UNTERWASSER/NAPA VALLEY: «Wo man auch hinschaut, hat es Reben»

Auf dem Weingut Cuvaison in der kalifornischen Weinbauregion Napa Valley arbeitet die 21-jährige Winzerin Géraldine Roller während acht Monaten als Praktikantin. Sie erzählte dem W&O unter anderem von den Unterschieden zur Schweiz.

Corinne Hanselmann
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«Ich werde aus dem Praktikum in Kalifornien viele Erfahrungen mitnehmen können», ist die Winzerin Géraldine Roller überzeugt. (Bild: PD)

«Ich werde aus dem Praktikum in Kalifornien viele Erfahrungen mitnehmen können», ist die Winzerin Géraldine Roller überzeugt. (Bild: PD)

Corinne Hanselmann

corinne.hanselmann@wundo.ch

Jährlich werden etwa 480 000 Flaschen Wein auf dem Weingut Cuvaison produziert. Im Vergleich zu Schweizer Betrieben eine grosse Menge. In Napa Valley hingegen gehört der Betrieb mit 30 Angestellten – sieben davon in der Weinproduktion, die anderen in Bereichen wie Marketing, Verkauf und Tastingroom –, der im Besitz der Schweizer Familie Schmidheiny steht, eher zu den kleineren. Seit April arbeitet die Obertoggenburger Winzerin ­Géraldine Roller bei der Weinproduktion mit.

Wie sehen Ihre Arbeitstage auf Cuvaison aus? Was sind Ihre wichtigsten Aufgaben?

Ich beginne morgens um 7 Uhr und arbeite mit einer kurzen Mittagspause bis 15.30 Uhr. Wenn wir morgens zur Arbeit kommen, steht ein Tagesplan bereit. So wissen wir, was wir zu tun haben. Den Sommer durch war es meist eher ruhig und nicht stressig. Regelmässig mussten wir die Wein­fässer, die sogenannten Barrique, auffüllen und pflegen. Ausserdem gibt es immer wieder diverse Tanks zu reinigen. Seit gut drei Wochen sind wir nun am Ernten. Die Arbeitstage sind etwas länger. Aber ich freute mich schon lange darauf – die Ernte ist immer das Highlight des Jahres. Wir verarbeiten fast täglich Traubengut. Nun stehen andere Arbeiten im Vordergrund. Zum Beispiel helfen wir am Sortiertisch, dort werden die schlechten Trauben aussortiert, bevor sie vom Stiel entfernt werden. Zudem müssen wir dafür sorgen, dass der rote Traubenmost möglichst oft mit der Traubenhaut in Kontakt ist, damit sich die Farbe aus der Haut löst. Wenn die Weine fertig vergärt sind, werden sie gepresst. Dort braucht es immer Hilfe.

Sie sind bereits seit April auf Cuvaison. Sind mittlerweile noch weitere Praktikanten dazugekommen?

Ja, die anderen beiden Praktikanten sind seit Mitte August mit im Team. Sie sind aus Ungarn und sind beide in der Weinbau-Ausbildung an einer Universität. In Kalifornien machen sie nun das Praktikum. Beide haben einen elterlichen Weinbaubetrieb.

Wo gibt es Unterschiede bei der Arbeit als Winzer in der Schweiz und in Kalifornien?

Es gibt einige Unterschiede. Es fängt bereits damit an, dass es in den USA den Winzerberuf nicht gibt. Alle Angestellten, die hier im Weinkeller oder in den Reben arbeiten, sind nicht ausgebildet in dieser Arbeit. Eine Ausnahme sind die sogenannten «Wine­makers», von denen zwei auf Cuvaison arbeiten. Ein weiterer Unterschied ist natürlich die Grösse des Weinguts – in Kali­fornien sind die Weinbaugebiete viel grösser als in der Schweiz. Zudem sind es in der Schweiz meistens Rebberge, hier sind es eher Rebfelder – es ist alles flach hier. Das Klima ist sehr trocken, es gibt fast keine Begrünung in den Reb­gassen. Die Trauben­sorten sind jenen in der Schweiz ziemlich ähnlich. Das Napa Valley ist die Cabernet-Sauvignon-Hochburg.

Wo werden die Weine von Cuvaison hauptsächlich verkauft? Gibt es sie auch in der Schweiz?

Cuvaison verkauft hauptsächlich in Restaurants, in diversen Läden und über einen Weinclub. In der Schweiz kann man die Weine auf den Weingütern Schmidheiny in Heerbrugg und Höcklistein in Rapperswil-Jona kaufen.

Was werden Sie aus dem Praktikum in Kalifornien mitnehmen?

Ich werde sehr vieles mitnehmen können. Es ist eine unglaublich tolle Erfahrung für mich. Die Dimensionen hier sind ganz anders, so lerne ich einiges bezüglich Planung und Organisation in einem sehr grossen Keller. Ich lerne auch eine andere Art des Weinmachens kennen, weil das Klima hier anders ist. Zum Beispiel die Spontanvergärung von Rot­weinen, die hier bereits ein normaler Prozess ist, kannte ich bisher noch nicht. Es ist gut, dass wir ein kleines Team sind – so haben wir die Möglichkeit, überall mitzuhelfen und dadurch zu lernen.

Konnten Sie nebst der Arbeit auch ein wenig Sightseeing machen?

Ja, ich hatte die Möglichkeit, Ferien zu nehmen. Ich bin dann zwei Wochen mit Besuch aus der Schweiz in der Region Napa Valley herumgereist und besuchte verschiedene Weingüter. Die Region hier ist wunderschön, es gefällt mir sehr! Wo man auch hinschaut, hat es Reben, und es dreht sich alles um Wein. Das finde ich toll, gerade weil ich ja nicht aus einer Weinregion in der Schweiz komme. Viele Weingüter präsentieren sich prachtvoll mit ihren Gebäuden. Das Napa Valley ist weltweit bekannt und es kommen zahlreiche Touristen hier her. Es gibt verschiedene Weintouren-Anbieter und sogar einen Zug, den «Winetrain», mit dem man Weingüter besuchen kann. Eigentlich eine gute Sache, die Preise dafür sind aber wahn­sinnig hoch. Auch wenn man einfach so ein Weingut besucht, bezahlt man für eine Degustation von vier bis fünf Weinen zwischen 20 und 60 Dollar pro Person.

Haben Sie Heimweh?

Nein, ich habe erstaunlicher­weise kein Heimweh. Der Abschied fiel mir sehr schwer. Da es mir aber so gut gefällt und ich gute Menschen um mich habe, habe ich kein Heimweh. Heutzutage ist es dank den technischen Möglichkeiten wie Computer und Handy einfach, täglich mit den Liebsten zu Hause in Kontakt zu sein. Nicht einmal die Zeitverschiebung ist ein Problem.

Sie sind noch bis November in Cuvaison. Wie geht es nach dem Praktikum weiter?

Ich werde in der Schweiz als ­Winzerin arbeiten.

Muss man Wein mögen, um eine gute Winzerin zu sein?

Ja, auf jeden Fall muss man Wein mögen, um gute Weine zu machen. Da gehört aber auch jahrelange Erfahrung dazu. Mit 16, als ich die Lehre begann, hatte ich keinen Bezug zu Wein. Ich denke, heute ist es im Allgemeinen so, dass man sich mit 16 noch nicht für Wein interessiert. Man sieht es einfach als ein alkoholisches Getränk. Ich lernte es also während meiner Ausbildung. Durch das Wissen über die Produktion sehe ich den Wein heute anders an. Jetzt hinterfrage ich zum Beispiel, warum er eine florale oder eine exotische Note hat. Es ist eine unglaubliche Wissenschaft und für mich etwas Faszinierendes.

Wann trinken Sie gerne ein Glas Wein?

Ich trinke am liebsten Wein in einer Gesellschaft, sei es mit Freunden oder der Familie. Wein ist etwas, das Leute zusammenbringt. Etwas Leckeres kochen und dazu ein gutes Glas Wein – was will man mehr.

Welches ist Ihr Lieblingswein?

Schwierige Frage. Es gibt so viele Weine und mein Geschmack und meine Erfahrung wird sich über die Jahre verändern. Was ich aber immer interessant finde, ist ­Sauvignon Blanc und Pinot Noir.