sommer gewesen, wahrscheinlich habe es geregnet. Seit jenem Tag gibt es von der damals 49jährigen Frau keine Spur mehr. Allerdings hatten die Behörden auch keinerlei Anstrengungen unternommen, sie zu finden. Dies soll nun ein halbes Jahrhundert später, zumindest via Amtsblatt, nachgeholt werden.

Versuch eines Schlussstrichs

Hinter dem Verschollenheitsruf des Kreisgerichts steht Christina Giovanoli, die Tochter von Maria Theresia Wilhelm, die das Verfahren zusammen mit ihren Brüdern lanciert hat.

Einerseits könne so zumindest ein gesetzlicher Schlussstrich gezogen werden, erklärte sie. Dies sei nämlich nie geschehen. Andererseits sei der Aufruf auch so etwas wie ein weiterer Anlauf, vielleicht doch noch neue Informationen über das Schicksal ihrer Mutter zu erhalten.

Christina Giovanoli war beim Verschwinden von Maria Theresia Wilhelm 13 Jahre alt und hat seitdem immer wieder versucht, das Rätsel zu lösen. Oft sei sie dabei gegen Mauern angelaufen, schilderte sie.

Im Zusammenhang mit der schweizweiten Aufarbeitung der Schicksale von Verdingkindern und administrativ Versorgten konnte sie in den letzten Monaten Einblick in Akten nehmen, die ihre Eltern und sie selber betreffen. Sie habe darin keinen einzigen Hinweis gefunden, dass je nach ihrer Mutter gesucht wurde. «Ein Mensch verschwindet – und niemand sucht nach ihm», stellte sie fest.