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Ungerecht, aber grossartig

Die Fänin
Doris Büchel

Dass das Leben zuweilen ungerecht sei, dachte ich, als ich ganz oben auf diesem Gipfel stand und in die Sonne blinzelte, um mich herum Berge, aneinandergereiht wie Perlen an einer Schnur. Das Leben ist ungerecht, dachte ich also, nicht wissend, wie ich meinen ersten Bogen in diesen stolzen Hang zaubern sollte, der mich in seiner Steilheit an den «freien Fall» in St. Moritz und seiner Ausstrahlung an die «Mausefalle» in Kitzbühel erinnerte. «Auf geht’s!», jauchzten meine Begleiter und weg waren sie, grad so, als wäre der Mensch nur aus einem einzigen Grund erschaffen worden, nämlich, um mit Skiern an den Füssen symmetrische Schlangenlinien in steile Schneehänge zu zeichnen.

Dass das Leben zuweilen ungerecht ist, denke ich auch, wenn mitten im E-Banking-Prozedere dem Laptop der Saft ausgeht. Wenn ich die sieben Franken an der Parkuhr mit 10- und 20-Räpplern zahlen möchte und sich dann jemand hinter mich anstellt. Wenn die Frau im Restaurant unter dem Tisch die Schuhe auszieht, um ihre Socken, die offensichtlich unter ihre Fersen gerutscht sind, wieder hochzuziehen. Wenn ich neue weisse Haare im Bart meines Mannes entdecke und denke: Das ist so schön, und mich gleichzeitig über meine neuen weissen Haare ärgere. Wenn Tracy Chapmann im Zufallsgenerator meiner Playlist zum 17 Mal «Baby can i hold you tonight» singt. Wenn ich den jungen Mann ignoriere, der mit klammen Fingern auf der Strasse Unterschriften sammelt. Wenn die alte Frau im Zug ihren alten Mann anfährt: «Wie weit willst du eigentlich noch gehen?» und er nur leise sagt: «Ich weiss es nicht.» In solchen Momenten denke ich, dass das Leben zuweilen ungerecht ist.

Aber dann kommt ein neuer Tag, und ich sitze vor dem Fernseher, die Daumen in den restlichen Fingern versteckt und sehe, wie Roger Federer dieses Spiel gewinnt. Ich sehe, wie er strahlt und den Pokal hochstemmt, seinen 20igsten dieser Art, sehe, wie er weint. Und zwar so weint, dass ich selber mitweinen und nie mehr mit dem Weinen aufhören möchte – ich und Roger, weinend bis in alle Ewigkeit – einfach, weil es so schön ist, dermassen schön, wie sonst nur ganz oben auf einem Berggipfel an einem strahlend schönen Wintertag. Und ich denke: Dass es irgendwie geklappt hat, zur selben Zeit wie Roger Federer zu existieren, und diese Tränen live mitzuerleben (und das ganz ohne Tennis-TV-Abonnement), das ist – pardon für den Ausdruck – schon ziemlich verdammt grossartig!

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